Jacob van Hoddis – Weltende – skurril – groteskes Weltuntergangs-Szenario

Bemerkungen zu  dem Gedicht Weltende, das berühmteste des deutschen Expressionismus 

Geschrieben hatte es der 22 Jahre alte Student Hans Davidsohn, der sich nach dem Tod seines Vaters Jakob van Hoddis nannte. Am 11. Januar 1911 erschien das Gedicht in der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift Der Demokrat und wurde bald zum berühmtesten der expressionistischen Literatur.

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

van Hoddis
Jacob van Hoddis

Hier zunächst die sachliche Analyse und klassische Deutung des Gedichts:

Das Gedicht „Weltende“ ist in zwei Strophen zu je vier Versen gefasst. Das Metrum ist ein durchgehender fünfhebiger Jambus, wobei die erste Strophe nur männliche, die zweite Strophe nur weibliche Kadenzen aufweist. Das Reimschema der ersten Strophe ist der umarmende Reim, während die zweite Strophe in einen Kreuzreim gefasst ist. Sowohl in einem durchgehenden Zeilenstil als auch im Reihungsstil verfasst, bildet jeder Vers eine in sich geschlossene Sinneinheit, so dass die einzelnen Bilder eher lose aneinandergereiht sind. Besonders deutlich wird dies in Vers 7, der kontrastiv zur apokalyptischen Äußerung beispielsweise in Vers 8, eine Bemerkung zur Verbreitung des Schnupfens unter Menschen macht, wobei der Gegensatz zwischen Katastrophe und Belanglosigkeit an dieser Stelle besonders ironisch und grotesk wirkt. Doch auch bereits im ersten Vers, der von fliegenden Hüten erzählt, wirkt das stilbildende Element der Kontrastierung zum Titel „Weltende“. Ein weiterer Stilbruch ist in Vers 3 in der Verdinglichung „die Dachdecker…gehen entzwei“,

Zu Beginn der zweiten Strophe baut van Hoddis durch die Steigerung vom Wind (V.1) und steigender Flut aus der ersten Strophe eine Spannung hin zu „Sturm“(V.5) und „Dammbruch“ auf, welche sich durch die verharmlosend, fast märchenhaft anmutende Formulierung „die Meere hupfen an Land“(V.5) in Irritation auflöst. Auch mittels verallgemeinernder Elemente wie „in allen Lüften“(V.2), „liest man“(V.4) und „die meisten Menschen“(V.7) kontrastiert die Betroffenheit der Allgemeinheit durch die katastrophalen Ereignisse mit der Gleichgültigkeit des lyrischen Tonus. Zudem steht die klare und gleichmäßige Form des Gedichtes dem Titel und der daraus folgenden Erwartungshaltung des Lesers, hier einer freieren Form zu begegnen, entgegen. Während die Verse klar strukturiert sind, ist der Inhalt des Gedichtes von Irritation und Sinnlosigkeit geprägt.

„Weltende“ steht typisch für die expressionistische Lyrik der Wilhelminischen Ära. Es spiegelt das Verhalten, die Ängste und Reaktionen auf Katastrophenmeldungen des zeitgenössischen Bürgertums wider, welches sich damals vor der Wiederannäherung des Halleyschen Kometen fürchtete und somit vor einem scheinbaren Weltuntergang. Im Gedicht weist besonders das Bild des „spitzen Kopfes“ als Symbol für das Spießbürgertum auf van Hoddis’ Kritik der bürgerlichen Naivität hin. Der Hut wurde damals nur von der gehobenen bürgerlichen Schicht getragen und erweist sich hier zugleich auch als ein schützendes Element. Durch Wind und Sturm wird den Spießbürgern das schützende Element entrissen – sie müssen sich der aufkommenden Unruhe, dem Umsturz und möglicherweise aufkommender Rebellion stellen. Auch das Bild des Daches in der verdinglichten Figur des zerstörten Dachdeckers zeugt von solch einer Auflösung der schützenden Hülle. Dass der Autor in diesen acht Versen eine Veränderung, einen Umsturz heraufbeschwört, ist schließlich besonders deutlich daran zu erkennen, dass auch die Eisenbahn der Zerstörung anheim fällt – das stärkste Symbol der Industrialisierung.

Diese klassische Interpretation des Gedichts als drohendes Weltuntergangs-Szenario in ironisch-grotesker Form wird scheinbar durch aktuelle Bezüge bestätigt – Klimakatastrophe: Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut. Pandemie: Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Zieht man allerdings zeitgemäße Bezüge heran, so ergibt sich ein durchaus anderes Bild.

Johannes R. Becher, dessen Gedichte in der gleichen Anthologie 1911 erschienen, beschrieb 1957 in seinen Erinnerungen den kollektiven Glücksrausch, den das Gedicht unter den jungen Expressionisten hervorgerufen hatte.

Becher hob gerade die von Angst befreiende Wirkung der Verse hervor:  „Alles, wovor wir sonst Angst oder gar Schrecken empfanden, hatte jede Wirkung auf uns verloren.“ Und mit der Befreiung genossen die jungen Autoren eine ungeheure Vergrößerung ihres Selbstwertgefühls. „Wir fühlten uns wie neue Menschen […]. Wir standen anders da, wir atmeten anders, wir gingen anders, wir hatten, so schien es uns, plötzlich einen doppelt so breiten Brustumfang, wir waren auch körperlich gewachsen, spürten wir, um einiges über uns selbst hinaus, wir waren Riesen geworden.“

Die begeisterten Expressionisten konnten sich so stark und vital wie die im Sturm entfesselte Macht der Natur fühlen und in der Identifikation mit ihr geradezu schadenfroh die Beseitigung zivilisierter Schutzvorrichtungen von Hüten, Dächern und Dämmen belachen. Deutet der Titel Weltende zunächst hin auf apokalyptische Ängste, so setzt das Gedicht solche Ängste mit grotesker Komik außer Kraft. Grotesk sind hier unter anderem die Vermischungen von Rundem und Eckigem („spitzen Kopf“), von Wichtigem und Unwichtigem (Eisenbahnunglück und Schnupfen), Schwerem und Leichtem („die Meere hupfen“), Mensch und Ding („Dachdecker gehn entzwei“).

Hier droht keine Apokalypse, keine reale Katastrophe wird antizipiert, entgegen der damaligen im breiten Bürgertum verbreiteten Grundstimmung. In einer Art absurdem Theater werden hier Ereignisse in Verse gepresst, die nicht zusammen passen. Die Anwendung dieser Methode des Simultanismus, begründete van Hoddis mit einem Verweis auf Homer, Wenn dieser Beispiele anführe, dann nicht um zu erklären, sondern um “das Gefühl der Gleichzeitigkeit, der unermesslichen Weltweite zu geben”. Doch in „Weltende“ ist dies nur ein poetisch konstruierter Rahmen, nur benutzt, um einen Weltausschnitt karikaturhaft zu zeigen, in dem sich bürgerliches Leben in all seiner banalen Begrenztheit abspielt. Eine kleine spießig-einfache Welt, deren Ende niemand fürchten sollte.

Bernd Riebe, März 2021

Biografisches

Jacob van Hoddis  studierte in München Architektur, später in Jena Altphilologie und Philosophie, gab das Studium aber 1912 auf und lebte vor allem in Berlin. Dort traf er in der Studentenverbindung „Freie Wissenschaftliche Vereinigung“ mit K. Hiller zusammen, mit dem er in der Ablehnung des bürgerlichen Lebensklischees übereinstimmte. Zusammen mit Hiller gehörte er zu den Gründern des literarischen „Neuen Clubs“ (1909) und des daraus hervorgegangenen „Neopathetischen Clubs“ (1910). Hier trug H. seine Dichtungen vor; das wenigste ließ er publizieren, vieles blieb Manuskript und ging später verloren Er begann mit Jugendstiltönen; Bild und Sprache seiner frühen Gedichte verraten Georges Einfluß. Dann aber prägte er Stil und Motive zu einer beweglichen Sachlichkeit, einem kritischen Pathos um. Der Einfluß der Großstadt Berlin bestimmte nun – wie bei so vielen Expressionisten – seine Thematik. Sein Sprachrhythmus ist knapp, Wörter, die Bewegung vermitteln, werden bevorzugt. Mit seinem berühmtesten Gedicht „Weltende“ (1911) charakterisiert er präzise das Großstadtbürgertum seiner Zeit. „Ehrliche Formung der tausend kleinen und großen Herrlichkeiten und Schmerzlichkeiten im Erleben des intellektuellen Städters“ setzte Hiller 1913 als „Ziel der Gedichtschreibung“ und fand, daß H. als einer der ersten dem nahe kam. Hinter den ironischkabarettistischen Versen H.s steht Affront, der ihn äußerlich dem Expressionismus zuzuordnen scheint: Affront gegen die Familie, die Freunde (vor allem Heym und Hiller), aber auch gegen sich selbst. Doch das Gerüst, das sich H. im Leben und in der Dichtung aus Surrealem und Zynischem, aus Opposition und Ironie baute, vermochte ihn nicht in der Realität zu halten. Die Spannungen seiner Syntax und seiner Metaphern, das Destruktive der Gedichte spiegelt ihn selbst: 1914 diagnostizierte man Schizophrenie. Er lebte fortan in Sanatorien und Heilanstalten oder in privater Pflege bei einem Lehrer in Frankenhain in Thüringen (1915) und bei einem Gärtner in Tübingen (1922/23). 1933 wurde er in der einzigen jüdischen Heilanstalt in Sayn bei Koblenz interniert und von dort 1942 mit unbekanntem Ziel deportiert

Wilhelm, Gertraude, “Hoddis, Jacob van” in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 297-298 

Expressionismus in der Literatur

Die Werke des Expressionismus sind geprägt von Gefühlen wie Isolation, Tod, Zerrissenheit und Überreizung. Entstanden sind sie in einer Zeit, in der sich die Lebenswirklichkeit der Menschen stark veränderte: Urbanisierung und Technologisierung schritten voran; gleichzeitig behielt das Bürgertum viele veraltete Wertvorstellungen bei. Sozialkritische Stimmen und der Ruf nach einem neuen Menschen wurden immer lauter.

Um dieses veränderte Empfinden darzustellen, schufen die expressionistischen Literaten neue Techniken. Doch nicht nur die gesellschaftlichen Umbrüche spiegeln sich in ihren Werken wider: Das neue Medium Film beeinflusste ihre Art zu schreiben ebenfalls. Der Expressionismus zeigt die innere Wirklichkeit der Autoren und ist gleichzeitig eine Wortkunst. Der Zeitraum des Expressionismus erstreckt sich von etwa 1905 bis 1925.

Pohlw – Deutsche Literaturgeschichte & Literaturepochen

Darstellungsmittel

Reihungsstil der Lyrik: Gleichzeitigkeit (Simultaneität) des Disparaten, nicht Zusammengehörigen in der raschen Folge wechselnder Bilder; Ästhetik der Hässlichkeit: schockierende Bilder, präzise Wiedergabe grauenhafter Details; parodistische Verwendung traditioneller literarischer Formen und Elemente; Stilelemente des Pathos, Aufbegehrens, der Gefühlsintensität, der Ekstase.
Typische formale und sprachliche Mittel: Metapher als wichtigstes Stilmittel; Farbe als Stimmungsträger; Synästhesie als Möglichkeit, alle Sinnesbereiche zu erfassen, zu verbinden; Mittel zur Verfremdung; Montage/Collage: Versuch der Darstellung einer vielschichtigen, disparaten Wirklichkeit; Antithese, Paradox als Strukturprinzip: Diskrepanz, Zusammenfügen von Widersprüchlichem; das Groteske: Verzerrung der Wirklichkeit; Ziel: Aufdecken von Hintergründen, Kritik; Wort-, Bildschöpfungen, Zerreißen der Syntax, Sprachfetzen; Sprachexperimente: Ringen um neue Ausdrucksmöglichkeiten (Benn spricht von “Wirklichkeitszertrümmerung”, d.h. “sein innerstes Wesen mit Worten zu zerreißen, der Drang sich auszudrücken”).

Daten der deutschsprachigen Literatur, Uni Karlsruhe

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