Epigonen in der bildenden Kunst und in der Literatur – Teil II

Die drei Grazien; Raffael, ca. 1503–1505

Teil II – Epigonen in der bildenden Kunst

Was bringt einen Künstler dazu, ein Kunstwerk nach der Vorlage eines schon vorhandenen Werkes zu schaffen?

Beginnt ein junger Mensch erstmals sich ernsthaft mit der bildenden Kunst und seiner eigenen Möglichkeit der kreativen Gestaltung auseinander zu setzen, wird er beinahe zwangsläufig Arbeiten seiner Vorgänger kopieren. Das ist auch gut so, denn der junge Künstler* braucht Übung, muss sein Auge schärfen und seiner Hand Sicherheit verleihen. Dies geht am Besten beim Kopieren der Werke alter Meister, hat er doch so die Vorlage in einer sehr guten Reproduktion zur Verfügung und kann seine Fehler oder Irrtümer gleich erkennen und korrigieren. Die so entstehenden Arbeiten sind Übungsbilder. Sie sind weder Plagiate, noch Epigonen. In China z. B. gibt es eine lange Tradition des Kopierens alter Meister und der gute Kopist ist dort als Künstler anerkannt.

Doch was bringt heute junge Künstler dazu, Werke berühmter Vorgänger in eigene Bildinhalte zu transferieren und diese stolz als ihre eigenen Werke auszugeben?

Epigonen chinesischer Künstler

Hier fallen insbesondere die chinesischen Künstler auf. Sie stellen häufig Epigonen von Kunstwerken her, die in der westlichen Welt Berühmtheit erlangt haben. Auf dem Kunstmarkt kommen sie damit bestens an. Drei der Künstler, die Epigonen geschaffen haben, wurden sogar zur Biennale für zeitgenössische Kunst nach Venedig eingeladen. Damit wurden sie und ihr Werk ausgezeichnet, während viele andere Künstler, die etwas Ureigenes geschaffen haben, nie gewürdigt werden.

Wir können uns fragen, was der Grund dafür ist, dass gerade die westlichen Nationen den östlichen Epigonen ihrer eigenen Kunst einen solchen Stellenwert einräumen, ja sie gar als große Kunst bejubeln. Des Weiteren stellt sich die Frage, warum sich die chinesische Gegenwartskünstler ausgerechnet den westlichen Vorbildern anpassen und nicht den indischen, südamerikanischen oder afrikanischen. Die Antwort könnte lauten: Das große Geld fließt auf den europäischen und amerikanischen Kunstmärkten. Stellt der Künstler also Werke her, die den dortigen Kunstsammlern aus der Kunstgeschichte bereits bekannt oder gar vertraut sind, ist meine Chance, damit selbst als Künstler bekannt zu werden, sehr hoch. Und wenn der Künstler erst einmal bekannt ist, werden seine Werke hohe Verkaufserlöse erzielen. Was macht es da aus, dass er Epigonen herstellt? Seine eigene Kunst, die, die von innen kommt, kann er in seiner Freizeit für sich und seine Freunde ausleben.

Dies ist freilich nicht mehr als eine Vermutung. Die wahren Gründe bleiben uns vorerst noch unbekannt, denn noch hat sich niemand die Mühe gemacht, diese zu recherchieren. Um es einmal positiv zu sehen, könnten die chinesischen Künstler einfach viel weniger Probleme mit dem Epigonentum haben, als wir. Dies wiederum kann mit der bereits erwähnten Tradition des Kopierens in China zusammenhängen.

Beispiele für Epigonen von chinesischen Künstlern sind:*

Cai Guoqiang, „Head On“, Installation Deutsches Guggenheim Berlin, (2006) Epigone von.

Joseph Beuys, „Das Rudel“, (1969)

Kan Xuan (Biennale Venedig-Teilnehmerin), „Looking, Looking, Looking For“, (2001) Epigone von Yoko Ono, „Fly“, (1970)

Yin Xiuzhen, (Biennale Venedig-Teilnehmerin), „Airplane“, 2008 Epigone von Anselm Kiefer, „Mohn und Gedächtnis“, 1989

Shen Yuan, (Biennale Venedig-Teilnehmerin), „The First Trip“, 2007 Epigone von Claes Oldenburg, “Spoonbridge and Cherry”, 1985-1988

Miao Xiaochun, “The Last Judgment in Cyberspace”, (2006-2008) Epigone von Michelangelo, „The Last Judgment“, (1537-1541)

Zhang Xiaogang, Untitled, (2006) Epigone von Gerhard Richter, „Frau mit Kind am Strand“ (1965).

Epigonen alter Meister

Natürlich verwenden auch deutsche Künstler Motive aus den Arbeiten ihrer Vorgänger und ihrer künstlerischen Ahnen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Motiv der „Chariten“ (griech. Charis=Anmut), in der Kunstgeschichte eher als „Die Drei Grazien“ bekannt.

Das Motiv stammt aus der griechischen Mythologie. Es stellt die drei Töchter des Zeus und der Eurynome dar, Aglaia („Glanz“), Euphrosyne („Frohsinn“) und Thalia („Blüte“), die oft im Gefolge der Aphrodite gezeigt wurden. Die „Chariten“ sollten den Göttern und Menschen Schönheit und Freude bringen. Die römische Entsprechung der „Chariten“ sind „Die Drei Grazien“(latein. Graziae=Beliebtheit)

Bereits im ersten Jh.n.Chr., in der Zeit der Herrschaft des Caesar Vespasianus, wurde auf dem Haus des T. Deutatus Panthera in Pompeji ein Wandfresko angelegt, das die „Drei Grazien“ zeigte.

Die wohl berühmtesten Gemälde nach diesem Motiv sind „Die Drei Grazien“ von Raffael (1504-1505; Öl auf Holz; 220 x 228 cm) und „Die Drei Grazien“ von Peter Paul Rubens (1639; Öl auf Leinwand; 221 x 181 cm)

Diese Bilder brachten auch bei den Gegenwartskünstlern eine Reihe Epigonen hervor. Als Beispiel sollen die folgenden dienen:

„Die Drei Grazien“ von Gert Weigelt; Fotografie; 1984

Die Drei Grazien“ von Michael Maschka, Öl auf Hartfaser, 2008

Georg Grosz

Auch der bedeutende Künstler George Grosz (* 26. Juli 1893 als Georg Ehrenfried Groß in Berlin; † 6.Juli 1959 ebenda), ein deutsch-amerikanischer Maler, Grafiker und Karikaturist, hat in seinem umfangreichen Werk den einen oder anderen Epigonen hervorgebracht. Als ein Beispiel soll hier das Gemälde „Selbstportrait mit Akt“ (1937, Öl auf Leinwand, 72 x 58 cm) dienen: Es ist ein Epigone des Bildes “Toilette der Venus”, (um 1612 bis 1615, Öl auf Holz, 124 x 98 cm) von Peter Paul Rubens. Wie schon vor ihm Rubens, dessen Modell auf all seinen Gemälden seit 1630 Helene Fourment war, die er in diesem Jahr in zweiter Ehe heiratete, war Eva Grosz das Modell ihres Mannes, wann immer er ein Aktmodell benötigte. Nach Rubens hat kaum ein anderer Künstler als George Grosz so monoman seine eigene Frau bis zur Erschöpfung und in allen ersinnlichen Stellungen abgezeichnet und auf die Leinwand gebannt.

Ein weiteres Beispiel eines Epigonen von George Grosz ist das Gemälde „John, der Frauenmörder“ (1918, Öl auf Leinwand, 86,5 x 81 cm). John, der Triebtäter, ist unterwegs, sein Opfer eine Prostituierte mit zerstückeltem Antlitz, der nackte Körper unversehrt, fliegt ins Kosmische. Der Blumenstrauß, als Symbol der Frauenverehrung fällt ins Leere. John, der Frauenmörder eilt aus dem Bild, gleich wieder mit der Maske des Biedermanns. Eine Chagallsche Traumsequenz, à la „Der Trinker“(1911-1912, 85 x 115 cm)

Das Gemälde „Ohne Titel“ (1920, Öl auf Leinwand, 81 x 61 cm) von Georg Grosz ist ein Epigone des Bildes „Der Prophet“ von Giorgio de Chirico (1915, Öl auf Leinwand, 89,6 x 70,1 cm)*

Giorgio de Chirico

De Chirico gründete im Jahre 1917, zusammen mit seinem Bruder Alberto Savinio und dem Futuristen Carlo Carrà die Scuola Metafisica in Ferrara, Italien. Dort malten sie im Stil der Pittura Metafisica, einer italienischen Strömung der Malerei, die sich etwa ab 1910 entwickelte und bis in die Mitte der 1920er-Jahre anhielt. Die menschenähnlichen Gestalten, die De Chirico in seine Gemälde bannt, sind von wahrhaft trauriger Gestalt. Diese „Schneiderpuppen“ mit ihren rudimentären Köpfen wirken oft einsam in den leblosen Landschaften und auf den nahezu bühnenhaften, meist menschenleeren Plätzen. Veränderte Proportionen, unrealistische Farbgebung und die unkorrekte Wiedergabe von Licht und Schatten, sowie die Verwendung mehrerer Fluchtpunkte prägten die Malerei der Pittura Metafisica.

George Grosz „Zu meinen neuen Bildern“

Im November 1920 verfasste George Grosz als Standortbestimmung ein Statement „Zu meinen neuen Bildern“, das Paul Westheim im Januar 1921 in der Zeitschrift „Das Kunstblatt“ veröffentlichte. Grosz bekräftigt darin seine Überzeugung, “den künstlerischen Arbeiten einen Inhalt zu geben, der getragen ist von den revolutionären Idealen des arbeitenden Menschen…… „Ich versuche ein absolut realistisches Weltbild zu geben. Ich strebe an, jedem Menschen verständlich zu sein – ohne die heute verlangte Tiefe – in die man doch nie steigen kann ohne einen wahren Taucheranzug, vollgestopft mit geistigen kabbalistischem Schwindel und Metaphysik. Bei dem Bemühen, einen klaren einfachen Stil zu bilden, kommt man unwillkürlich in die Nähe Carràs. Trotzdem trennt mich alles von ihm, der sehr metaphysisch genossen sein will, und dessen Problemstellung bourgeois ist.“ Des Weiteren bekennt sich Grosz zur Programmatik des europäischen Konstruktivismus, für ihn „kam eine Zeit des kollektiven Konstruktivismus. Der Serienmensch, das Typenfabrikat wurden geboren. Deutliches Material zu utopischem Anschauungsunterricht“. Gleichzeitig erteilt Grosz der „Metaphysik“ in der modernen italienischen Malerei eine deutliche Absage, der Name Giorgio De Chiricos taucht in seinem Text nicht mehr auf – War dies Ausdruck des Selbstschutzes, vor der allzu großen Nähe und der Verfügbarkeit des Vorbildes?

George Grosz hat im Laufe von 45 Jahren ein umfangreiches künstlerisches Werk geschaffen, von dem die obengenannten Epigonen nur einen winzigen Teil darstellen. Er war stets ein gesellschaftskritischer Maler und Kriegsgegner, seinen Werken mangelt es trotzdem nicht an Humor.

Weitere Epigonen in der Malerei

Es gibt sicher noch unzählige Epigonen in der bildenden Kunst. Diese alle aufzuführen, würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Ich möchte aber trotzdem noch einige Beispiele zur Verdeutlichung des Themas beschreiben.

Die Hochhäuser von Manhattan, New York City, übten schon immer eine Faszination auf Maler und Fotografen aus.*

Bereits 1922 machte Hannah Höch eine Collage mit dem Titel „New York“ (29,5 x 18,5 cm) und auch Charles Sheeler, ein Hauptvertreter der amerikanischen Präzisionisten, malte im selben Jahr ein Gemälde mit dem Titel „Skyscrapers“ (Öl auf Leinwand, 50,8 x 33 cm)

Im Jahr 1926 malte Georgia O`Keeffe mehrere Bilder von Wolkenkratzern, wie z.B.. „The Shelton with Sun Spots“ (Öl auf Leinwand, 123,2 x 76, 8 cm), „City Night“ (Öl auf Leinwand, 121,9 x 76,2 cm) und . „Radiator Building“ (Öl auf Leinwand, 121,9 x 76,2 cm)

Ihr Ehemann, der Fotograf Alfred Stieglitz machte 1931 das berühmte Foto „From the Shelton Looking West“ (Silver gelantin Print, 6,5 x 8,5 Inches)

1940 malte der Bauhauskünstler Lyonel Feininger das Bild „Manhattan II“ (Öl auf Leinwand, 96,8 x 72,7 cm)

Diese vier berühmten Vorbilder brachten eine Reihe Epigonen hervor, wobei wir hier vorsichtig sein müssen, in wie weit es sich hier tatsächlich um Epigonen handelt. Die Hochhausschluchten Manhattans regen natürlich auch heute noch alle kreativen Menschen dazu an, Fotos zu machen. Diese können Kunstwerke sein, die spontan entstanden sind und nichts mit den obengenannten Vorbildern zu tun haben, die Fotografen können aber auch von diesen inspiriert worden sein. Bei Gemälden von Manhattan liegt das Epigonentum schon näher, sind sie doch meistens keine spontanen Werke.

Hier einige Beispiele für Fotos und Gemälde, die Hochhäuser in Manhattan zeigen und nahe an ihre Vorgänger herankommen:*

“Manhattan” (Helmut Maas, Fotografie)

From the Shelton” (Georg Torn, Fotografie)

Down Town Manhattan” (Gero Heise, Fotografie)

City Scene“ (Vangobot, Acryl auf Leinwand, 39,5 x 40 Inches,)

„Manhattan“ (Stanislav Khrapov, Fotografie)

„Moon over Manhattan“ (Urheber unbekannt, Fotografie)

The Empire State Building by Moon“ (Bebeto Matthews, Fotografie)

Ganz sicher echte Epigonen sind folgende Bilder: *

„Alkohol in der Campagne“ (Victoria Kure Wu, 2009, Technik und Größe unbekannt) Original: „Goethe in der Campagne“ (Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787, Öl auf Leinwand, 164 x 206 cm)

„Schwimmer im Pool“ (Ivar Kaasik, Entstehungsjahr, Technik und Größe unbekannt)

Original. „Pool with Two Figures” (David Hockney, 1971, Acryl auf Leinwand, 214 x 304,8 cm,)

Epigonen von Kunstwerken haben sicherlich auch immer eine eigene Berechtigung, kreiren ihre Schöpfer doch, aus den ihnen als Vorbilder dienenden Werken ihrer Vorgänger, ein Bild, dass in einem neuen Kontext gesehen werden muss. Dies gilt insbesondere für Epigonen von Bildern, die vor langer Zeit geschaffen wurden.

*Die Abbildungen der Werke kann ich hier aus urheberrechtlichen Gründen nicht zeigen. Sie sind aber im Internet leicht zu finden.

*In diesem Artikel ist, wenn es in den Kontext passt, mit Künstler immer auch Künstlerin gemeint. Dies halte ich so, um den Text flüssig und besser lesbar zu machen.

Text: © Xenia Marita Riebe

Veröffentlicht in Kunst

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