Mit den Zopiloten beim „Cristo de La Habana“

Neulich planten Linda, Enrique und ich einen Ausflug nach Casablanca. Aber damit wir uns recht verstehen, ist damit nicht das legendäre Casablanca in Marokko gemeint, sondern ein kleines Fischerdorf, das jenseits der Bahia de la Habana – der Hafeneinfahrt von Havanna – und damit gegenüber der Altstadt liegt. Dort auf einem Hügel steht eine 17 Meter hohe Christusstatue auf einem 3 Meter hohen Sockel. Das ganze 20 Meter hohe Monument besteht aus weißem Carrara-Marmor und wurde von der kubanischen Bildhauerin Jilma Madera entworfen und 1958 nach ihren Anweisungen errichtet. Die Statue wurde in Carrara gefertigt und in Einzelteilen nach Kuba gebracht und dort zusammengesetzt. Jilma Madera erhielt den Auftrag für ihren Christus von der Frau des ehemaligen Diktators Batista. Der „Cristo de La Habana“ gilt als eine der größten, jemals von einer Frau geschaffenen, Skulpturen der Welt.
Und eben diese wollten wir aus der Nähe besichtigen. Enrique holte uns ab und führte uns zum Hafen und dort zum Terminal de Ferris, von wo eine Personenfähre mit der gegenüberliegenden Seite verkehrt. Wir kauften am Schalter Fahrkarten und warteten mit ungefähr 30 anderen Passagieren darauf, dass eine Fähre auftauchen und uns hinüber nach Lanchita de Casablanca bringen möge. Es war wie immer heiß und schwül in Havanna. Zum Glück war der Wartebereich des Fähranlegers überdacht, sodass wir nicht in der prallen Sonne warten mussten. Wir standen schön ordentlich hintereinander in Schlangen aufgereiht zwischen eisernen Absperrungen.
Nach einer ziemlich langen Wartezeit lief die Fähre schließlich ein. Die Passagiere, die aus Casablanca kamen verließen die Fähre und endlich durften wir einsteigen. Die Fähre bestand aus einer Plattform, ohne Sitze oder anderem Komfort. Wir stellten uns an den Rand der Plattform, denn wir wollten etwas von der Überfahrt sehen. Um uns herum standen überall Leute, die sich zum Teil an gelb gestrichenen Eisenstangen festhielten.
Und los ging die Fahrt. Der alte Dieselmotor heulte auf und der Kahn wurde losgemacht. Ruckelnd und stotternd zog der Motor an und die Fähre bewegte sich hinaus auf die Hafeneinfahrt. Doch nach etwa 15 Metern begann sie sich plötzlich langsam zu drehen. Zu erst glaubte ich noch, dass dies ein normales Fahrtmanöver sei, doch schon bald wurde mir bewusst, dass sich die Fähre langsam um die eigene Achse drehte. Der Motor arbeitete auf Hochtouren und der Kapitän versuchte scheinbar alles, die Fähre wieder auf Kurs zu bringen. Vergeblich! Schließlich stellte er den Motor aus und die Fähre beendete ihre unseligen Drehungen. Jetzt war es auf einmal ganz still. Das laute Motorgeräusch hatte die Passagiere zum Schweigen gebracht und sie schienen nicht so schnell ihre Sprache zurückzugewinnen. Alle standen irgendwie ratlos da. Die wenigen Touristen fragten sich wohl, wie sie nun die havarierte Fähre verlassen konnten. Die Kubaner dagegen standen dem ganzen eher gleichgültig gegenüber. Scheinbar kamen solche Dinge hier häufiger vor. Wir warteten und langsam setzten auch die Gespräche wieder ein. Es war Sonntagnachmittag, die Menschen hatten keine Eile. Nach geraumer Zeit kam ein verrosteter Kahn angetuckert, der mit der höchsten Motorleistung, die er aufbringen konnte, den Havaristen mitsamt der Passagiere zurück zum Terminal schleppte. Ohne zu protestieren stiegen alle Fahrgäste wieder aus und stellten sich geduldig erneut zwischen die Trennbarrieren in Schlangen zum Warten auf. Hier hatten sich inzwischen schon neue Passagiere eingefunden, die mit der nächsten Fähre fahren wollten. Es herrschte also ein ziemliches Gedränge. Plötzlich fingen zwei Kubaner an, sich gegenseitig zu beschimpfen. Sie schrien sich laut an und wurden immer heftiger. Worum es bei dem Streit ging, weiß ich nicht. Eine Frau mischte sich ein und keifte aufgeregt dazwischen. Diese wurde von einem der Männer unsanft weggestoßen. Und schon gingen die Männer aufeinander los. Sie versetzten sich gegenseitig Faustschläge und schubsten sich hin und her, sodass sie immer wieder in die wartenden Menschen fielen. Dabei beschimpften sie sich weiter sehr wütend und sehr laut. Nach wenigen Minuten kamen drei Polizisten angerannt, die heftig in ihre Trillerpfeifen stießen. Sie überwältigten die beiden Kampfhähne und nahmen sie kurzentschlossen mit. Dann herrschte wieder Ruhe. Niemand fragte etwas, keiner kommentierte den Vorfall. Es war scheinbar nichts geschehen.
Kurz darauf kam eine Ersatzfähre angefahren und wir durften erneut einsteigen. Jetzt war es allerdings sehr voll auf dem einfachen Boot und wir bekamen keinen Platz mit Aussicht. Wir standen in der Mitte und hielten uns mühsam an einer Stange fest, die auch noch vielen anderen Passagieren zu diesem Zweck diente. Und los ging die Fahrt. Diese Fähre schien etwas besser als ihre Vorgängerin in Schuss zu sein, wenn sie auch genauso verrostet aussah. Jedenfalls war der Motor erheblich leiser, was ich für ein gutes Zeichen hielt. Neben uns standen zwei mittelalte Männer und unterhielten sich ziemlich laut auf Deutsch. Es waren Typen, die man auf jeder Reise erleben kann, solche, die immer laut und selbstbewusst von ihren vergangenen Reisen oder ihren künftigen Plänen sprechen. Dabei scheint es sie nicht zu stören, dass alle um sie herum sich leise und diskret unterhielten. Ich ärgerte mich ein wenig über diese Deutschen.
Als wir dann kurz vor dem Anlegen waren, sagte der eine zum anderen: „Wenn wir gleich da sind, gehen wir erst mal ein Bier trinken. Ist ja nicht auszuhalten, diese Hitze!“

Ich weiß nicht, was mich dazu brachte, aber wahrscheinlich reizte mich einfach die Unempfindlichkeit der Männer. Jedenfalls drehte ich mich um und sagte ohne Einleitung: „Da drüben gibt es nichts zu Trinken und erst recht kein Bier.“

Verdutzt sahen mich die beiden an. Hier spricht jemand Deutsch?, schienen sie zu denken.

„Wirklich nicht?“, fragte der eine.

„Kein Bier und auch sonst nichts?“, wollte der zweite wissen.

„Nichts“, behauptete ich. „Man muss sich hierher selbst etwas mitbringen.“
Ich zeigte ihnen die Wasserflasche, die ich in der Tasche hatte. Noch während des kurzen Gesprächs legte die Fähre polternd an und ich kümmerte mich nicht weiter um die beiden Männer. Wir stiegen aus und kletterten den recht steilen Weg hinauf, der vom Fähranleger auf die Straße führte. Dort angekommen, sah ich als erstes ein Restaurant, das mit kaltem Bier und heißen Pizzen warb. Ich musste lachen und hörte auch schon die beiden Männer hinter mir, die sich über meine falsche Information wunderten. Mich amüsierte die Situation. Ich kann schon manchmal ein Biest sein!

Mit Linda und Enrique zusammen ging ich die Straße hinauf, bis wir zu einem Platz kamen, auf dem der „Cristo de La Habana“ stand. Mir gefiel er, ehrlich gesagt, nicht so gut. Er war zwar wegen seiner Größe imposant, aber ich mag diese Art von christlichen Statuen nicht besonders. Insgeheim bedauerte ich es, dass für diese Skulptur so viel vom wertvollen Carrara-Marmor verbraucht worden war. Was hätte man damit nicht alles machen können? Wieviel gute Kunstwerke hätten andere Bildhauer daraus schaffen können?
Aber ich will nicht überheblich klingen. Der „Cristo de La Habana“ hat schon etwas, allein durch seine Größe, seinen Standort und durch das sehr schöne Material, aus dem er gemacht ist. In seiner Art hat er große Ähnlichkeit mit der berühmten Christus-Statue „Cristo Redentor“, die in Rio de Janeiro auf dem Berg Corcovado steht und auf den Zuckerhut schaut.
Nun standen wir also unter dem riesigen Christus und schauten zur Altstadt von Havanna hinüber. Das Wetter war gut, der Himmel blau und über uns kreisten die Zopilote. Ich musste unwillkürlich an den Roman „Homo Faber“von Max Frisch denken, in dem er diese merkwürdigen Vögel – Rabengeier – mit ihrem glänzend schwarzen Gefieder, dem nackten Kopf und den sehr breiten kurzen Flügeln auftreten lässt.
„Was Herbert nicht ertrug, waren die Zopilote; dabei tun sie uns,solange wir leben, überhaupt nichts, sie stinken nur, wie von Aasgeiern nicht anders zu erwarten, sie sind hässlich, und man trifft sie stets in Scharen, sie lassen sich kaum verscheuchen, wenn einmal an der Arbeit, alles Hupen ist vergeblich, sie flattern bloß, hüpfen um das aufgerissene Aas, ohne es aufzugeben…..Einmal, als Herbert am Steuer saß, packte ihn ein regelrechter Koller;plötzlich gab er Vollgas – los und hinein in die schwarze Meute, mitten hinein und hindurch, so dass es von schwarzen Federn nur so wirbelte! Der süßliche Gestank begleitete uns noch stundenlang, bis man sich überwand; das Zeug klebte in den Pneu-Rillen, und es half nichts als peinliche Handarbeit, Rille um Rille. Zum Glück hatten wir Rum! Ohne Rum, glaube ich; wären wir umgekehrt – spätestens am dritten Tag – nicht aus Angst, aber aus Vernunft.“ (Zitat aus Homo Faber)

Enrique erzählte uns die Geschichte der Statue, auch, dass sie, als sie noch in 67 Einzelteilen in Carrara lag, von Papst Pius VII gesegnet wurde. Danach zeigte er uns das ehemalige Wohnhaus von Che Guevara, das in unmittelbarer Nähe stand. Ich ließ die ganze Zeit über die Zopilote nicht aus den Augen. Sie faszinierten mich, wie sie zu mehreren, so wenig elegant – sie flattern alle paar Sekunden mit den Flügeln – über den Himmel zogen. Schwarze Schatten des Todes! Ich hätte gerne einen Rum getrunken.
Statt dessen holten wir uns an einer kleinen Bude Mineralwasser. Da hatten Walter Faber und Herbert Hencke, die Helden von Max Frisch, es schon besser.
Später gingen wir zu einem vermüllten Strand hinunter. Dort im Gebüsch fand Linda eine Zeichnung, die Goethe zeigte. Wie diese wohl nach Havanna gekommen war? Gab es zu Goethes Zeiten schon die Flaschenpost? Jetzt hatten wir etwas zu erklären. Enrique hörte aufmerksam zu, als wir vom Deutschen Dichterfürst berichteten.
Für den Rückweg zur Altstadt verzichteten wir auf eine Fahrt mit der maroden Fähre und nahmen statt dessen den maroden Linienbus, der uns durch einen Tunnel hinüberbrachte. Dafür mussten wir allerdings ziemlich weit laufen, bis zum Castillo De Los Tres Reyes Del Morro.
Auf unsere glückliche Rückkehr tranken wir einen Mojito im Café Paris.

Rezept für einen Mojito

Zutaten:
2 Tl. brauner Rohrzucker
4 EL. gestoßenes Eis
1 Limette, unbehandelt
8 Blätter frische Minze
5 cl weißer Rum (z.B. Havanna Club)
6 cl Soda zum Auffüllen
Zubereitung:
Die Limette waschen und achteln und zusammen mit dem Zucker und der Minze in ein Longdrinkglas geben. Die Limettenstücke und die Minze mit einem Mörser etwas zerdrücken aber nicht zu sehr zerquetschen. Eis und Rum zugeben und mit Soda auffüllen. Nach Belieben mit Limettenscheiben und Minze garnieren.

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe

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Veröffentlicht in Neulich

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