Faszination Norwegen

Museum Kunst des Westens, Alkersum, Föhr

Norwegische Kunst im Museum Kunst der Westküste auf der Nordseeinsel Föhr.

Seit Anfang März zeigt das Museum Kunst der Westküste in Alkersum auf der Insel Föhr drei hochinteressante Ausstellungen, die sich den Positionen und Werken norwegischer Künstler widmen.

„Faszination Norwegen“ lautet der Titel der Hauptausstellung, in der das Museum Landschaftsmalerei von der Romantik bis zur Moderne zeigt. Viele Gemälde sind dabei Eigentum des Museums, denn in dessen Beständen befindet sich eine große Anzahl von bedeutenden Werken der Landschaftsmalerei.

Museum Kunst der Westküste, Alkersum, Föhr

Ich hatte nun das große Glück, von Prof. Dr. Volkert Faltings, dem Direktor der Ferring Stiftung in Alkersum auf Föhr, in Begleitung seiner Frau Ellen Faltings, durch die Ausstellung geführt zu werden.
Prof. Faltings fand den Einstieg in seine Führung bei einem der faszinierendsten Exponate der Ausstellung, einem Gemälde des Norwegers Johan Christian Dahl, der als Vater der modernen norwegischen Landschaftsmalerei gilt.

Johan Christian Dahl, "Morgen nach einer stürmischen Nacht"

“Morgen nach einer stürmischen Nacht”, Johan Christian Dahl

Johan Christian Dahl – Vater der modernen norwegischen Landschaftsmalerei

Der norwegische Maler Johan Christian Dahl (1788 bis 1857 ) war ein enger Freund des deutschen Malers Caspar David Friedrich, der mit Dahl Freundschaft schloss, weil ihm wohl dessen unakademische Kunstauffassung imponierte. Dahl zelebrierte die Lust an der eigenen Beobachtungsgabe. Er stellte die Landschaft in ihren natürlichen Begebenheiten im Moment der Anschauung dar und hielt sich nicht an die Vorgaben seiner akademischen Ausbilder.
Eigentlich sollte im Jahr 1818 die sächsische Residenz Dresden dem jungen Johan Christian Dahl lediglich als Auftakt einer vom dänischen Königshaus geförderten Studienreise nach Deutschland, Italien, Frankreich und England dienen. Doch Dahl wählte Dresden schon bald als seinen ständigen Aufenthaltsort. Mit dazu bei trug sicher, dass er sich in Emilie von Block (1801–1827) verliebte, die er am 12. Juni 1820 heiratete.
Nur einen Tag nach der Hochzeit trat Johan Christian Dahl seine Italienreise an, die ihn nach Quisisana, Neapel und Rom führte. Er kehrte erst am 27. Juli 1821 nach Dresden zurück und gab schon bald seinen Plan, nach Kopenhagen überzusiedeln, endgültig auf. Ab 1823 nahm Dahl eine Wohnung und ein Atelier im Hause An der Elbe 33 in Dresden, in dem auch Caspar David Friedrich wohnte und wo er 1857 verstarb.
Dahl und Friedrich wurden – in der Nachfolge Johann Christian Klengels – zu Professoren an der Kunstakademie ernannt, wenn auch ohne Lehrstuhl. Einen festdotierten Lehrstuhl lehnte er ab, da ihn dies zu sehr in seiner (Reise-)Freiheit einschränkte.

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Privat war Dahl nicht vom Glück begünstigt

Privates Glück hatte Johan Christian Dahl kaum. Seine erste Frau Emilie starb mit nur 26 Jahren im August 1827. Wenige Tage zuvor hatte sie Siegwald, ihr viertes Kind geboren. Zwei Jahre später verstarben Dahl’s Kinder Alfred und Marie an Scharlach.
Dahls zweite Ehe mit seiner Malschülerin Amalie Friederike von Bassewitz wurde am 2. Januar 1830 geschlossen. Aber auch seine zweite Frau verstarb schon bald. Sie erlag noch im Jahr der Eheschießung einer Lungenlähmung im Kindbett und auch ihr Sohn Harald folgte ihr schon fünf Jahre später in den Tod. Mutter und Sohn wurden auf dem Eliasfriedhof in Dresden beerdigt.
Als Johan Christian Dahl am 14. Oktober 1857 morgens gegen 10 Uhr in Dresden nach kurzer Krankheit im Alter von 69 Jahren verstarb, wurde er drei Tage später auf dem Eliasfriedhof im Grab seines Sohnes Harald beigesetzt. Dort lagen seine sterblichen Überreste bis zu seiner Exhumierung am 29. Mai 1934. Seine Gebeine, wie auch die seiner zweiten Frau Amalie Friederike und des gemeinsamen Sohnes Harald, wurden von Dresden nach Bergen gebracht und dort auf dem Sankt Jacobs Kirkegård begesetzt.

Dahls Gemälde – Vorbild für viele seiner Kollegen

In Johan Christian Dahls Malerei waren die vielfältigen Naturmotive seiner etwas rauen nordischen Heimat vorherrschend. Zwischen 1826 und 1850 reiste Dahl fünfmal nach Norwegen und fand dort immer neue Anregungen zu seinen eigenwilligen, mitunter auch schroffen Landschaftsgemälden und meisterhaften Wolkenstudien. Die Landschaft Norwegens galt zu dieser Zeit als „wilde Natur“ und viele Maler der Romantik zog es dorthin, um die natürliche Landschaft malerisch festzuhalten. Die Motive der Maler der Romantik variierten dabei zwischen Seestücken, Gebirgslandschaften, oft mit Wasserfällen, und Momentaufnahmen der einsamen Fjorde. Häufig waren auch romantisch verklärte menschliche Gestalten in den Gemälden zu sehen. Der einsame Wanderer war ein beliebtes Motiv, aber auch Fischer, Bauern und Landarbeiter.
Viele Maler dieser Zeit orientierten sich an der Landschaftsmalerei von Johan Christian Dahl und strebten danach, seine Naturstudien in eigene Werke zu übersetzen. So entstand eine Bewegung und Maler begaben sich auf die Reise nach Norwegen, um die wilde ungezügelte Natur im Norden Europas auf ihre Leinwand zu bannen.
Unter den rund 60 Gemälden und Grafiken, die in der Ausstellung „Faszination Norwegen“ zu sehen sind, finden sich eine ganze Reihe Gemälde von Johan Christian Dahl.

Hans Fredrik Gude – Meister des Lichts

Beachtenswert sind aber auch die Gemälde von Hans Fredrik Gude (1825 – 1903), einem weiteren norwegischen Maler, dessen Werke in der Alkersumer Kunstschau ausgestellt sind. Gude, der einen Teil seiner akademischen Ausbildung (1842 – 1844) an der Düsseldorfer Kunstakademie absolvierte, war ein Meister in der Darstellung der Lichtreflexion auf dem Wasser. Viele seiner Schüler versuchten, ihm nachzueifern, aber nur sehr wenigen gelang es, ein auch nur annäherndes Ergebnis zu erzielen, erklärte mir Prof. Faltings.
Der Akademieprofessor Hans Fredrik Gude wie auch sein Kollege Andreas Achenbach (1815 – 1910) spielten eine wesentliche Rolle bei der Popularisierung Norwegens. Weitere Maler, die sich in jener Zeit mit der norwegischen Landschaft auseinandersetzten sind mit ihren Werken in der Ausstellung des Museums Kunst der Westküste vertreten. Darunter so bekannte Namen wie: Louis Apol, Anders Askevold, Carl Barth, Gustav Boenisch, Johannes Duntze, Jahn Ekenæs, Louis Gurlitt, Kitty Kielland, Christian Morgenstern, Morten Müller, Gerhard Munthe, Adelsteen Normann, Heinrich Petersen-Flensburg, Friedrich Preller d. Ä., Georg Anton Rasmussen, Franz Schiertz, Frederik Sødring, Harald Sohlberg und Friedrich Thöming.

Eintretender Wandel in der Landschaftsmalerei

Mit fortschreitenden Jahren wandelte sich der Stil der Landschaftsmalerei von der romantischen Idealisierung hin zum kritischeren Darstellen der Wirklichkeit. Fabriken mit ihren negativen Einflüssen auf die Umwelt und die Lebensbedingungen der Arbeiter rückten mehr und mehr in den Blickpunkt der Maler.

Edvard Munch

Edvard Munch (1863–1944), der selbstverständlich in keiner Ausstellung norwegischer Maler fehlen darf, rückte gar ganz von der reinen Landschaftsmalerei ab. In seinen Bildern und Radierungen, die in Alkersum zu sehen sind, spielt die Landschaft bereits eine untergeordnete Rolle. Neben Radierungen von Liebespaaren und Einzelpersonen ist in der Ausstellung auch der Farbholzschnitt „Mondschein“ aus dem Jahr 1896 zu sehen. Munch setzte hier die Holzmaserung als auffälliges Gestaltungsmittel ein. Bei der dargestellten Person, die vor einer Hauswand mit Fenster steht, soll es sich um eine verheiratete Frau handeln, mit der Munch eine heimliche Beziehung unterhielt.

„Norway Contemporary!” – Positionen zeitgenössischer Künstler

Im Rahmen der Ausstellung „Faszination Norwegen“ beziehen auch einige zeitgenössische Künstler Position.
Da ist zunächst der Norweger Dag Erik Elgin, der auf weiße Leinwände mit Hilfe von Schablonen Informationen zu Gemälden aus der Sammlung des Museums Kunst des Westen geschrieben hat. Hierzu durfte er sechs Bilder auswählen, von denen er jeweils den Namen des Malers, den Titel des Gemäldes und den Platz, an dem sich das Bild im Depot des Museums befindet, mit schwarzer Ölfarbe auf die Leinwand brachte. Die Leinwände haben dabei exakt die Größe des Originalgemäldes. Seine Arbeiten hängen zwischen den Landschaftsgemälden und wirken dort seltsam deplatziert.

Die großformatigen Landschaftsfotografien von Rune Guneriussen (*1977) setzen ebenfalls Akzente in die ansonsten eher homogenen Ausstellung. Guneriussen Werke bewegen sich im Bereich zwischen Installation und Fotografie. Er installiert Alltagsgegenstände, wie Telefone, Stühle, Lampen oder Bücher in die großartigen Landschaften seiner norwegischen Heimat. So sieht man in der Ausstellung auf der Insel Föhr rote Küchenstühle, die scheinbar eine Klamm zwischen mächtigen beschneiten Felsen erklettern und große und kleine Stehlampen, die teilnahmslos im Wald stehen oder sich in losen Reihen durch die Landschaft schlängeln.
In der Arbeit „A clear epical dominance “ (175 x125 cm) bevölkern altmodische Wandlampen rundherum einen Baumstamm. In der 125 x 195 cm großen Fotografie „Atlantica glauca“ stehen Leselampen im Unterholz eines großen alten Nadelbaums. Dabei sind die Installationen des Künstlers dem Publikum meist nicht zugänglich, sondern werden lediglich in Form von Fotografien dokumentiert und gezeigt. Nur ein kleiner Teil seiner Arbeit findet als Live-Installation statt.
Rune Guneriussen sagt über seine Arbeit: “Es geht nicht so sehr um Fotografie, sondern um Skulptur und Installation. Dieser Prozess beinhaltet das Objekt, die Geschichte, den Raum und vor allem die Zeit, in der es gemacht wird. Es ist eine Annäherung an das Gleichgewicht zwischen Natur und menschlicher Kultur und allen Unterebenen unserer eigenen Existenz.”

Schwarzweißfotografien aus dem kalten Norden

Prof. Faltings führte mich weiter zu einer kleinen Ausstellung zum Thema Landschaft der Künstlerin Ingun Alette Mæhlum. In einem eigens dafür bereitgehaltenen Raum waren Fotografien in Schwarzweiß zu sehen.
Ein Schaf mit vereistem Fell schaut dort den Besucher aus einem Bilderrahmen an. Eine Straßenszene, die die Kälte beinahe fühlbar macht, gemütliche Wohnstuben mit zufrieden scheinenden Menschen darin, Männer, die draußen der Kälte und dem Wind trotzen und immer wieder Schafe sind auf den kleinformatigen Fotos zu sehen.

Alle Fotos gehören zum Fotoprojekt „Tussøy“ der Künstlerin.
Auf der Insel Tussøy im arktischen Norwegen leben nur noch sieben Menschen und das, obwohl die Insel seit der frühen Eisenzeit bewohnt ist. 1950 erreichte die Population mit sechzig Einwohnern ihren Höhepunkt. Dann setzte eine starke Entvölkerung ein. Die Einwohner verließen die dünnbesiedelten Gebiete Norwegens, um näher an die Zivilisation mit ihren Annehmlichkeiten heranzurücken. Doch nicht alle gingen.
Ingun Alette Mæhlum beschäftigt die Frage, warum manche Menschen in den abgeschiedenen Gebieten bleiben.
Mæhlum sagt dazu: „Ich glaube, die Natur um dich herum ist wichtig für das, was du wirst. Wenn man so nah an der Natur lebt, muss man sich anpassen. Die Grenzen sind eng, und die Natur kann sehr gefährlich sein, wenn man ihr nicht zuhört und sie respektiert. Man muss alle Riffe im Meer kennen und die Zeichen des Wetters lesen. Du musst demütig sein. Wenn du denkst, du kannst die Natur erobern, wird sie dein Feind. Es kann Jahre dauern um dieses Wissen zu erlangen, manchmal sogar Generationen. Was passiert mit uns, wenn wir dieses Wissen verlieren?“

„Northern Norway”

Die Fotoausstellung „Northern Norway” war unsere letzte Station beim Besuch des Museums.

Die Fotografien von Kåre Kivijärvi (1938-1991) zeigen – wiederum in Schwarzweiß – harte Männer, die auf See ihrer Arbeit nachgehen. Fischer, Seeleute und der Künstler selbst. Dabei dient die raue See auf beinahe allen Fotos als landschaftlicher Hintergrund. Sehr eindrucksvoll!

Text: © Xenia Marita Riebe

Fotos: © Xenia Marita Riebe und Wiki Commons

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