Epigonen in der Literatur

 

Eines der bekanntesten Beispiele eines literarischen Werkes und seiner vielen Epigonen ist der Roman „Robinson Crusoe“ des Autors Daniel Defoe. Erschienen im Jahr 1719 gilt er als erster englischer Roman. Die Geschichte um den schiffbrüchigen Robinson Crusoe fand schon sehr bald seine Nachahmer. Dabei war der Roman selbst bereits ein Epigone, kann er doch auf das Leben des Abenteurers Alexander Selkirk zurückgeführt werden. Dieser gehörte zur Mannschaft des Freibeuters William Dampier und ließ sich 1704 nach einem Streit mit seinem Kapitän freiwillig auf der zum Juan-Fernandez-Archipel gehörigen Insel Mas a Tierra, die heute Robinson Crusoe heißt, aussetzen. Selkirk blieb vier Jahre und vier Monate auf der Insel, bis er gerettet wurde. Nach seiner Rückkehr nach England zeichnete Richard Steele Selkirks Geschichte auf und veröffentlichte sie 1713 in seiner Zeitschrift „The Englishman“. Durch diesen Text ließ sich Daniel Defoe vermutlich zu seinem Roman „Robinson Crusoe“ anregen. Angeblich soll Defoe Selkirk auch in einem noch heute existierenden Pub in Bristol getroffen haben. Steeles Bericht über Selkirks Abenteuer und Defoes Fantasie vereinten sich zu einem Werk, das heute zu den Klassikern der Weltliteratur gehört. Anders als sein Vorbild Selkirk lebt die Romanfigur Robinson Crusoe aber 28 Jahre auf einer einsamen Insel. Diese kann er erst verlassen, nachdem er ein Schiff erobern kann, dessen Mannschaft gemeutert und beschlossen hat, den Kapitän auf der vermeintlich unbewohnten Insel Crusoes auszusetzen.

Der Roman „Robinson Crusoe“ lässt in seiner Vielschichtigkeit unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten zu.

Da Robinson Crusoe auf seiner Insel keine alternative Lebensform entwickelt und sogar den Eingeborenen Freitag dem zivilisatorisch-europäischen Ideal unterwirft, ist das für Defoes Zeitgenossen wichtige Thema des Kolonialismus ein wichtiger Aspekt des Romans.Das Werk kann auch als Utopie vom einfachen Leben gelesen werden. Der sich zunehmend arbeitsteilig entwickelnden Gesellschaft des frühkapitalistischen England tritt Robinson Crusoe als Universaltalent entgegen.Die Zeilstrebigkeit, mit der er sich die Insel aneignet, und sein Pragmatismus lassen ihn andererseits als Homo oeconomicus erscheinen, den Prototyp des aufstrebenden Unternehmers und Kolonisators des 18. Jahrhunderts.Robinson Crusoe führt auf der Insel ein Tagebuch in dem er auf der Suche nach dem Sinn seines Schicksals seine Bekehrung zum Glauben schildert. Dies lässt auch eine religiöse Interpretation des Romans zu. Auch tritt im Roman der Mensch Robinson Crusoe in die Ödnis des Raumes, der Zeit und der Ewigkeit ein. Dadurch kann die den Menschen bedrückende Einsamkeit in ihrer ganzen Schwere empfunden werden. Nicht zuletzt führt die Geschichte des Robinson Crusoe dem Leser vor Augen, dass der Mensch mithilfe von Gottvertrauen, Ausdauer, Tat- und Willenskraft Widerstände der Natur überwinden kann.

Alle Epigonen des Romans „Robinson Crusoe“ werden Robinsonaden genannt. Dieser Ausdruck bezeichnet Literatur, Filme und andere Kunstformen, welche das literarische Motiv der unfreiwilligen Isolation wie z.B. auf einer Insel verarbeiten.

Zu den bedeutensten Robinsonaden, die bereits ein Jahr nach dem Erscheinen von „Robinson Crusoe“ zahlreich erschienen, zählen „Die Insel Felsenburg“ von Johann Gottfried Schnabel erschienen 1731 sowie der „Schweizerische Robinson“ von Johann David Wyss aus dem Jahr 1812.

Im Roman „Die Insel Felsenburg“ wird die Robinsonade im Rückblick erzählt. Erlebt hat sie Albertus Julius, ein Verwandter des Ich-Erzählers Eberhard Julius. Konträr zur Geschichte des Robinson Crusoe strandet im Roman „Die Insel Felsenburg“ der „Altvater“ Albertus Julius zusammen mit einer Frau namens Concordia Plürs auf dem unbewohnten Eiland. Julius zeugt mit dieser Frau eine vielköpfige Familie, die durch Schiffsbrüchige bereichert, die Insel besiedelt.

„Der Roman „Schweizerische Robinson“ erzählt die Geschichte der Familie Wyss, die sich nach einem schweren Sturm auf eine einsame tropische Insel im Indischen Ozean retten können. Auch in diesem Roman ist es keine Einzelperson, die in die Einsamkeit verschlagen wird. Das Ehepaar Wyss rettet sich zusammen mit seinen vier Kindern auf die einsame Insel und lebt dort über 10 Jahre in Frieden. Als sie von einem englischen Schiff entdeckt werden, beschließen die Eltern und zwei der Söhne auf „Neu-Schweizerland“ zu bleiben

Im Jahre 1960 erschien mit dem Jugendbuch „Insel der blauen Delphine“ ein echter Epigone des Romans „Robinson Crusoe“. Der Autor Scott O`Dell erzählt darin die wahre Geschichte eines 12 jährigen Indianermädchens namens Won-a-pa-lei, das allein mit Ramo, seinem jüngeren Bruder auf einer Pazifikinsel zurückgelassen wird. Bereits im ersten Jahr des Robinson- Darseins wird Ramo von Wildhunden getötet. Fortan lebt Won-a-pa-lei alleine auf der unbewohnten Insel, die hin und wieder von Robbenjägern, den Aleutern, aufgesucht wird. Aus Angst vor diesen, die schon ihren Vater in einem Konflikt getötet hatten, hält sich Won-a-pa-lei versteckt und verbringt so bis zu ihrer Rettung 18 einsame Jahre auf der Insel der blauen Delphine.

Ein weiterer modernerer Epigone ist der Roman „Die Wand“ der österreichischen Autorin Marlen Haushofer, der 1963 erschien. Er beschreibt das Leben einer Frau, die in aller Radikalität von der Zivilisation abgeschnitten wird. In „Die Wand“ ersetzt die Autorin die einsame Insel des Robinson Crusoe durch ein einsames Gebirgstal. Durch eine Glaswand, jenseits der alle anderen Menschen eines stummen Todes gestorben zu sein scheinen, ist das Tal vom Rest der Welt getrennt. Gefangen hinter dieser Wand muss sich die Protagonistin beweisen und den Kräften der Natur ihr Leben abtrotzen. Wie der Eingeborene Freitag im Roman „Robinson Crusoe“ erscheint auch hier ein zweiter Mensch im einsamen Leben der Romanheldin. Diese erschießt den Eindringling, der ihren Hund Luchs und ihren Stier mit dem Beil erschlagen hat. Sie sieht in dem Fremden nur den Feind und übersieht die Möglichkeit, dass er für sie ein wichtiger Partner in ihrem einsamen Leben werden könnte. Robinson Crusoe dagegen machte den Eingeborenen Freitag zuerst zu seinem Diener und später zu seinem Freund.

Ein weiterer Roman, der viele Epigonen hervorbrachte, ist die Geschichte der „Lolita, von Vladimir Nabokov, erschienen im Jahr 1955.

In „Lolita“ wird die Geschichte des Humbert Humbert erzählt, der nach dem Tod seiner Frau, die er nur heiratete um in der Nähe seiner 12 jährigen Stieftochter Dolores zu sein, mit dieser quer durch Amerika reist. Schon in der ersten gemeinsamen Nacht im Motel “Die verzauberten Jäger” beginnt eine erotische und sexuelle Beziehung, die sich mehr und mehr entzaubert. Lolita lässt sich schließlich für die sexuellen Handlungen bezahlen, und Humbert verwandelt sich in vielen Auseinandersetzungen ihr gegenüber zunächst in einen autoritären Vater und dann in einen Freier, Spion und Dieb. Die Erfüllung seiner erotischen Träume führt Lolita in ein komfortables Gefängnis, Humbert aber allmählich in den Wahnsinn der Eifersucht. Schließlich kann Lolita mit Hilfe eines weiteren Pädophilen namens Quilty fliehen. Gegen Ende des Romans trifft Humbert die inzwischen fast achtzehnjährige Lolita wieder. Sie ist schwanger und lebt mit ihrem Mann Dick Schiller in einer heruntergekommenen Arbeitersiedlung. Nachdem Lolita ihm von Quilty erzählt hat beschließt Humbert diesen zu töten. Er fährt zu Quiltys Landsitz Pavor Manor und erschießt ihn. Lolita stirbt an den Folgen der Geburt des Kindes, das ihr Mann Dick Schiller mit ihr gezeugt hat.

Doch wie schon der Roman „Robinson Crusoe“ ist auch „Lolita“ bereits ein Epigone.

Die erste Kindfrau finden wir in Jocob Lorber, Das große Evangelium Johannes, Band 2, Kapitel 2.217

„Nehmen wir an eine zarte, frühreife Maid, bloß nur physisch. Sie zählt noch kaum etwa zwölf Jahre, ist aber schon in allen ihren Leibesteilen derart ausgebildet, dass sie das Aussehen eines mannbaren Mädchens hat. Solch eine Maid reizt dann jeden Mann, der nur ein wenig sinnlicher Natur ist, mächtiger denn hundert auch noch so schöne, aber an Jahren reife Dirnen. Eine solche frühreife Maid ist dann ihrem Leibe nach hundert Gefahren ausgesetzt, und es gehört von Seiten ihrer Eltern die größte Sorgsamkeit dazu, solch eine zu früh reif gewordene Tochter vor allen den ihren großen Reizen nachstellenden Feinden zu bewahren. Wird sie zu früh einem lüsternen Manne gegeben, so wird sie leicht verdorben in ihrer Fruchtbarkeit; wird sie zu sehr eingesperrt und von aller schlimmen Luft abgehalten, so wird ihr Fleisch, wie man zu sagen pflegt, mockig. Sie wird bleich, zehrt ab und erreicht selten ein nennenswertes Alter. Bekommt sie wenig Kost, und das nur eine Magerkost, so wird sie traurig und zehrt am Ende auch früh ab; wird sie gut genährt, so wird sie noch fetter und unbehilflicher und dadurch träge, so dass ihr Blut bald absteht und sie bald das Aussehen einer Leiche überkommt, was dann ihrem Leibe offenbar einen frühen Tod bringen muss.“

Als erster Roman, in dem eine Kindfrau und deren, auch erotische, Liebe zu einem älteren Mann beschrieben wird, kann „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Johann Wolfgang Goethe gelten. In diesem Roman aus dem Jahre 1795 schildert Goethe etwa zehn Jahre aus dem Leben eines jungen Mannes. Goethes Protagonist Wilhelm kauft nach zwei gescheiterten Liebesbeziehungen einer Zigeunergruppe das kindliche, geheimnisvolle und fremdartige Mädchen Mignon ab. Schon der Name Mignon ist sprechend: Er bedeutet im Französischen “süß”, “nett”, “hübsch”, “niedlich”, “liebreizend”, aber auch “charmant”, “grazil/graziös” und umfasst somit viele Geschmacksnuancen, wobei sich Geschmack auch im wörtlichen Sinne verstehen lässt, denn Mignon bezeichnet auch “besonders feine”, “erlesene” Delikatessen.

Mignon ist ein naives Geschöpf, das sich nur in einer Körpersprache und in Liedern äußert. Ihre Lieder bezeugen ihre naive Existenz, ihre Sehnsucht nach Italien und der Liebe. In „kennst du das Land wo die Zitronen blühn“ fordert sie Wilhelm, den sie nacheinander als „Geliebter“ „Beschützer“ und „Vater“ bezeichnet, auf, ihr nach Italien zu folgen. Wie Nabakovs Lolita stirbt auch Mignon am Ende des Romans. Sie zerbricht an der Liebe zu Wilhelm.

Im Roman „David Copperfield“, erschienen im Jahr 1849, spielt die Liebe des jungen David zu Agnes Wickfield eine wichtige Nebenrolle. David verliebt sich in die kindliche Agnes, heiratet aber die sehr hübsche und niedliche Dora Spenlow, die ebenfalls kindlich –naiv ist. Dora stirbt jedoch nach wenigen Ehejahren, und David stürzt sich in die schriftstellerische Arbeit. Während einer dreijährigen Auslandsreise wird ihm klar, dass er eigentlich von Jugend an seine Freundin Agnes liebt. Dora geheiratet zu haben erscheint ihm nun als unverzeihlicher Fehler. Erst am Ende des Romans wird ihm klar, dass Agnes in gleicher Weise wie er fühlte und noch fühlt. In ergreifender Weise enthüllt sie ihm, dass es Doras letzter Wunsch war, dass sie und David heiraten sollen. Mit diesem Happy End schließt die Geschichte. Sowohl Agnes als auch Dora könne wir als Vertreterinnen der Kindfrau sehen.

1896 erscheint der Roman „Effi Briest“ von Theodor Fontane. Obwohl Effi bei ihrer Eheschließung mit dem 38-jährigen Baron von Innstetten bereits 17 Jahre zählt, kann sie doch als Kindfrau gesehen werden.

„Effi trug ein blau- und weißgestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen. In allem was sie tat paarte sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten.“

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer im Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, dass du so was möchtest.“

Moderne Epigonen der Lolita finden sich unter anderem in den Romanen von Arno Schmidt, Marguerite Duras und Gert Hofmann.

„Julia oder die Gemälde“ erschien postum 1983 als Fragment aus dem Nachlass Arno Schmidts im DIN-A 3-Format. Mit der Materialsammlung begann Schmidt 1976; der Beginn der Niederschrift ist auf den frühen Morgen des 10. Februar 1979 zu datieren. Die letzte Zeile wurde am 30. Mai selben Jahres geschrieben. Am Morgen des 31. Mai 1979 erlitt Schmidt einen Gehirnschlag, an dessen Folgen er am 3. Juni 1979 verstarb.

In „Julia oder die Gemälde“ erzählt ein Handlungsstrang die Liebesgeschichte zu einem Mädchen, das der alternde, herzkranke Leonhard Jhering auf einem Gemälde von Jan Mytens (1614–1670) erblickt.

Der alternde Schriftsteller Leonhard Jhering logiert im Hotel Fürstenhof zusammen mit der Familie Kühne. Mit von der Partie sind der theologisierende Studienrat Ekkehard Rauch und die feministische Sekretärin Sheila Wangel. Während der Freizeit wird unter anderem das Schloss besichtigt. Dort trifft Jhering auf die Titelfigur Julia. Sie ist eine Kindfrau, die in Gestalt eines etwa 10-jährigen Mädchens auf dem Gemälde „Vier oranische Schwestern“ zu sehen ist. Im Verlauf der Handlung verlässt Julia ihr Bild und ist unsichtbar anwesend. Zum Schluss des Buches sollte Jhering mit ihr zusammen zurück in das Bild entschwinden und sich dort mit ihr als Gemälde verewigt zeigen.

In dem Roman „Abend mit Goldrand“ finden wir die Kindfrau in Gestalt des Mädchens Martina, dessen sexuelles Erwachen von Arno Schmidt schamlos zart beschrieben wird.

Zitate: „und Martinlein hatte auch noch keine Haare“ „blasser Bast ums Loch zwischen den kleinen sehnigen Bockerinnen Backen“ „das geile Keimchen, ein Kitzler wie ein Kragenknopp“

Die Franziska aus „Zettels Traum“ ist die 16 jährige Tochter des Ehepaars Jacobi, die an einem Sommertag des Jahres 1968 mit Daniel (»Dän«) Pagenstecher, Schriftsteller, Übersetzer und Privatgelehrter, in dessen Haus in der Lüneburger Heide über Däns Übersetzung von Edgar Allan Poe diskutieren. Franziska haben sie zu diesem Treffen mitgebracht. Während der 24 Stunden, die der Aufenthalt der Jacobis währt, erwägt der alternde Dän eine Romanze mit Franziska, die um ihn wirbt, entzieht sich dieser aber letztlich doch.

Bei der Ich Erzählerin aus Marguerite Duras Roman „Der Liebhaber“ aus dem Jahr 1984, ist es ähnlich wie bei Effi Briest einzig der Ledergürtel, der der mädchenhaften Gestalt eine Taille gibt, und aus der kindlichen eine frauliche Erscheinung macht.

„Ich trage ein Kleid aus Rohseide, es ist abgenutzt, beinahe durchsichtig…..Das Kleid ist ärmellos, sehr tief ausgeschnitten……Ich habe mir einen Ledergürtel umgebunden, einen Gürtel meiner Brüder vielleicht.“

Die Heldin der Marguerite Duras bezeichnet ihren eigenen Körper, so wie er bei der Überfahrt über den Mekong war, wie folgt: „Unter dem Männerhut (den sie trägt) ist die unangenehme Winzigkeit meiner Gestalt, dieser Makel der Kindheit, zu etwas anderem geworden.“ Während dieser Überfahrt lernt das 15 jährige Mädchen den 32 jährigen Chinesen kennen. Zwischen den beiden entsteht eine sexuelle Beziehung, die eineinhalb Jahre andauert. Als der Chinese auf Wunsch seines reichen Vaters heiratet und das Mädchen Indochina verlässt, endet diese Beziehung so unerwartet, wie so begonnen hatte.

Mein Haar ist schwer, geschmeidig, empfindlich, eine kupferfarbene Masse, die mir den Rücken hinabfällt. Oft sagt man mir, sie seien das Schönste, was ich habe, und das bedeutet für mich, dass ich nicht schön bin. Diese ungewöhnlichen Haare werde ich mit dreiundzwanzig in Paris abschneiden lassen.“………

Auf der Fähre, sehen Sie mich an, da habe ich sie noch. Ich bin fünfzehneinhalb. Ich schminke mich schon. Ich verwende Tokalon-Creme, ich versuche die Sommersprossen auf meinen Wangen unterhalb der Augen zu verdecken. Über die Tokalon-Creme lege ich eine Schicht fleischfarbenen Puders, ,Marke Houbigan…….An diesem Tag habe ich auch die Lippen geschminkt, dunkelrot, wie damals üblich, kirschfarben.“

1994 wurde postum der Roman „Die kleine Stechardin“ von Gert Hofmann veröffentlicht.

Bei diesem Roman handelt es sich nicht um eine Biografie, sondern um eine fiktive Geschichte über die Liebe des verkrüppelten Gelehrten Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) der im Alter von 35 Jahren die 12 jährigen Kindfrau Maria Dorothea Stechard (1765 – 1782) in sein Haus holt und mit ihr in einer eheähnlichen Beziehung lebte.

Der Gelehrte Georg Christoph Lichtenberg unterrichtet an der Göttinger Universität. Klein und bucklig träumt er von der Liebe, wird aber von Frauen immer wieder abgewiesen. Erst als er das 12 jährige Blumenmädchen Maria Dorothea Stechard kennen lernt verändert sich sein Leben. Zuerst zurückhaltend kann er der inzwischen 13 jährigen nicht mehr widerstehen und nähert sich ihr in seinem Experimentierzimmer.

Vorsichtig schlug er ihr vor, die Kerzen bis auf eine auszublasen. Dann wischte er seine Hand an der Hose ab und berührte ihr schönes Kleid. Erst griff er an ihren linken Ärmel, dann an ihren rechten. Er musste tief Atem holen, es regte ihn sehr auf…… Endlich nahm er allen Mut zusammen und fragte die kleine Stechardin, ob er ihr Herz fühlen dürfe und fasste sie dann kurz entschlossen an die Brust. Ach Gott, sagte das Kind, das darfst du nicht, und er sagte: Ach Gott, ich weiß! ………Langsam entkleidete er die Dreizehnjährige, und weil sie noch nie von einem Mann ausgezogen worden war, merkte sie nicht, wie ungeschickt er sich dabei anstellte. Ihre Brüste waren noch nicht entwickelt, “kaum der Rede wert”……..Erregt blies er die letzte Kerze aus. Was nun kam, war das mühsame, brutale und blutige Geschäft!“

Wie beinahe alle anderen Kindfrauen der Literaturgeschichte stirbt auch Maria Dorothea sehr früh, im zarten Alter von 17 Jahren.

Das Motiv der Kindfrau finden wir in vielen literarischen Werken, mal in reiner Form, mal eher versteckt und in Andeutungen. Immer jedoch spielen Männerfantasien dabei eine wichtige Rolle. So haben einige Schriftsteller nicht nur über Kindfrauen geschrieben, sondern sie verliebten sich auch im wirklichen Leben in ein gerade erwachendes weibliches Wesen. Zu nennen sind hier beispielsweise Edgar Allan Poe, der mit 27 Jahren seine dreizehnjährige Cousine heiratete, Johann Wolfgang von Goethe, der sich im Alter von 74 Jahren in die 17 jährige Ulrike von Levetzow verliebte, Charles Dickens, der ein Verhältnis mit der minderjährigen Schauspielerin Ellen Ternan unterhielt, Lewis Caroll, der die 10 jährige Alice Liddell leidenschaftlich liebte und für sie Alice im Wunderland schrieb und schließlich John Ruskin, der sich 40 jährig in ein 10 jähriges Mädchen verliebte und diesem sieben Jahre später einen Heiratsantrag machte. All diese Lieben zu Kindbräuten blieben aber sexuell unerfüllt. Dafür gibt es psychologische Gründe, die ich in meinem Artikel „Die Kindsbraut– Auslöser und Ziel für die sexuellen Fantasien des Mannes“ zu erläutern versuche.

Epigonen in der Literatur finden wir in vielen literarischen Motiven. Denken wir zum Beispiel an Romane, die eine Geschichte über die Apokalypse erzählen oder Geschichten über entstellte Männer, die sich in eine schöne Frau verlieben. Allen Romanen, die Epigonen hervorbrachten ist gemeinsam, dass ihr Inhalt von allgemeinem Interesse, packend und in viele Situationen, Länder und Zeiten übertragbar ist.

Text: © Xenia Marita Riebe

siehe auch:

Epigonen in der bildenden Kunst und Literatur – Einführung

Epigonen in der bildenden Kunst

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