Neid und Missgunst unter Künstlern und Künstlerinnen

Matthäus Merian

Plünderung in der Frankfurter Judengasse – Matthäus Merian (1593 – 1650) Kupferstich koloriert. / Neid spielte auch beim Hass auf Juden eine wichtige Rolle

 

Im Folgenden sind mit dem Wort Künstler auch immer Künstlerinnen gemeint. Ich benutze die kürzere männliche Form nur aus Gründen der besseren Lesbarkeit dieses Artikels.

„Neid ist die Religion der Mittelmäßigen. Er stärkt sie, entspricht der sie zernagenden Unruhe, verdirbt letzten Endes ihre Seele und gestattet ihnen, die eigene Niedertracht und Gier zu rechtfertigen, bis sie glauben, diese seien Tugenden und die Himmelspforten stünden nur Unglücksraben wie ihnen offen, die durchs Leben ziehen, ohne eine weitere Spur zu hinterlassen als ihre hinterhältigen Bemühungen, all jene zu verachten, auszuschließen oder sogar zu vernichten, die durch ihre schiere Existenz die seelische und geistige Armut sowie die Unentschlossenheit bloßlegen. Selig der, den die Idioten anbellen, denn seine Seele wird ihnen nie gehören.“

Zitat aus dem Roman „Das Spiel des Engels“ von Carlos Ruiz Zafon.
Übersetzt aus dem Spanischen von Peter Schwaar.

Ich habe das Zitat aus dem Roman von Carlos Ruiz Zafon als Einleitung zu meinem Artikel gewählt, weil es mir zu verdeutlichen scheint, dass Neid nicht nur dem Beneideten schadet, sondern auch das seelische Gleichgewicht des Neiders zerstören kann

Während meiner langjährigen Arbeit als bildende Künstlerin bekam ich Neid und Missgunst oft zu spüren. Ich verbat mir jedoch, darüber nachzudenken und wollte lange Zeit nicht wahrhaben, das Neid ein destruktives Gefühl ist, das oft stark genug ist, selbst Freundschaften zu zerstören.

Neid existiert, seit es Menschen gibt und ist vielleicht sogar eine der Ursachen dafür, dass der Mensch sich so rasant von den übrigen Säugetieren weg, hin zum Homo Sapiens entwickelt hat. Denn Neid kann sehr wohl auch eine Triebfeder sein. Er kann den Menschen motivieren, seine Anstrengungen zu forcieren, um dem nagenden Gefühl des Neides Herr zu werden.

Save Me - Papierskulptur (2018) - Xenia Marita Riebe

Save Me – Papierskulptur (2018) – Xenia Marita Riebe

Erscheinungsformen des Neides

Konstruktiver Neid

Empfindet ein Mensch einem anderen gegenüber Neid auf etwas, das er ihm nicht wegnehmen kann oder will, spricht man von konstruktivem Neid.

Beispiel: Hat eine Mutter eine junge, schöne Tochter, wird sie dieser die Jugend und die Schönheit nicht wegnehmen wollen. Wahrscheinlich erfreut sie sich sogar daran, die schöne Tochter anzuschauen und ist stolz auf sie. Und doch kann sie Neid empfinden. Dieser Neid entspringt dem Wunsch der Mutter, selbst wieder jung und schön zu sein.

Diese Form des Neids gibt es nur bei einer grundsätzlich positiven Einstellung der neidenden zur beneideten Person. Die neidende Person hat nicht die Absicht, die Ungleichheit zu beseitigen, was in den meisten Fällen auch aussichtslos ist.

Destruktiver Neid

Der destruktive Neid gilt im Allgemeinen als ethisch und moralisch verwerflich. Ein anderes Wort für diese Form des Neids ist Missgunst, eine Emotion, die häufig stärkere Gefühle und Handlungen wie Schadenfreude, Hass, Verrat und Denunziation bewirkt und deshalb für den Beneideten letztlich sogar gefährlich sein kann.

Grundsätzlich entsteht diese Form des Neids aus mangelndem Selbstvertrauen, Kleinmut, Schwäche, selbstempfundener Unterlegenheit und überspanntem Ehrgeiz. Der Neider ist oft krampfhaft bemüht, seinen unschönen Charakterzug vor seinen Mitmenschen und vor sich selbst zu verbergen. Denn stünde er zu seinem Gefühl, gestände er auch seine Schwächen ein.

Nicht selten ist die Schadenfreude eine Begleiterscheinung des Neids. Erleidet der Beneidete einen Rückschlag oder Verlust, genießt der Neider heimliche Schadenfreude.

Historischer Zusammenhang

Erstmalig belegt ist die Beschäftigung mit dem Neid bei den alten Griechen. Platon und Aristoteles galt er als etwas Verabscheuungswürdiges, das zu bekämpfen sei. Neid sei die Ursache für den ständigen Streit und den Unfrieden in den Stadtstaaten.
Demokrit rechnete den Neid zusammen mit der Eifersucht und der Feindschaft zu den Geistern, die Unheil über die Menschheit brächten. Selbst bei den Göttern im Olymp gab es Neid und Missgunst, wie uns die griechischen Götter- und Heldensagen lehren.

Für den britischen Philosophen und Naturforscher Francis Bacon war der Neid der verwerflichste und niedrigste Affekt und eine Eigenschaft des Teufels.

Immanuel Kant sprach vom scheußlichsten Laster einer grämischen, sich selbst folternden und auf Zerstörung des Glücks anderer gerichteten Leidenschaft, die gleichwohl in der Natur des Menschen liege.

Das Christentum stufte den Neid als eine der sieben Todsünden ein, allegorische Darstellungen, Gemälde und Stiche zeigen ihn oft in Verbindung mit giftigem Getier, wie Schlangen oder Skorpionen.

Neid - Giovanni Bellini (1432 - 1516)

Neid – Giovanni Bellini (1432 – 1516)

Ursache für den Neid

Doch was ist die Ursache für den Neid? Warum beneidet der „kleine Mann“, den „kleinen Mann“ und nicht Bill Gates mit seinem immensen Reichtum? Weshalb lässt die Schönheit von Penélope Cruz die „Durchschnittsfrau“ ruhig schlafen? Wieso beneiden wir unsere Nachbarn um ihr neues Auto, ihr schönes Haus oder ihre teuren Urlaubsreisen?

Neidforscher erklären dies mit der Vergleichbarkeit, denn – so Francis Bacon – „wo kein Vergleich stattfindet, gibt es auch keinen Neid.“

Schon um 700 v. Chr. wusste der griechische Dichter Hesiod: „Der Töpfer grollt dem Töpfer und der Zimmermann dem Zimmermann, es neidet der Bettler den Bettler.“

Das heißt, je größer der Abstand zwischen Neider und Beneidetem, desto unrealistischer wird der Vergleich zwischen beiden und desto geringer ist der Anlass, sich zurückgesetzt und minderwertig zu fühlen.

Neid und Missgunst unter Künstlern

Leider ist der destruktive Neid unter Künstlern weit verbreitet. Dies liegt sicher an der starken Konkurrenz in einem Metier, in dem es kaum konkrete Messwerte für die Qualität der erzeugten Arbeiten und Leistungen gibt. Zudem basiert der Erfolg von Künstlern häufig nicht allein auf ihrem Können. Eine akademische Ausbildung, Beziehungen, ein gutes Marketing und auch ein wenig Glück können zum Erfolg führen. Manchmal reicht es schon, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein und so die Aufmerksamkeit eines Produzenten, Galeristen, Verlegers oder Musikdirektors auf sich zu ziehen. Auch die Erwähnung des Künstlers und seiner Leistung in den Medien befördert die Karriere. Doch selbst hier greift oft das Prinzip Zufall.
Die Künstlerkollegen hadern dann häufig mit der Gerechtigkeit und setzen alles daran, die entstandene Ungleichbehandlung zu kompensieren. Nicht selten geschieht es dann, dass der Künstler, der einen Kollegen beneidet, beginnt, dessen Arbeiten zu kopieren, um so denselben Erfolg zu erlangen. Durch diesen Antrieb entstehen millionenfache Plagiate.

Save Me - Papierskulptur (2018) - Xenia Marita Riebe

Save Me -Ausschnitt- Papierskulptur (2018) – Xenia Marita Riebe

Üble Nachrede

Künstler können leider oft nicht widerstehen und versuchen, dem beneideten Kollegen durch üble Nachrede zu schaden. Dies, in der (unbegründeten) Hoffnung, selbst den Platz des Kollegen einzunehmen und den eigenen Erfolg zu forcieren.

Aber nun zurück zu meinen eigenen Erfahrungen mit dem Neid, die ich genau auf der Ebene des Vergleiches, nämlich zwischen Gleichbegabten, Gleichschönen und gesellschaftlich gleichgestellten Menschen machte und die ich als diffuses Gefühl bei Treffen mit Gleichgesinnten immer wieder wahrnehme.

Vor vielen Jahren musste ich die erste bittere Erfahrung mit dem Neid unter Künstlern machen. Ich arbeitete damals eng mit einer bildenden Künstlerin und Freundin zusammen. Wir zeigten unsere Arbeiten in gemeinsamen Ausstellungen und gingen schließlich sogar soweit, einen gemeinsamen Gemälde-Zyklus zu malen. Dafür teilten wir uns je eine Leinwand, indem eine Malerin die obere Hälfte gestaltete und die andere sich auf der unteren Leinwandhälfte mit der Malerei der Künstlerfreundin auseinandersetzte und umgekehrt.
Dann kam es plötzlich zum Bruch der engen Künstlerfreundschaft, aus Motiven, die ich zuerst nicht verstand. Nach und nach wurde allerdings deutlich, dass Neid der Grund für den Bruch war. Meine Kollegin wandte sich von mir ab, weil es für sie unerträglich war, dass ich mit meinen Arbeiten erfolgreicher war als sie. Der Auslöser war, dass meine Bilder in einer bekannten belgischen Galerie angenommen wurden und der Galerist für mich eine Einzelausstellung ausrichtete.

Das Phänomen Neid begleitete mich durch die Jahre hindurch. Es zeigte sich nicht immer sofort, änderte subtil seine Erscheinungsform und blieb doch immer ein Zeichen von Schwäche. Wenn ich zurückdenke, war Neid, wo immer Künstler zusammentrafen, latent vorhanden. Er äußerte sich in verstohlenen abschätzigen Blicken, in Gesten der Unterwürfigkeit und in spitzen Bemerkungen und er lag allenthalben wie verbrauchte Luft im Raum.

In der kommunalen Künstlerförderung spürte ich die Angst davor, neue Künstler zum erlauchten Kreis der Geförderten zuzulassen. Diese Angst wurde auch öffentlich artikuliert, indem die neu aufzunehmenden Künstler von den Bestandskünstlern hart kritisiert wurden. Argumente für die Nichtaufnahme wurden gesucht, die eigene Ausbildung hervorgehoben und die der Neuen herabgesetzt. Lag es daran, dass die etablierten Künstler um ihren Platz im Künstler-Olymp bangten? Oder spürten sie insgeheim, dass sie trotz jahrzehntelanger Förderung noch immer im regionalen Saft brutzelten? Hatten sie vielleicht einfach nur Angst, dass durch die heranwachsende Konkurrenz ihre „seelische und geistige Armut, sowie ihre Unentschlossenheit“ bloßgelegt würden?

Künstlergruppen

Besonders häufig spielt der Neidfaktor in Künstlergruppen eine Rolle. Gruppenmitglieder versuchen auf Kosten anderer, die Spitzenposition in der Gruppe zu erlangen, um so in der Öffentlichkeit besser wahrgenommen zu werden. Dabei bedienen sie sich der üblen Nachrede innerhalb der Gruppe, versuchen die Gruppe zu spalten und neue Hierarchien zu gründen. Oft führt ein solches Verhalten schließlich zum Auseinanderbrechen der Künstlergruppe.

Invidia - Neid (1596-1597) / Jacques de Gheyn

Invidia – Neid (1596-1597) / Jacques de Gheyn

Schlafes Bruder ist der Tod – Neides Schwester ist der Untergang

Auch dies musste ich selbst erfahren. Vor Jahren gründete ich in meiner Heimatstadt eine spartenübergreifende Künstlergruppe. Viele der Künstler, die ich in die Gruppe aufnahm, waren noch nie mit ihren Arbeiten öffentlich in Erscheinung getreten. Der Zusammenhalt in der Gruppe war lange Zeit gut, gemeinsame Aktionen, Lesungen und Ausstellungen wurden organisiert. Es gab eine Internetseite, auf der die Künstler mit Fotos und Videos präsentiert wurden. Doch dann kam der Zeitpunkt, an dem sich der Neid zu Wort meldete. Ein Gerangel um das bestplatzierte Video oder Foto auf der Internetseite entbrannte. Die Erwähnung eines Mitglieds der Gruppe in der Presse wurde zum Zankapfel, ebenso wie die Größe und Anzahl der Exponate bei Gemeinschaftsausstellungen. Dazu kam der Neid auf die erfolgreicheren Kollegen und auf die vermeintlichen Vorteile, die ich durch die Führung der Gruppe zu haben schien. Schließlich löste sich die Gruppe auf und so wurde eine sehr hoffnungsvoll beginnende fruchtbare Zusammenarbeit zerstört. Der sich kurz darauf neu formierte Rest der Künstler erlangte nie wieder den Bekanntheitsgrad der ursprünglichen Gruppe.

Historisches Beispiel

Die Künstlergruppe Brücke wurde am 7. Juni 1905 gegründet. Ihre Mitglieder waren Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel.

1912 kündigte Kirchner an, dass in diesem Frühjahr eine Chronik der Künstlergruppe Brücke erscheinen werde. Kirchner verfasste im Einvernehmen mit den anderen Gruppenmitgliedern diese Chronik, in der er sich selbst als wahres Genie darstellte und seinen Einfluss auf die Malerkollegen hervorhob. Weil dies den anderen Gruppenmitgliedern missfiel, lehnten sie den Text als zu einseitig ab und verhinderten seine Veröffentlichung.
Ernst Ludwig Kirchner schrieb außerdem unter einem Pseudonym Kritiken über die Werke der anderen Mitglieder der Künstlergruppe Brücke, in denen er diese beschuldigte, von ihm (Kirchner) abgeschaut zu haben. Er ging sogar soweit, einige seiner Bilder umzudatieren, um so seinen Führungsanspruch zu untermauern.
Erich Heckel äußerte sich später über die Chronik: „Der Text hat uns vor den Kopf gestoßen.“ Kirchner wiederum empfand die Ablehnung seiner Chronik durch die Kollegen als Undank. Er zog sich immer mehr von den übrigen Mitgliedern zurück. Die Folge davon war, dass im Mai 1913 von Fritz Bleyl, Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel die Auflösung der Künstlergruppe Brücke beschlossen wurde. Die Passivmitglieder wurden in einem Brief, der von Kirchner nicht mehr unterzeichnet wurde, von der Auflösung in Kenntnis gesetzt.
Einige Jahre später veröffentlichte Ernst Ludwig Kirchner die Chronik, die letztlich zur Auflösung der Künstlergruppe geführt hatte, dennoch. Er distanzierte sich von der Brücke und wollte nicht mehr mit der Künstlergruppe in Zusammenhang gebracht oder genannt werden.
War Ernst Ludwig Kirchner neidisch auf seine Künstlerkollegen und begegnete ihnen deshalb mit Missgunst? Hat er aus Neid versucht, ihre Arbeiten herabzusetzen? Führten Neid und Missgunst schließlich zur Auflösung der Künstlergruppe Brücke?

Dort, wo Neid und Missgunst regieren, werden positive Energien unwiederbringlich zerstört. Das ist der Kunst nicht zuträglich, denn der Künstler braucht zur freien Entfaltung seiner Kreativität ein Umfeld aus Freiheit, Achtung und Zuspruch. Die Künstlerseele ist empfindsam und verkraftet Verletzungen, die durch Neid, Missgunst, üble Nachrede oder falsche Freundschaften entstehen, nur schwer.
Für Künstler, die sich in der heutigen Atmosphäre behaupten müssen, die geprägt ist durch den Kampf um Ausstellungsmöglichkeiten und durch das Buhlen um Kunstinteressenten und Käufer, ist es sehr schwer, das innere Gleichgewicht zu wahren und sich nicht mitreißen zu lassen in den Strudel der „Niedertracht und der Gier“, den „das Heer der Mittelmäßigen“ durch seinen Neid immer weiter nährt.

Ich appelliere deshalb an alle Künstler, keinen Neid gegenüber Kollegen zuzulassen, denn nur so können wir uns in einem Klima bewegen, das die Entstehung von wahrer Kunst zulässt.

Text: © Xenia Marita Riebe

Lies auch: Kreative Kontrahenten

 

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