Die surrealen Zeichnungen des Hüseyin Belli

 

Einzigartig! – Brauereiblöckchen dienen dem Mönchengladbacher Wirt als Zeichengrund

Wohl in jeder Kneipe und in vielen Restaurants gibt es sie, die kleinen Blöckchen, die Brauereien den Wirten zur Verfügung stellen. Auf diesen wird normalerweise die Bestellung des Gastes notiert. Mancher Kellner nutzt sie auch zur Addition der Preise von verzehrten Getränken und Speisen.

Hüseyin Belli, der Inhaber des Café Belli auf der Stepgesstraße in Mönchengladbach, hat eine andere, besondere Verwendung für die Brauereiblöckchen. Er nutzt sie seit Jahren als Zeichengrund, wenn ihn während seiner Arbeit hinter dem Tresen die Kreativität überwältigt. Dann zückt er schnell seinen Kugelschreiber und wirft in wenigen Sekunden erste Striche auf das schmale Papierstück. Aus den ersten Linien entstehen beinahe wie von selbst skurrile Zeichnungen von unglaublicher Intensität.

Orientalen und andere Wesen

Inhaltlich bewegt sich Hüseyin Belli dabei zwischen Portraits von Orientalen und eher europäisch anmutenden Menschen, manchmal auch angeregt durch Besonderheiten, die ihm an seinen Gästen auffallen. Diese sind aber in den Zeichnungen nicht zu erkennen, denn der Künstler zeichnet keine Karikaturen, sondern wandelt das Gesehene in eigenständige Schöpfungen um. Nicht selten tragen seine Wesen Augen an ungewöhnlichen Stellen, haben verzerrte Gesichtsproportionen oder Gliedmaßen am Kopf, die nicht dorthin gehören. Es gibt aber auch Portraits von Frauen mit sinnlichem Ausdruck, die schön zu nennen sind. Dabei kommt es dem Künstler immer auf Originalität an. So hat etwa ein Mann, den er im Profil gezeichnet hat, eine Nase, die eher an den Schnabel eines Vogels erinnert. Eine Gestalt wiederum – Mann oder Frau ist hier nicht ersichtlich – zeigt im ansonsten frontal gezeichneten Gesicht einen schön geschwungenen Mund in Profilansicht. Eine weitere Zeichnung zeigt eine Frau mit herzförmigen Kopf, der eine schwebende Raupe zu Leibe rückt, die versucht, der Frau das Gehirn herauszupicken. Dann sieht man einen verstört dreinblickender Mann mit einer hochstehenden Mütze, die sich bei genauerem Hinschauen als riesige Frauenbrüste entpuppt, die ihm aus seinem Kopf zu wachsen scheinen. Auf einem anderen Blatt hockt ein vogelähnliches Wesen einer Gestalt auf der Schulter und verschmilzt mit ihr, sodass der Schnabel zur Nase wird.

Tiere und Tierhybriden

In einigen Zeichnungen hat Hüseyin Belli Tiere zum Gegenstand seiner Satire gemacht. So hat ein schöner, stolzer Vogel zwei pralle Frauenbrüste, ein Wesen mit menschlichem Kopf trägt einen Flügel, einen Vogel- und einen Menschenfuß. Ein sitzendes Schweinchen badet seine Füße in Unschuld.

Seltener erscheinen Zwitterwesen auf den Blöckchen, wie etwa der erotisch anmutende Frauenkörper, der einen Wasserhahn als Kopf trägt. Diese Zeichnung ist eine der wenigen, die einen Titel trägt. „Sex ist kein Wasserhahn“, steht in der oberen linken Ecke neben dem Datum.

Fragt man Hüseyin Belli, wie seine Zeichnungen entstehen, dann antwortet er wie folgt.
„Ich weiß auch nicht, woher all diese Gestalten kommen. Sie sind in mir drin und zu einem bestimmten Zeitpunkt drängen sie nach draußen. Ich frage mich auch ständig, wie all das in meinen Kopf kommt.“

Dieses Phänomen nennt man wohl Kreativität

Der Zeitpunkt, zu dem die Figuren nach außen drängen, ist meist der späte Abend. Wenn es gegen Mitternacht im Cafe Belli langsam ruhiger wird und die Arbeitsatmosphäre sich entspannt, treten die Wesen ihre Reise in die Zeichnung an. Dann hat der Wirt endlich Muße, seine Gäste zu betrachten und die eine oder andere Eigenheit auf sich wirken zu lassen. Dies geschieht natürlich unbewusst, rein intuitiv und niemals vorsätzlich. Die Gäste des Cafe Bellis dürfen sich auch künftig wohlfühlen und entspannen. Sie müssen nicht befürchten, Objekt einer Zeichnung zu werden. Und selbst wenn sie Anlass zu einer Bildidee werden sollten, wären sie doch nie zu erkennen.

Es kommt auch vor, dass während eines Gesprächs, dass Hüseyin Belli mit seinen Gästen führt, ein Gedanke entsteht, der darauf drängt, zeichnerisch umgesetzt zu werden. Und schon greift er zu Brauereiblock und Kugelschreiber und macht den ersten, alles entscheidenden Strich. Diesem folgen weitere, die äußere Form der Figur festlegend, die der Künstler dann in kürzester Zeit zu einer seiner einzigartigen Zeichnungen vollendet.

Das umfangreiche Werk beinhaltet um die 4000 Zeichnungen

So entstand und entsteht ein bunter Reigen von Figuren, menschlichen Wesen und Tierhybriden, deren Anzahl schon kaum noch zählbar ist. Jedenfalls hat der Wirt sich noch nicht die Mühe gemacht, seine Werke zu zählen. Er schätzt ihre Zahl auf 3000 bis 4000 Stück, wobei jede Nacht neue Arbeiten entstehen und sein Werk sich ständig erweitert. Ein Werk, das eine Schau in einem Museum verdient hätte, zumal Hüseyin Belli, nach einigem Zögern, nun auch auf größeren Blättern zeichnet, was eine Ausstellung der Arbeiten erleichtern würde.

Biografisches:

Hüseyin Belli wurde im März 1949 in der Türkei geboren. Als junger Mann plante er an der Sporthochschule in Köln Sport zu studieren. Er erhielt die Reservierung für einen Studienplatz und kam nach Deutschland. In Köln angekommen, musste er leider erfahren, dass das Kontingent an Studienplätzen bereits ausgeschöpft war. So entschloss er sich nach vergeblicher Wartezeit, ein Studium im Fachbereich Textildesign an der Fachhochschule in Krefeld zu beginnen. Um sein Studium zu finanzieren arbeitete er abends in der Gastronomie, doch die Kosten für das benötigte Material stiegen ihm bald über den Kopf. Es blieb ihm keine andere Wahl, als seinen Nebenjob zum Beruf zu machen.

1985 eröffnete Hüseyin Belli zusammen mit seiner Frau Inge das Café Belli, ein Restaurant für orientalische und türkische Küche, das die beiden bis heute gemeinsam erfolgreich betreiben.

Für die Gäste des Café Belli, zu denen auch ich gehöre, ist es natürlich ein großes Glück, dass Hüseyin Belli nicht Textildesigner geworden ist. Wo sonst könnte man in Mönchengladbach so ausgezeichnet essen wie im Cafe Belli? Wo fühlte man sich als Gast so willkommen, wie dort? Wo würde man so freundlich bedient und bewirtet? Wohl nirgendwo!

Ich trage Mund-Nasenschutz. Mein drittes Auge wacht darüber.

Corona-Pandemie und neue Geschäftsidee

Leider hat die Corona-Pandemie auch vor dem Café Belli nicht haltgemacht. Seit dem Lock Down im Frühjahr 2020 und der zaghaften Wiedereröffnung im Sommer desselben Jahres ist die Zahl der Gäste stark zurückgegangen, was große finanzielle Einbußen mit sich brachte.

Doch ein Kreativer wie Hüseyin Belli, wäre kein Kreativer, wenn er nicht eine neue Geschäftsidee entwickelt hätte. Er nutzte seine künstlerische Begabung und kombinierte sie mit dem, was er vor langer Zeit auf der Fachhochschule lernte. Nun gestaltet er individuelle T-Shirts, Sweatshirts, Hemden und Blusen. Alle mit einer oder zwei seiner einzigartigen Zeichnungen bedruckt.

Text und Foto: © Xenia Marita Riebe

Abbildungen der Zeichnungen: © Hüseyin Belli

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