Antike Fliesen in den Friesen-und Kapitänshäusern auf Föhr

Tableau mit Grosssegler, friesische Fliesen

Beschreibung und Deutung der gemalten Fliesenmotive aus drei Jahrhunderten.

Durch drei Jahrhunderte kamen holländische Fliesen in großen Mengen in den norddeutschen Raum, vorwiegend auf die nordfriesischen Inseln und in die Küstengebiete, und beeinflussten hier die Wohnkultur.
Die ältesten Stücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind nur noch selten zu erwerben, aber auch im späten 18. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert entstanden noch interessante Fliesen in Handarbeit.
Die Fliesen wurden mithilfe der Durchstaubtechnik bemalt, die allerdings sehr viel Raum für die künstlerische Ausgestaltung gab, denn mit der Schablone wurden nur grobe Anhaltspunkte des Motivs auf die Fliese übertragen. Besonders bei Schattierungen von Bäumen, Wellen und Wolken blieb den Fliesenmalern Raum zur individuellen Gestaltung. Dabei waren die Maler recht unterschiedlich begabt. Dies zeigt sich insbesondere bei der Darstellung von Gesichtern und bei biblischen Motiven. Manche Malereien auf den antiken Fliesen wirken wie Karikaturen, während andere von hohem künstlerischen Wert und sehr ausdrucksstark sind. Dadurch entsteht auf den Fliesen eine lebendige Ursprünglichkeit, die noch durch kleine Unebenheiten und Fehler in der Glasur bestärkt wird.
Es besteht ein Unterschied zwischen Fliesen und Kacheln. Fliesen wurden zur Wandbekleidung benutzt, während man für Öfen Kacheln verwendete. Nur ein geringer Teil der Fliesen und Kacheln kam aus Delft, während die meisten aus Fliesenmanufakturen in Friesland kamen.

Friesische Wohnstube mit Fliesen

Noch vor etwa 100 Jahren gab es in Häusern auf den friesischen Insel, an der Nordseeküste und an der Ems und Elbe häufig geflieste Wände. Doch dieser Teil der friesischen Wohnkultur fiel nach und nach der Modernisierung der Häuser zum Opfer, da deren Besitzer es vorzogen, ihre Wände zu tapezieren. Dafür entfernten sie die historischen Fliesen. Dies geschah meist unachtsam, wobei die Fliesen zerbrachen oder ganz zerstört wurden.

Holländische Fliesen auf den nordfriesischen Inseln

Doch wie sind so viele holländische Fliesen auf die nordfriesischen Inseln gelangt?
Es ist anzunehmen, dass nordfriesische Walfänger die Fliesen von Holland aus mit nach Hause brachten. Sie waren schon bald nach der verheerenden Sturmflut von 1634 von Holland aus zum Walfang in die Arktis aufgebrochen.
Bei einer erfolgreichen Rückkehr hatten die Kapitäne genug Geld in den Taschen, um in Amsterdam einzukaufen. Wahrscheinlich wurden sie dort mit dem Baustil bekannt – vielleicht in den Häusern der Reeder – der sich von dem auf den friesischen Inseln unterschied. In Holland war es damals schon üblich, Wände mit Fliesen zu verkleiden. Dies hatte unter anderem auch isolatorische Gründe. Auch wurden die Häuser im Inneren heller, denn die Hochglanzglasur der Fliesen spiegelte das Licht wider. Das war vor allem am Abend von Vorteil, denn die Häuser wurden mit einfachen Tranlampen beleuchtet. So ist es wahrscheinlich, dass so mancher Kapitän Fliesen aus Holland mit nach Hause nahm, um damit das eigene Haus aufzuwerten. Die ältesten Fliesen in Häusern auf der Insel Föhr sind nachweislich aus der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Friesische Wohnstube mit Kachelofen

Motive auf den Fliesen

Im Laufe der Zeit änderten sich bei der Bemalung der holländischen Fliesen mehrfach die Vorlieben und Einflüsse. Um 1600 wurde die Bemalung in Nordholland mehrfarbig ausgeführt, wobei gelb, orange, blau und grün, violett und weiß bevorzugt wurden. Die bis dahin beliebten Renaissance-Ornamente in Ausspartechnik wurden von maurischen Motiven abgelöst. So kamen altpersische Stern- oder Kreuzfliesen wieder in Mode und die Malerei wurde auch portugiesisch beeinflusst. Doch schon bald wandte man sich der italienischen Fliesenmalerei zu. Farbige Abbildungen von Tieren, Pflanzen, Blumen, Landschaften und Früchten wurden modern, eingerahmt von mehrfarbigen oder blauen konzentrischen Kreisen. Die Zwickel malte man dunkelblau mit weißen Blättern und diese bildeten eine Rosette, wenn vier Fliesen zusammengesetzt wurden.
Für die Zeitbestimmung der Herstellung sind diese Eckmotive heute von großer Bedeutung.

Friesische Fliesen; Bloemenpot oder Blumenvase

Motiv Bloemenpot oder Blumenvase

Doch auch die italienischen Motive wurden bald abgelöst. Man wandte sich holländischen Bildmotiven zu. So kam ab dem 17. Jahrhundert immer häufiger das Motiv der Blumenvase zum Einsatz. Der „Bloempot“ oder auch „Blompot“ erfreute sich bei der Fliesenmalerei immer größerer Beliebtheit. Dabei ist es anzunehmen, dass die Blumenvase auch ihren Ursprung in der italienischen Malerei hat. Zu Anfang des 17.Jahrhunderts wurde sie noch mehrfarbig bemalt, dann in verschiedenen Blautönen. Gezeigt wurden die Vasen entweder in einem Kreis stehend oder in einer Raute, vereinzelt auch in einem Oval, das von Moresken eingerahmt war. Im Vierpass ist die Vase eine Zwischenform von Kreis und Raute, die Ecken ausgefüllt mit weißen Moresken auf blauem Grund, die einen achtstrahligen Stern bilden, wenn man vier Fliesen zusammenstellt.

Friesische Fliesen; Blumen als Motiv

Blumen als Motiv

Die Tulpe als Fliesenmotiv

In der Mitte des 17. Jahrhunderts erfreute sich die Tulpe in Holland einer solchen Beliebtheit, dass sie zum wichtigsten Handelsgut aufstieg. Händler und Tulpenliebhaber zahlten für Tulpenzwiebeln horrende Preise. Menschen ruinierten sich, um eine einzige Tulpenzwiebel zu erwerben, andere wurden beim Handel mit den Pflanzen reich. Wieder andere mussten bei Raubüberfällen ihr Leben lassen. Damals schien jedes Mittel recht, um in den Besitz einer der begehrten Tulpenzwiebeln zu gelangen.
Tulpenbesitzer ließen ihre Pflanzen und Blüten von Künstlern in Ölgemälden verewigen und in Aquarellen malen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Tulpe auch in die Fliesenmalerei Einzug hielt.
Auch die Kaiserkrone, die damals als wertvolle „Persianische Lilie“ gehegt und gepflegt wurde, findet sich häufig als Motiv auf den Fliesen dieser Zeit, wie auch das als Heilkraut bekannte Maßliebchen.

Friesische Fliesen; Motiv Großsegler

Tableau mit Großsegler als Motiv

Schiffe auf Fliesen und Tableaus

Bei einer Seefahrernation wie Holland ist es natürlich nicht verwunderlich, dass Schiffe auf den Fliesen abgebildet wurden. Die erste Abbildung eines Schiffes ist von 1637 datiert. Anfangs wurden nur Großsegler, wie Fregatten, Fleuten, Kriegsschiffe und Pinassen dargestellt. Das war für die Fliesenmaler auf einem Quadrat von 13 x 13 cm nicht so leicht zu bewerkstelligen, deshalb wurden die Schiffe oft vereinfacht dargestellt, sodass der wahre Schiffstyp häufig nur schwer zu identifizieren ist. Später ging man dazu über, die Abbildung eines Großseglers über 9 bis 16 Fliesen zu malen. Auf diesen Tableaus hatten die Maler mehr Platz um Details wie die Takelage der Schiffe darzustellen. So wurden häufig regelrechte Seestücke mit schönen Einzelheiten gemalt, auf denen auch weiter entferntere Schiffe und im Vordergrund Ruderboote zu sehen sind.

Auf Einzelfliesen wurden auch bemannte Ruderboote gemalt. Die maritimen Fliesen des 17. und 18. Jahrhunderts waren in Blau bemalt. Die Schiffsdarstellungen standen ohne Untermalung auf den weißen Fliesen auf oft sehr stark stilisierten Wellen. Manchmal wurden sie ganz ohne Eckmotive gemalt, im ausgehenden 18. Jahrhundert und im 19. Jahrhundert stehen sie meist im Kreis oder in achteckiger Umrandung.
Im 18. Jahrhundert wurden auch noch Großsegler gemalt, wahrscheinlich unter Verwendung der alten Durchstaubschablonen, aber diese wurden nach und nach von anderen Schiffstypen verdrängt. Binnenschiffe, Heringsbuisen und Fischereiboote wurden nun bevorzugt, bei denen im Hintergrund weit entfernte Großsegler zu sehen sind. Daneben spielten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein die Küstenlandschaften mit Häuser, Menschen, Rauch-und Seezeichen, Klettermasten zum Aufhängen von Seezeichen für die Küsten- und Binnenseefahrt eine wichtige Rolle.

Friesische Fliesen; Fantastische Seewesen

Motiv “Phantastisches Seewesen”

Die „phantastischen Seewesen“

Die teils unheimlichen und teils lustigen Motive der „phantastischen Seewesen“ sind besonders reizvolle Motive. Bei ihnen handelte es sich aber keinesfalls um eine lustige Wanddekoration. Im 17. und 18. Jahrhundert waren diese Wesen aktuelle Themen, denn manche hatten sie gesehen oder glaubten vielmehr, sie gesehen zu haben. In einem „Lexicon der Künste und Wissenschaften“ wurden die Seewesen von Johann Theodor Jablonski 1721 detailiert beschrieben. So verwundert es nicht, dass sie auch als Motive auf den Fliesen zu finden sind.

Friesische Fliesen, Motiv Adliger

Tier- und Menschenabbildungen

Zu Beginn des 17. Jahrhundert findet man meist mehrfarbige Tierabbildungen auf den Fliesen. Diese wurden bald von Jägern, Soldaten und von Falken tragenden Männern in der Tracht ihrer Zeit abgelöst. In die erste Hälfte des Jahrhunderts gehört die Abbildung der einfachen Menschen, Männer und Frauen aller Stände in sehr unterschiedlichen Posen. Die Malerei wird nun meist in Blau auf weißem Grund ausgeführt. Auch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts werden noch einzelne Personen oder Paare dargestellt, wobei scheinbar des Öfteren zeitgenössische Stiche oder Zeichnungen als Vorlage dienten. Die Reihe der dargestellten Berufe gibt einen guten Einblick in die Lebenswirklichkeit der Menschen in Holland im 17. Jahrhundert. Gemalt wurden Marktfrauen, Bettler, Musikanten, Geistliche, Ordensfrauen, Händler, Jäger und Bauern. Manchmal sogar galante Szenen oder schwatzende Frauen.
Auch Reiter waren ein beliebtes Motiv in der Fliesenmalerei. Sie wurden galoppierend dargestellt, präsentierten ihre Waffen oder standen wie ein Reiterstandbild da, was wiederum auf die Verwendung von Gemälden als Vorlage deutet.
Sehr reizvoll ist auch das Motiv der Kinderspiele, das um 1660 erstmals erscheint. Die Kinder wurden zu mehreren oder auch einzeln dargestellt. Sie spielen Ball, schlagen den Reifen, stehen auf dem Kopf, lassen Drachen steigen oder spielen mit Murmeln oder Federbällen.
In die gleiche Zeit fallen auch Landschafts- und Hirtenmotive, die über 200 Jahre immer wieder gemalt wurden.

Friesische Fliesen; Motiv Adlige

Biblische Motive

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts tauchen dann auch biblische Motive in der Fliesenmalerei auf. In den protestantischen Häusern Hollands war die Bibel allgegenwärtig und so verwundert es nicht, dass Motive daraus auch auf den Fliesen erschienen. Die Darstellungen waren oft nicht besonders gut, denn es war für die Fliesenmaler sehr schwierig, die detailreichen vielfältigen Motive auf die kleinen Fliesen zu malen. Gemalt wurde in Blau im Kreis und gegen Ende des Jahrhunderts auch in Violett. Die Szenen stellten alle erdenklichen biblischen Geschichten dar. Häufige Motive waren dabei Jesus und der Teufel, der eine mit Glorienschein, der andere mit deutlichen Hörnern auf dem Kopf. Auch Moses mit den Gesetzestafeln, die Vertreibung aus dem Paradies und die Sintflut, mit Noah und der Arche wurden gemalt, sowie Adam und Eva mit der Schlage und der Turmbau zu Babel. Oft wurde die Bibelstelle unter dem Motiv angegeben, damit der Betrachter im Zweifelsfall in der Bibel nachschlagen konnte. Fliesen mit Text und ohne Text sind erhalten, wobei die Motive im Kreis oder ohne Kreis gemalt wurden

Friesische Fliesen; Motiv Springertjes

Motiv “Springertjes”

Tierabbildungen im 18. Jahrhundert

Die bereits im 17. Jahrhundert beliebte Abbildung von Tieren lebte im 18. Jahrhundert erneut auf. Die „Springertjes“ rückten nun in den Vordergrund. Anfangs wurden häufig exotische Tiere gemalt oder solche, die zur Jagd gehörten. Bären, Hunde, Pferde, Wildschweine, Hasen, Hirsche und so weiter. Haustiere sind dagegen selten zu sehen.
Vögel wurden häufig auf einer Astgabel sitzend dargestellt. Zuerst hielt man sich eng an Vorlagen wie Gemälde und Zeichnungen, während gegen Ende des Jahrhunderts nur noch die stilisierte Form von Schwänen und Tauben übrig blieb.

Zum Glück haben sich viele Sammler gefunden, die den antiken Fliesen aus Delft und anderen Teilen von Hollands ihre Sammelleidenschaft zuwandten. So blieben alle oben beschriebenen Fliesen erhalten, wenn auch nur in geringer Stückzahl.
Auch auf der Insel Föhr besinnen sich immer mehr Eigentümer und versuchen, die ursprüngliche Einrichtung der Friesen- und Kapitänshäuser zu erhalten oder wiederherzustellen. So findet man heute in vielen Häusern Wände mit antiken Fliesen mit unterschiedlichsten Motiven, sowie Tableaus mit Großseglern. So auch im Haus meiner Freunde, wo ich die hier gezeigten Fotos der unterschiedlichen Fliesen aufnahm. Auch in der Ferienwohnung im Haus gibt es eine Fliesenwand. Sieh hierzu: Das Rosenhaus

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe

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Kürzlich habe ich auf Föhr aus meinem neuen Roman gelesen. “Alaska Highway Mile 895” spielt auch im Norden, allerdings im hohen Norden von Kanada.

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