„3 x 3 Lebensalter, weiblich“ – Skulpturengruppe von Xenia Marita Riebe

 

3x3 Lebensalter, Xenia Marita RiebeHeute möchte ich den Versuch wagen, eine meiner Lieblingsarbeiten selbst vorzustellen. Die Idee dazu kam, als ich eine Gegenüberstellung der Gemälde „Die drei Lebensalter und der Tod“ und „Die Lebensalter“ von Hans Baldung für den Blue Blog machte.

Ich möchte aber ausdrücklich erwähnen, dass es sich bei meiner Skulpturengruppe nicht um einen Epigonen von Hans Baldungs Gemälden handelt, da mir diese bis vor Kurzem unbekannt waren. Meine Skulpturen entstanden aus meiner eigenen Intention. Der Gedanken dahinter war, dass in jedem Lebensalter das nächst folgende schon vorgegeben ist und dass alle Lebensalter die vorherigen bereits gelebten beinhalten. Dies wollte ich künstlerisch darstellen und nutzte dafür drei Skulpturen aus Zeitungspapier.
Mein Ansatz war, die drei Lebensalter Kindheit, Lebensmitte und Alter in jeder der drei Skulpturen zu verdeutlichen. Anders als in den Gemälden von Hans Baldung fehlt in meiner Arbeit die vierte Stufe, der Tod.
Warum gerade drei Skulpturen?
Die Zahl Drei spielt seit jeher im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. So wird der Tag in den Morgen, den Mittag und den Abend eingeteilt, wobei der Morgen, wie der Frühling, der Kindheit, der Mittag und der Sommer der Lebensmitte und der Abend und der Winter dem Lebensende und dem Tod zugerechnet werden.
In der christlichen Theologie erscheint die Zahl Drei an zentraler Stelle, der Heiligen Dreieinigkeit. In der Antike galt die Drei als Symbol für den Anfang, die Mitte und das Ende.
Aristoteles hat die Drei in die Ethik eingebracht. Er sagte: „Falsches Handeln ist auf ein Zuwenig oder auf ein Zuviel zurückzuführen, in der Mitte liegt das Rechte.“ Der griechische Philosoph hat die Zahl Drei auch auf die Lebenseinteilung übertragen. Für ihn besaß die Jugend zu viel Kraft, Mut und Zorn und das Alter hatte all dies zu wenig. Nur in der Mitte des Lebens verfügte der Mensch über alle Eigenschaften in ausgewogenem Maße.
Über eine Einteilung des Lebens in drei oder vier Phasen ist in der Antike viel nachgedacht worden, sie wurde aber nicht dargestellt. Auch in den Bildern des Mittelalters – meist gemalt in kirchlichem Auftrag – blieb die Darstellung eine Ausnahme, denn angesichts des Jenseits galt jede Lebenseinteilung als überflüssig. Erst um 1500, als weltliche Auftraggeber die Kunstthemen zu bestimmen begannen, wurden die drei Lebensalter häufiger zum Thema der Gemälde, so auch bei Hans Baldungs „Drei Lebensalter“.
So war es auch die Zahl Drei, die mich dazu veranlasste, drei Skulpturen mit je drei unterschiedlichen Lebensaltern zu kreieren.

Skulptur von Xenia Marita Riebe

Oberkörper der alten Frau, Vorder- und Rückenansicht

Versuch einer Erläuterung und einer Interpretation
Die kleinste meiner drei Skulpturen (Höhe 41 cm) hat den Unterkörper eines Kleinkindes, der aus rosafarbenem Papier gemacht ist. Die Farbe des Papiers ist als Hinweis auf die zarte Kinderhaut gedacht und auch der Tradition geschuldet, dass kleine Mädchen in Rosa gekleidet werden. Zudem hat das Papier im Bereich des runden Kinderpos bunte Kreise und Schmetterlinge. Eine Assoziation zu Kinderspielzeug ist hier gegeben.
Der Oberkörper dieser Skulptur ist aus grauem Zeitungspapier gearbeitet. Es ist der Oberkörper einer alten Frau. Die eingefallene Brust und der runde Rücken sind ein eindeutiges Indiz dafür, dass die alte Frau an Osteoporose leidet. Ihre Arme sind sehr dünn und die Hände lang und schmal. Unter den hängenden Brüsten zeichnen sich einige Rippen deutlich ab. Dieser Oberkörper gemahnt an die Frauen, die früher ihrer unbekannten Krankheit wegen, die sie im Laufe der Jahre immer kleiner und buckliger werden ließ, als Hexen gebrandmarkt wurden.
Der Kopf dieser ersten Skulptur hingegen gehört zu einer jungen Frau. Diese hat schöne Augen und einen intelligenten Blick. Ihr roter Mund mit den schön geschwungen Lippen lächelt. Sie scheint sich ihrer Schönheit und Jugend bewusst zu sein. Die Haut und das Haar wurden von mir aus fein geblümten Papier gemacht. Dies ist ein Hinweis auf das blühende Aussehen der jungen Frau und auf die Jahreszeit Sommer, die der Lebensmitte zugeordnet wird.

Skulpturen aus Zeitungspapier von Xenia Marita Riebe

links: Kopf der jungen Frau; rechts: Kopf der alten Frau

Die größte Skulptur (53,5 cm) der Gruppe trägt auf langem faltigen Hals den Kopf einer alten Frau. Diesen kennzeichnet eine gerade schlanke Nase und schmale Lippen, die ein wenig verkrampft zusammengepresst sind. Die Augen der alten Frau wirken wach und ihr Blick ist stolz. Das weiße, noch immer üppige Haar, trägt sie in einer aufwendigen Flechtfrisur. Ihrem Ausdruck ist nichts von Leiden oder Schmerz anzusehen, aber aus ihren Augen spricht ein gelebtes Leben.
Der Kontrast des Kopfes zum Oberkörper des Kleinkindes ist ziemlich stark. Das Kind hat einen runden Bauch und seine kleinen Hände sind zu losen Fäusten geballt. Der Oberkörper ist wieder aus rosafarbenen Zeitungspapier gemacht und auf Brust und Bauch zeigen sich die bunten Kreise, Ringe und Schmetterlinge. Alles an diesem Oberkörper wirkt rundlich, eben kleinkindhaft.
Beinahe fehl am Platz sehen dazu die langen, schlanken, wohlgeformten Beine aus, die zu einer jungen Frau zu gehören scheinen. Diese, der runde feste Po und die schmalen jugendlichen Füße, sind aus dem geblümten Papier gemacht. Die jungen Frauenbeine stehen ein wenig x-beinig, die beiden großen Zehen sind neugierig nach oben gebogen.

Skulptur aus Zeitungspapier, Ausschnitt, Xenia Marita Riebe

Oberkörper der jungen Frau

Die mittlere Skulptur (53 cm) steht auf langen, dünnen Beinen, den Beinen einer alten Frau. Diese und die schmalen großen Füße sind aus grauem Papier gemacht. Ein Papier so grau wie der Abend und wie ein trüber Wintertag. Die Pobacken des alten Unterkörpers hängen schlaff herab und der Bauch ist spitz. Zwischen den Beinen ist eine Andeutung von erschlafften Schamlippen zu sehen. Die ganze Skulptur steht etwas nach vorn geneigt. Ein Zeichen dafür, dass die alten schwachen Beine den Körper nicht mehr lange tragen werden?
Der Oberkörper dieser Skulptur mit den kleinen straffen Brüsten ist der einer jungen Frau und wieder aus dem geblümten Papier geformt. Die langen schlanken Arme der jungen Frau weisen kokett nach außen und die Hände sind aufgestellt. Eine Geste wie beim Tanz. Die Hände sind schmal und die Finger sind schlank. Der Rücken der jungen Frau ist aufrecht und gerade.

Kopf einer Skulptur aus Zeitungspapier, Xenia Marita Riebe

Kopf des Kleinkindes

Das wohl Auffälligste an dieser Skulptur ist der große runde Kopf, der Kopf eines Kleinkindes. Er ist aus demselben rosafarbenen Papier gemacht, das ich für den Ober- und Unterkörper des Kindes benutzt habe. Auch den Kopf zieren an der rechten Seite ein paar bunte Kreise und Schmetterlinge, eine Assoziation zum Haarschmuck, den kleinen Mädchen häufig tragen. Die großen Augen des Kindes sind blau und erinnern an Puppenaugen. Die Nase ist klein und die Lippen ein wenig trotzig geschürzt. Die runden Wangen und das niedliche Kinn sind die eines kleinen Kindes.

Dieser große Kopf entspricht mit seinen kindlichen Proportionen dem Kindchenschema, das auch durch bestimmte Gesichtszüge – große helle Augen, kleine Stupsnase – gekennzeichnet ist. Bei Menschenkindern und bei Jungtieren dient das Kindchenschema als Schlüsselreiz, der instinktiv das Brutpflegeverhalten auslöst. Dadurch soll gewährleistet werden, dass die Eltern für ihre Jungen bzw. Kinder sorgen, sie beschützen und großziehen. Besonders bei Arten, bei denen die Jungen eine lange Kindheit haben, spielen die durch das Kindchenschema ausgelösten Reaktionen eine wichtige Rolle, um die emotionale Bindung der Eltern an das Kind möglichst lange aufrecht zu erhalten.

Warum finden sich alle Lebensalter in den Skulpturen?
Alle drei Skulpturen haben je einen Körperteil des Kindes, der jungen und der alten Frau. Es wäre theoretisch auch möglich, die einzelnen Körperteile anders zusammenzufügen. So könnten drei Skulpturen entstehen, die ein Kind, eine junge Frau und eine alte Dame darstellten. Auch dies könnte einen Reiz besitzen, aber ich habe mich dafür entschieden, die einzelnen Körperteile in den drei Skulpturen zu mischen, denn ich denke, dass auf diese Weise deutlich wird, dass das Leben des Menschen immer nur als Ganzes gesehen und bewertet werden sollte.
Oft höre ich von Menschen, dass die Probleme, die sie im fortgeschrittenen Alter ereilen – gesundheitliche wie seelische – den Erlebnissen in der Kindheit und der Jugend geschuldet sind. In vielen Fällen mag dies so sein, in anderen spielen genetische Dispositionen und soziale Strukturen eine wichtige Rolle. Aber wie dem auch sei, der alte Mensch schaut häufig zurück und erinnert dabei Gutes und Schlechtes. Die Summe aller Erlebnisse machen ihn schließlich zu dem, was er ist. Dies kann, wie im Fall meiner Skulpturen, eine stolze, starke Frau sein, deren Körper von Krankheit gezeichnet ist, oder umgekehrt. Viele alte Menschen sind heute körperlich fit und recht gesund, aber sie leiden an seelischen Problemen wie Einsamkeit, Ängsten und Depressionen.

Skulpturen aus Zeitungspapier, Ausschnitt, Xenia Marita Riebe

Was aus uns im Alter wird, ist aber auch das Ergebnis unseres eigenen Verhaltens. Als Kind sind wir in hohem Grad von unseren Eltern und Erziehern abhängig. In der Lebensmitte sind wir aber in der Lage, unseren Kurs selbst zu bestimmen und das trotz der Hormone, die uns häufig zu falschen Schritten verführen. Das Alter zeigt schließlich, wie erfolgreich wir unseren Lebensweg gegangen sind. Dabei schließe ich selbstverständlich durch Schicksalsschläge verursachte Leiden und Probleme aus.
Meine Skulpturengruppe „3×3 Lebensalter, weiblich“, soll den Betrachter dazu anregen, über die verschiedenen Lebensphasen zu reflektieren. Mir selbst sind bei meiner Arbeit viele Erinnerungen gekommen, gute und böse, lustige und traurige. Und ich habe angefangen, mich mit dem Alter und dem Tod zu beschäftigen.
Nachdem ich die Gemälde von Hans Baldung näher kennenlernte, bereue ich es beinahe, dass ich den Skulpturen in „3×3 Lebensalter, weiblich“ keinen Tod zur Seite gestellt habe. Aber das kann ja vielleicht noch kommen.

Text: © Xenia Marita Riebe
Fotos: © Giulio Cosca, Xenia Marita Riebe

Kunstbuch zum “Global Citizen ART Project” von Xenia Marita Riebe. Hier im Shop erhältlich.

 

 

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