Über Sabeths Tod im Roman “Homo faber” von Max Frisch

Weiblichkeit - Blue Blog

Autoren ahnden das Fehlverhalten ihrer Protagonistinnen anders als Autorinnen. Eine Beweisführung.

Warum musste Sabeth Piper sterben?
Im Roman „Homo faber“ von Max Frisch geht Walter Faber zuerst unwissentlich ein inzestuöses Liebesverhältnis mit seiner Tochter EliSabeth ein. Die junge Frau, eine Kunststudentin und Tochter von Walter Fabers früherer Geliebten Hanna Piper, geb. Landsberg, ahnt nicht, dass der ältere Herr, der ihr während einer Schiffspassage von New York nach Le Havre nachstellt (3), sie filmt (1) und beobachtet (2) und ihr schließlich einen Heiratsantrag (4) macht, ihr Vater ist.

Zu 1: Einmal filmte ich sie. Als Sabeth es entdeckte, streckte sie die Zunge heraus; ich filmte sie mit der gestreckten Zunge, bis sie, zornig ohne Spaß, mich regelrecht anschnauzte. Was mir eigentlich einfalle? Sie fragte mich rundheraus: „Was wollen Sie überhaupt von mir?“
Zu 2: Am meisten ärgerte mich, dass ihr Tun mich den ganzen Vormittag beschäftigte, die Frage, wofür das Mädchen mich hielt, wenn sie sagte: „Sie beobachten mich die ganze Zeit, Mister Faber, ich mag das nicht!“
Zu 3: Ich war ihr nicht sympathisch.
Das stand fest, und ich machte mir keine falsche Hoffnung, als ich sie später, kurz nach dem Mittagessen, an mein Versprechen erinnerte, ihr zu sagen, wenn ich den Maschinenraum besichtige.

Zu 4:
Ball am letzten Abend auf dem Schiff. Walter Faber hat Geburtstag, trinkt Wein und ist ein wenig sentimental. (Ich hatte mir meinen 50. Geburtstag ein wenig anders vorgestellt, offen gestanden). Sabeth tanzt.
Zitat: Sabeth, von ihrem Tanz zurück, um ihr Citronpresse zu trinken, stupste mich:- Mister Lewin schlief, der Riesenkerl, lächelnd, als sehe er den ganzen Rummel auch so, die Papierschlangen, die Kinderballons, die sich die Paare gegenseitig verknallen mussten.
Was ich die ganze Zeit denke? fragte sie.
Ich wusste es nicht.
Was sie denn denke? fragte ich.
Sie wusste es sofort:
„Sie sollten heiraten, Mister Faber!“

Eine Weile später.
Als Sabeth in den Papierschlangensaal zurückkam, um ihre Handtasche zu holen, wunderte ich mich: sie verabschiedete ihren Freund, der eine saure Miene machte, und setzte sich neben mich. Ihr Hanna-Mädchen-Gesicht! Sie bat um Zigaretten, wollte nach wie vor wissen, was ich denn die ganze Zeit grübelte, und irgendetwas musste ich ja sagen: ich gab ihr das Feuer, das ihr junges Gesicht erhellte, und fragte, ob sie mich denn heiraten würde.
Sabeth errötete.

 

An Deck bei der Ausschiffung in Le Havre.
Zitat: Ich hatte gesagt, was ich nie habe sagen wollen, aber gesagt war gesagt, ich genoss es, unser Schweigen, ich war wieder vollkommen nüchtern, dabei keine Ahnung, was ich denke, wahrscheinlich nichts.
Mein Leben lag in ihrer Hand-
Für eine Weile kam Mister Lewin dazwischen, ohne zu stören….
Als wir wieder allein standen, die letzten auf dem nassen Deck, und als Sabeth mich fragte, ob ich`s wirklich ernst meine, küsste ich sie auf die Stirn, dann auf ihre kalten und zitternden Augenlider, sie schlotterte am ganzen Leib, dann auf ihren Mund, wobei ich erschrak. Sie war mir fremder als je ein Mädchen. Ihr halboffener Mund, es war unmöglich; ich küsste die Tränennässe aus ihren Augenhöhlen, zu sagen gab es nichts, es war unmöglich.

Dabei war Walter nach seiner eigenen Aussage nicht verliebt in Sabeth.
Zitat: Ich war nicht verliebt in das Mädchen mit dem rötlichen Rossschwanz, sie war mir aufgefallen, nichts weiter, ich konnte nicht ahnen, dass sie meine Tochter ist, ich wusste ja nicht einmal, dass ich Vater bin. Wieso Fügung? Ich war nicht verliebt, im Gegenteil, sie war mir fremder als je ein Mädchen, sobald wir ins Gespräch kamen, und es war ein unwahrscheinlicher Zufall, dass wir überhaupt ins Gespräch kamen, meine Tochter und ich. Es hätte ebensogut sein können, dass wir einfach aneinander vorbeigegangen wären. Wieso Fügung! Es hätte auch ganz anders kommen können.

EliSabeth Piper hat von ihrer Mutter gelernt, dass Joachim Henke, Hannas erster Ehemann, ihr Vater ist. Für sie gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln.
Wohl aber für Walter Faber, dem die Ähnlichkeit des Mädchens mit Hanna sehr wohl auffällt.
Zitat: Am meisten frappierte mich, wie sie im Gespräch, um ihren Widerspruch zu zeigen, ihren Rossschwanz in den Nacken wirft (dabei hat Hanna nie einen Rossschwanz getragen!) oder wie sie ihre Achseln zuckt, wenn`s ihr durchaus nicht gleichgültig ist, bloß aus Stolz. Vor allem aber: das kleine und kurze Rümpfen ihrer Stirne zwischen den Brauen, wenn sie einen Witz von mir, obschon sie lachen muss, eigentlich blöd findet. Es frappierte mich, es beschäftigte mich. Es gefiel mir. Schließlich gibt es Gesten, die einem gefallen, weil man sie irgendwo schon einmal gesehen hat.
Wieso vermuten, dass irgendein Mädchen, das Elisabeth Piper heißt, eine Tochter von Hanna ist.

Walter Faber verdrängt im Laufe der Handlung Sabeths Ähnlichkeit mit Hanna immer mehr.
Zitat: Ihre Ähnlichkeit mit Hanna ist mir immer seltener in den Sinn gekommen, je vertrauter wir uns geworden sind, das Mädchen und ich. Seit Avignon überhaupt nicht mehr! Ich wunderte mich höchstens, dass mir eine Ähnlichkeit mit Hanna je in den Sinn gekommen ist. Ich musterte sie daraufhin. Von Ähnlichkeit keine Spur!

Doch Walter Faber ahnt sehr wohl, dass Sabeth seine Tochter sein könnte. Deshalb stellt er ihr Fragen nach Hannas Biografie.
Zitat: Dann meine Fragen:
Hat Mama einmal in Zürich studiert?
Was?
Wann?
Ich fragte weiter, obschon das Mädchen, wie gesagt, verschwinden sollte.
Ihre Antworten etwas unwillig, aber ausreichend.
„Walter, das weiß ich doch nicht!“
Es ging mir, versteht sich, um genaue Daten.
„Damals war ich doch nicht dabei!“ sagte sie.
Es amüsierte sie, was ich alles wissen wollte. Ihrerseits keine Ahnung, was ihre Antworten bedeuteten. Es amüsierte sie, aber das änderte nichts daran, dass Sabeth eigentlich verschwinden musste. Ich saß, ich hatte ihren Unterarm gefasst, damit sie nicht davonläuft.
„Bitte“, sagte sie, „bitte.“
Meine letzte Frage:
„Und ihr Mädchenname: – Landsberg?“
Ich hatte ihren Unterarm losgelassen. Wie erschöpft. Ich brauchte meine ganze Kraft, nur um dazusitzen. Vermutlich mit Lächeln. Ich hatte gehofft, dass sie nun davonläuft.
Stattdessen setzte sie sich, um ihrerseits Fragen zu stellen.
„Hast du Mama denn gekannt?“
Mein Nicken-

Auch als Walter Faber die Gewissheit hat, dass Sabeth Hannas Tochter ist, verdrängt er seine Vaterschaft.
Zitat: Heute, wo ich alles weiß, ist es für mich unglaublich, dass ich nicht schon damals, nach dem Gespräch auf der Via Appia, alles wusste. Was ich gedacht habe in diesen zehn Minuten, bis das Mädchen zurückkam, weiß ich nicht. Eine Art Bilanz, das schon. Ich weiß nur: Am liebsten wäre ich auf den Flugplatz gegangen. Kann sein, dass ich überhaupt nichts dachte. Eine Überraschung war es ja nicht, bloß die Gewissheit. Ich schätze es, Gewissheit zu haben. Wenn sie einmal da ist, dann amüsiert sie mich fast.
Sabeth: die Tochter von Hanna! Was mir dazu einfiel: eine Heirat kam wohl nicht in Frage.
Dabei dachte ich nicht einen Augenblick daran, dass Sabeth sogar mein eigenes Kind sein könnte. Es lag im Bereich der Möglichkeit, theoretisch, aber ich dachte nicht daran. Genauer gesagt, ich glaubte es nicht. Natürlich dachte ich daran: unser Kind damals, die ganze Geschichte, bevor ich Hanna verlassen habe, unser Beschluss, dass Hanna zu einem Arzt geht, zu Joachim.- Natürlich dachte ich daran, aber ich konnte es einfach nicht glauben, weil zu unglaublich, dass dieses Mädchen, das kurz darauf wieder auf unseren Grabhügel zurückkletterte, mein eigenes Kind sein soll.

Walter Faber rechnete sich die Lage schön. Er legte die Daten, die er ja kannte, zu Grunde und rechnete so lange, bis er die Gewissheit hatte, dass Sabeth nicht seine Tochter sein konnte.
Zitat:
Ich ließ den Motor wieder an.
„Ich habe ihn gekannt“, sagte ich.
„Papa?“
„Joachim“, sagte ich, „ja-“
Vielleicht bin ich ein Feigling. Ich wagte nichts mehr zu sagen, Joachim betreffend, oder zu fragen. Ich rechnete im Stillen (während ich redete, mehr als sonst, glaube ich) pausenlos, bis die Rechnung aufging, wie ich sie wollte: Sie konnte nur das Kind von Joachim sein! Wie ich`s rechnete, weiß ich nicht; ich legte mir die Daten zurecht, bis die Rechnung wirklich stimmte, die Rechnung als solche.

…………..
Sie stimmte; ich hatte ja die Daten (die Mitteilung von Hanna, dass sie ein Kind erwartet und meine Abreise nach Bagdad) so gewählt, dass die Rechnung stimmte; fix blieb nur der Geburtstag von Sabeth, der Rest ging nach Adam Riese, bis mir ein Stein vom Herzen fiel.

Schon auf dem Schiff hatte Walter Faber die Grenze zwischen Beobachtung und Bewunderung überschritten und hatte Sabeth zuerst angefasst und später auch geküsst.
Zitat: Ihre Männer-Grimassen waren unverschämt, fand ich, aber Sabeth bemerkte überhaupt nichts von alledem, Sabeth in ihren schwarzen Cowboy-Hosen mit den ehemals weißen Nähten, der grüne Kamm in ihrer Hintertasche, ihr rötlicher Rossschwanz, der über den Rücken baumelt, unter ihrem schwarzen Pullover die zwei Schulterblätter, die Kerbe in ihrem straffen und schlanken Rücken, dann ihre Hüften, die judendlichen Schenkel in der schwarzen Hose, die bei den Waden gekrempelt sind, ihre Knöchel – ich fand sie schön, aber nicht aufreizend. Nur sehr schön!……..
Ich fasste ihre beiden Hüften, als ihr Fuß vergeblich nach der untersten Sprosse einer Eisenleiter suchte, und hob sie kurzerhand auf den Boden. Ihre Hüften merkwürdig leicht, zugleich stark, anzufassen wie das Steuerrad meines Studebakers, graziös, im Durchmesser genau so – eine Sekunde lang, dann stand sie auf dem Podest aus gelochtem Blech, ohne im mindesten zu erröten, sie dankte für die unnötige Hilfe und wischte sich ihre Hände an einem Bündel bunter Putzfäden.

Nach Ende der Schiffspassage führt Walter Faber bewusst eine Begegnung mit Sabeth in Paris herbei. Dann nimmt er zwei Wochen Urlaub und leiht sich das Auto seines Chefs, um Sabeth anzubieten, ihre Autostop-Fahrt mit ihm zu machen.
Zitat: Anderntags (Sonntag) ging ich in den Louvre, aber von einem Mädchen mit rötlichem Rossschwanz nichts zu sehen, dabei verweilte ich eine volle Stunde in diesem Louvre.
Dann trifft er endlich auf Sabeth und geht mit ihr in die Tuilerien.
Zitat: Es war Frühling, aber es schneite, als wir in den Tuilerien saßen, Schneegestöber aus blauem Himmel; wir hatten uns fast eine Woche nicht gesehen, und sie war froh um unser Wiedersehen, schien mir, wegen der Zigaretten, sie war bankrott.
„Das habe ich Ihnen auch nie geglaubt“, sagte sie, „dass Sie nie in den Louvre gehen.“
„Jedenfalls selten.“
„Selten!“ lachte sie. „Vorgestern schon habe ich Sie gesehen – unten bei den Antiken- und gestern auch.“
Sie war wirklich ein Kind, wenn auch Kettenraucherin, sie hielt es wirklich für Zufall, dass man sich in diesem Paris nochmals getroffen hatte.

Walter Faber lädt Sabeth in ein Café ein. Dort fädelt er es geschickt ein, Sabeth am Abend wiederzusehen.
Zitat: Ich wagte nicht zu fragen: Was machen Sie denn heute Abend? Ich wusste immer weniger, was für ein Mädchen sie eigentlich war. Unbekümmert in welchem Sinn? Vielleicht ließ sie sich wirklich von jedem Mann einladen, eine Vorstellung, die mich nicht entrüstete, aber eifersüchtig machte, geradezu sentimental.
„Ob wir uns nochmals sehen?“, fragte ich und fügte sofort hinzu: „Wenn nicht, dann wünsche ich Ihnen alles Gute-“
Ich musste wirklich gehen.
„Sie bleiben noch hier?“
„Ja“, sagte sie, „ich hab ja Zeit-“
Ich stand bereits.
„Wenn Sie Zeit haben“, sagte ich, „mir einen Gefallen zu erweisen-“
Ich suchte meinen verlorenen Hut.
„Ich wollte in die Opera“, sagte ich, „aber ich habe noch keine Karten-“
Ich staunte selbst über meine Geistesgegenwart, ich war noch nie in der Opera gewesen, versteht sich, aber Sabeth mit ihrer Menschenkenntnis zweifelte nicht eine Sekunde, obschon ich nicht wusste, was in der Opera gegeben wurde, und nahm das Geld für die Karten, bereit, mir einen Gefallen zu erweisen.
„Wenn Sie auch Lust haben“, sagte ich, „nehmen Sie zwei, und wir treffen uns um sieben Uhr- hier.“
„Zwei?“
Es soll großartig sein!“
Das hatte ich von Williams gehört.
„Mister Faber“, sagte sie, „das kan ich aber nicht annehmen-“

Nach der anschließenden Konferenz in seiner Firma nimmt Walter Faber das Angebot seines Chefs an und nimmt sich zwei Wochen frei. So ist es für ihn schon beschlossene Sache, dass er mit Sabeth reisen will.
Zitat: Williams fuhr mich zu meinem Hotel, während ich darlegte, dass ich doch daran denke, ein bisschen auszusetzen, ein bisschen Ferien zu machen, frühlingshalber, zwei Wochen oder so, eine kleine Reise (trip) nach Avignon, und Pisa, Florenz, Rom, er war keineswegs merkwürdig, im Gegenteil, Williams war großartig wie je, sofort bot er seinen Citroën an, da er anderntags nach New York flog.

Die hier zitierten Textauszüge aus dem Buch sollen darlegen, das Walter Faber zu erst ahnte und dann die Gewissheit hatte, dass Sabeth seine Tochter ist.
Trotzdem zieht er sich nicht zurück. Im Gegenteil: Er nimmt sich Urlaub, um mit seiner Tochter auf eine Reise durch Italien zu gehen. Und er lässt es schließlich zu, dass das ahnungslose Mädchen, das sich offenbar zu älteren Männern hingezogen fühlt, in sein Bett kommt und der Inzest vollzogen wird. Walter Faber hat sich bewusst seiner Tochter gegenüber schuldig gemacht.
Aber auch Hanna, Sabeths Mutter, machte sich schuldig, indem sie Sabeth verschwieg, dass Walter Faber ihr Vater ist und indem sie Walter verschwieg, dass er eine Tochter hat. Sabeth dagegen, war in dieser Inzestgeschichte sowohl die Getäuschte, als auch das Opfer. Sie traf keine Schuld. Warum also, so frage ich mich, musste sie dann den Inzest mit ihrem Leben bezahlen?
Wie wäre die Geschichte um Walter Faber verlaufen, wenn Sabeth den Schlangenbiss und den Sturz über die Böschung überlebt hätte? Der Roman „Homo faber“ ist primär darauf ausgerichtet, die Wandlung des Walter Faber aufzuzeigen. Die Wandlung von einem Mann, der nur technisch denkt und in der Realität lebt, der mit Fügung und Mystik nichts anfangen kann, zu einem Mann, der zu reflektieren beginnt und die Welt um sich herum Schritt für Schritt mit anderen Augen sieht, ja, der beschließt, anders zu leben. Hätte es nicht gereicht, wenn Walter am Ende des Buches seinem Krebsleiden erliegt? Sabeth hätte niemals erfahren müssen, dass er ihr Vater war. So hätte sie auch nie erfahren, dass sie mit ihm ein inzestuöses Liebesverhältnis hatte. Ihr Verhältnis zu ihm wäre nichts weiter gewesen, als das zu ihrem Professor in Yale oder das zu ihrem „Schnäuzchenfreund“ an Bord des Schiffes von New York nach Le Havre. Sie hätte Walter früher oder später vergessen und hätte ihr Leben leben können, ohne jede Einschränkung.
Warum also ließ Max Frisch Elisabeth Piper sterben?

Bestrafen Autoren ihre weiblichen Protagonistinnen, wenn diese sich nicht dem männlichen Verhaltenskodex unterwerfen?

Ehebrecherinnen in Romanen von Autoren, die allesamt ihre „Verfehlung“ mit dem Leben bezahlen mussten.
Hier drängen sich Parallelen zu anderen Romanen der Literaturgeschichte auf. Die Reihe der Frauen, die wegen ihrer vermeintlichen Schuld (Ehebruch, Inzest, Verhältnis mit einem viel älteren Mann, Kindsbräute) sterben mussten, ist lang. Ihre Schöpfer, die Autoren, ließen sie an Krankheiten oder an gebrochenem Herzen sterben, oder Selbstmord begehen. Oder sie ließen ihnen die gerechte Strafe durch ein Urteil des Gerichts zuteil werden.

Hier vier Beispiele:

Effi Briest, Anna Karenina, Emma Bovary und Tess von den d`Urbervilles gehören zu den brühmtesten Ehebrecherinnen der Weltliteratur.
In Theodor Fontanes „Effi Briest“, wird die 17 jährige Effi mit dem ehemaligen Verehrer ihrer Mutter, dem 44 jährigen Baron von Innstetten verheiratet. Dieser vernachlässigt seine junge Frau, die sich schließlich in Major von Crampas verliebt und ein Verhältnis mit ihm beginnt. Als ihr Mann dies Jahre später erfährt, verstößt er sie und entzieht ihr ihre Tochter. Effi stirbt schließlich in ihrem Elternhaus an gebrochenem Herzen. Auch für Effi Briest hätte es einen anderen Weg gegeben. Sie hätte, wie Else von Ardenne, auf deren Geschichte der Roman Fontanes fußt, eine Arbeit annehmen und ein selbstbestimmtes Leben führen können. Doch der Autor wollte, dass Effi für ihren Seitensprung eine Strafe erhielt. Die schlimmste Strafe von allen, den Tod.
Anna Karenina ist im gleichnamigen Roman von Leo Tolstois mit dem wesentlich älteren Alexej Karenin verheiratet und hat mit ihm einen Sohn. Alexej Karenin ist ein steifer Staatsbeamter und passt nicht so recht zu seiner lebensbejahenden Frau. Anna verliebt sich in den Grafen Alexej Wronskij und bekommt von ihm eine Tochter. Daraufhin willigt Karenin in die Scheidung ein. Anna und Wronskij ziehen sich auf ein Landgut zurück. Anna muss ihren Sohn bei Karenin zurücklassen. Auf dem Land stellen beide bald fest, dass sie sich in ihrer Liebe nicht mehr genügen. Wronskij stürzt sich in die Arbeit und entwickelt politischen Ehrgeiz, während Anna von starker Eifersucht und Selbstzweifeln gequält wird und in Wahnideen verfällt. Als sie schließlich dem Druck nicht mehr standhält, wirft sie sich vor einen Zug und begeht Selbstmord.
Im Roman „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert ist Emma, die schöne Frau eines verwitweten Landarztes, die Hauptfigur. Auch sie langweilt sich mit ihrem Mann und geht deshalb mit dem Kanzlist Leon und mit dem Grundbesitzer Rodolphe Liebesbeziehungen ein. Aus Prunksucht und um Leon teure Geschenke zu machen, verschuldet sich Emma bei dem Händler Lheureux. Dieser gibt die Wechsel weiter und der Familie Bovary droht die Pfändung. Emmas Liebhaber wollen und können ihr nicht aus der finanziellen Bedrängnis helfen. In ihrer Verzweiflung nimmt Emma Arsen und stirbt nach einem langen schweren Todeskampf.
In „Tess von den d`Urbervilles“, einem Roman von Thomas Hardy, erleidet die junge Tess ein ähnlich trauriges Schicksal. Auch sie ist ein klassisches Opfer der Männerwelt. Als junges Mädchen wird sie von ihren verarmten adeligen Eltern zum Arbeiten zu reichen Verwandten geschickt. Dort wird sie von Alec d`Urbervilles mutmaßlich vergewaltigt, mindestens aber verführt. Wieder Zuhause bringt sie ein Kind zur Welt, das aber bald stirbt. Zwei Jahre später wagt Tess einen Neuanfang und findet Arbeit als Milchmädchen in einem weit entfernten Dorf. Dort lernt sie Angel Clare kennen. Die beiden verlieben sich ineinnader und heiraten schließlich. In der Hochzeitsnacht gesteht Angel, dass er einst in London eine kurze Affaire mit einer älteren Frau gehabt hat. So fühlt sich Tess ermutigt, ihrem Mann zu gestehen, dass sie bereits ein Kind hatte. Daraufhin wird sie von Angel verlassen, der nach Brasilien geht, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Er untersagt Tess, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Tess arbeitet forthin als Magd auf einem abgelegenen Hof. Die Arbeit ist sehr schwer und wird für sie noch härter, weil der Bauer ihr das Leben so schwer wie möglich macht. Auf dem Hof trifft Tess wiederholt auf Alec d`Urbervilles, der ihr nachstellt und sie heiraten will. Doch Tess lehnt ab. Bald darauf stirbt ihr Vater, ihre Familie wird obdachlos und sucht nach einer neuen Bleibe. Völlig verarmt kampiert ihre Mutter mit den Kindern vor der Gruft der d`Urbervilles. Wieder bietet Alec seine Hilfe an und schließlich lässt sich Tess, ihrer Familie willen, darauf ein, Alecs Geliebte zu werden.
Angel kommt erkrankt aus Brasilien zurück und sucht Tess. Er findet sie bei Alec, wo sie ihm sagt, dass es nun für ein gemeinsames Leben zu spät sei. Doch kurz darauf ersticht Tess Alec und flieht mit ihrem Mann. Die Flucht endet, nachdem sich beide wieder näher gekommen sind. Tess wird verhaftet, zum Tod verurteilt und schließlich gehängt.

Kindsbräute in Romanen von Autoren, die, nachdem sie von meist älteren Männern missbraucht wurden, sterben mussten.

In der Weltliteratur gibt es auch eine Reihe von Kindsbräuten, die wegen ihres jungen Alters per se in der Opferrolle sind. Sie werden von meist sehr viel älteren Männern, geliebt, verehrt und nicht selten auch sexuell missbraucht. Doch obwohl sie eindeutig unschuldig sind, lassen die Autoren die Mädchen sterben.

Hier vier Beispiele:
In “Wilhelm Meisters Lehrjahre” von Johann Wolfgang von Goethe verliebt sich das Zigeunermädchen Mignon in Wilhelm. Sie zerbricht schließlich an dieser Liebe und stirbt.
Charles Dickens lässt Dora Spenlow, die kindliche Ehefrau seines Protagonisten David Copperfield in seinem gleichnamigen Roman, eine Fehlgeburt erleiden. Danach verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand kontinuierlich bis sie schließlich stirbt.
Im Roman „Die kleine Stechardin“ von Gert Hofmann verliebt sich der Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799) in die 12 jährige Maria Dorothea Stechard. Er holt das Mädchen als Gesellschafterin in sein Haus, lässt sie an seiner Arbeit teilhaben und nimmt sie schließlich in sein Bett. Mit 17 Jahren stirbt die Kindsbraut an einem Fieber.
Die wohl bekannteste Kindsbraut ist Lolita, aus dem gleichnamigen Roman von Vladimir Nabokov. Humbert Humbert, der 1910 in Frankreich geborene Literaturwissenschaftler beginnt mit 37 Jahren eine sexuelle Beziehung mit der 12 jährigen Dolores Haze, die er Lolita nennt. Es ist eine einseitige Leidenschaft. Zuvor hatte Humbert schon im Alter von 13 Jahren eine Beziehung zur ebenfalls 13 jährigen Annabel Lee, die bald stirbt.
Mit Lolita begibt sich Humbert zu Beginn und im Verlauf seiner einseitigen Leidenschaft auf eine Reise durch sämtliche Staaten der USA. Als Lolita während einer Viruserkrankung aus dem Hospital flieht, verfolgt er sie und seinen vermeintlichen Nebenbuhler vergeblich. Erst drei Jahre später wendet sich Lolita selbst an Humbert mit der Bitte um Geld. Sie ist verheiratet, schwanger und verarmt. Humbert trifft Lolita und erkennt in ihrem Mann seinen Nebenbuhler den Dramatiker Clare Quilty, einen alten Bekannten von Lolitas Familie. Im Gefängnis, wo er nach dem Mord an Quilty auf seinen Prozess wartet, schreibt er seine „Liebesgeschichte“ mit Lolita nieder. Lolita stirbt kurz nach der Geburt eines totgeborenen Mädchens.
Ist es die männliche Sicht (die Sicht der Autoren) auf die Ehebrecherinnen und Kindsbräute, die bedingt, dass diese Frauen und Mädchen ihr „Fehlverhalten“ nicht überleben dürfen? Anders ergeht es den Ehebrecherinnen und Kindsbräuten in den Werken von Schriftstellerinnen. Sie erleiden manchmal ein Traumata, werden aber nie für ihr Verhalten „bestraft“. Sogar Morde aus emotionalen Gründen bleiben in Romanen von Autorinnen ungesühnt.

Lassen Autorinnen die „Fehltritte“ ihrer Protagonistinnen ungeahndet, weil sie deren Beweggründe nachvollziehen können?

Kindsbräute und Ehebrecherinnen in Romanen von Autorinnen

Autorinnen verarbeiten den Stoff Kindsbraut und Ehebrecherinnen anders. Bei ihnen überleben die Protagonistinnen.

Hier drei Beispiele:

Im Roman „Der Liebhaber“, der von der französischen Schriftstellerin Marguerite Duras geschrieben wurde, überlebt die Kindsbraut ihre Liebesbeziehung zu einem älteren Mann, wenn auch nicht unbeschadet.
Zitat: „Jetzt sehe ich, dass ich sehr jung, mit achtzehn, mit fünfzehn, ein Gesicht hatte, in dem jenes andere vorweggenommen war, das mir später der Alkohol in mittleren Lebensjahren beigebracht hat. Der Alkohol übernahm die Funktion, die Gott nicht gehabt hat, auch jene, mich zu töten, zu töten.“

Auch hier die Andeutung einer Schuld, die hätte gesühnt werden müssen. Doch Marguerite Duras lässt ihre Heldin überleben. Die späteren Alkoholexzesse der Romanfigur, wie auch die der Autorin, machen aber deutlich, dass beide durch ihre sexuelle Beziehung zu einem reiferen Mann seelischen Schaden genommen haben. Dazu muss noch gesagt werden, dass die Schriftstellerin in dem Roman „Der Liebhaber“ ihre eigene Lebensgeschichte erzählt.

Auch in Isabelle Allendes Roman „Eva Luna“ überlebt Eva das intime Verhältnis zu ihrem wesentlich älteren Ziehvater, der ihr sogar zur Flucht und zu einem neuen Leben verhilft. Am Ende des Buches heiratet Eva den Kameramann Rolf Carle und wird glücklich.
In „Frau Sartoris“ von Elke Schmitter ist Margarthe Sartoris nicht nur eine Ehebrecherin, sondern auch die Mörderin des Freundes ihrer Tochter. Aber auch ihre Schuld bleibt ungesühnt. Eine „Strafe“ wie Selbstmord oder Verurteilung durch ein Gericht wird von der Autorin zumindest nicht ausgeführt.

Sehen männliche Schriftsteller immer im Weiblichen die Schuld?

Wenn dies so sein sollte, dann weisen Autoren ihren männlichen Protagonisten nicht nur die Rolle des von der Weiblichkeit Verführten zu (Eva verführt Adam. Bis in alle Ewigkeit?), sondern sie statten diese auch mit einer Schwäche aus, die es ihnen scheinbar unmöglich macht, für ihre Taten einzustehen.

Kindsbraut unter anderen Vorzeichen

Der Roman „Die Schweigeminute“ von Siegfried Lenz erzählt die Geschichte der Kindsbraut unter umgekehrten Vorzeichen. Hier ist es der Schüler Christian, mit seinen 18 Jahren noch ein Junge ohne Erfahrung in Liebesdingen, der ein Verhältnis mit seiner erwachsenen Englischlehrerin Stella Petersen eingeht. Das ungleiche Paar verbringt einen glücklichen Sommer und Christian glaubt fest an eine gemeinsame Zukunft mit Stella. Doch diese wird bei einem Bootsunfall schwer verletzt und erliegt schließlich ihren Kopfverletzungen.
Während bei Autoren normalerweise die weiblichen Kindsbräute am Ende des Romans sterben, verunglückt im Roman „Die Schweigeminute“ die weibliche Entsprechung des erwachsenen Verführers, nämlich die Lehrerin Stella Peterson, und erliegt ihren Verletzungen.
Doch ist es immer erforderlich, dass ein „Fehlverhalten“ gesühnt oder bestraft werden muss? Warum können die literarischen Figuren bei Autoren keinen Ehebruch begehen, keine unüblichen Liebesverhältnisse eingehen, ohne dafür mit dem Tod bestraft zu werden? Dies wird doch im wirklichen Leben millionenfach vorgelebt.
Warum also musste Sabeth Piper sterben?

Text und Foto: © Xenia Marita Riebe

 

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