Irisches Tagebuch – 11.11.2017 Besuch des Theaterstücks „No Man`s Land“von Harold Pinter in Schull

Wir gehen zum Gemeindehaus in Schull, um dort das Theaterstück „No Man`s Land“ von Harold Pinter anzuschauen. Es wird von der Schull Drama Group aufgeführt und Facebook ist schon voll des Lobes für die Inszenierung und die Schauspieler.

Wir sind früh da, denn ich befürchte, keine Karten zu bekommen. Ein freundlich älterer Herr begrüßt uns in einem Vorraum und verkauft uns erfreut zwei Tickets zu je 10,-€. Er lobt uns, dass wir bei diesem Regen in die Stadt gekommen sind, um die Aufführung zu sehen.
Da uns noch 40 Minuten Zeit bis zum Beginn bleiben, kehren wir gleich nebenan beim Hacketts ein und trinken ein halbes Pint.

Um 19:50 Uhr betreten wir den Gemeindesaal. Wir schauen uns um und sind überrascht, wie professionell die Bühne gestaltet ist. Sie ist mit einer Holzverkleidung in dunklem Mintgrün in einen Wohnraum verwandelt worden, in dem es auch eine Tür und ein Fenster mit üppigen Gardinen gibt. An der Rückwand steht ein Schrank, ein antikes Buffet, in dessen Vitrine Gläser stehen und auf dessen Anrichte sich eine Reihe von Whiskyflaschen und andere alkoholische Getränke befinden. An der rechten Wand steht ein kleines Schränkchen mit Büchern und einem Spiegel darüber, daneben einige Stühle, die im Verlauf des Stücks häufig den Platz wechseln. Am wichtigsten aber ist der Ohrensessel, der mit türkisfarbenem Samt bezogen ist.

Es haben sich schon einige Zuschauer eingefunden, die auf den Stühlen der ersten Reihen sitzen. Die hinteren Ränge sind einfache Holzbänke, Kirchenbänken gleich. Sie sehen ungemütlich aus, aber wir haben Glück und finden noch zwei Plätze in der dritten Reihe. Nach uns kommen noch zwei Paare und somit addiert sich das Publikum auf 25 Zuschauer. Nicht viel, wirst du denken, aber der ganz Ort Schull zählt nur 700 Einwohner und es gibt immerhin sechs Vorstellungen. Unter diesen Bedingungen – auch der Regen muss mit bedacht werden – sind 25 Zuschauer schon recht ordentlich. An den Wänden im Zuschauerraum gibt es vier Heizstrahler, die den Gemeindesaal notdürftig heizen. Kurz nachdem wir sitzen, werden diese ausgeschaltet und auch die Deckenbeleuchtung geht aus. Der nette Herr von vorhin betritt die Bühne, begrüßt die Zuschauer und bittet um einen warmen Begrüßungsablaus für die Akteure. Und dann ist es soweit. Zwei Schauspieler betreten die Bühne.

Wie erwartet, sind es zwei ältere Herren. Der größere von beiden tritt in einem schäbigen Anzug auf, hat sein Oberhemd heraushängen und bewegt sich ein wenig linkisch und verlegen. Es ist Spooner. Der andere Herr, ein wenig älter und kleiner, ist korrekt gekleidet und man spürt gleich, dass er der Hausherr ist. Sein Name ist Hirst. Die beiden sind die Hauptprotagonisten und stellen zwei ca. 60jährige Männer dar. Gleich zu Anfang, als das Gespräch der beiden sich noch um Belangloses dreht, greift sich Hirst an den Kopf, als verspüre er einen Schmerz. Abwesend, nicht mehr auf Spooner achtend, sagt er mit leiser, aber eindringlicher Stimme, gerade so, als würde ihm das, was er sagt, selbst erst in diesem Augenblick bewusst: “No man’s land – does not move – or change – or grow old – remains – forever – icy – silent”

Dies ist der Schlüsselsatz des Theaterstücks von Harold Pinter und dieser führt gleich hinein in die Thematik.
Hirst, ein reicher Dichter, einer, der es geschafft hat, trifft bei einem Spaziergang auf Spooner, einen obdachlosen Hungerleider und nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Eigentlich war es nur die Einladung auf einen Drink. Doch Spooner, angeblich auch ein Schriftsteller, verarmt, trotzdem vergnügt im Kopf, versucht nun mit allen psychologischen Finessen, sich bei Hirst einzunisten. Er gibt sich als Lyriker und als Philosoph aus und versucht Hirst auszuhorchen, immer auf der Suche nach einer möglichen gemeinsamen Basis. Hirst verwechselt Spooner eine Zeitlang mit einem alten Freund aus Oxford, und Spooner lässt es geschehen. Ein paar Mal steht Spooner kurz vor dem Rauswurf, aber Hirst lässt ihn dann doch bleiben und trinkt noch einen Whisky mit ihm. Neben Hirst und Spooner agieren Briggs und Foster, von denen einer der Diener von Hirst ist und der andere ebenfalls behauptet, Dichter zu sein. Jede der vier Figuren besteht aus vielen möglichen Figuren, jede Beziehung zwischen ihnen ist zwei- und mehrdeutig.

Bald beginnt man zu verstehen, dass Spooner kein anderer als das Alter Ego von Hirst ist, der im Niemandsland steckengeblieben ist. Im Niemandsland, wo es kalt, einsam und absurd zugeht. Würde er Spooner folgen, dann wäre er erlöst. Doch Hirst schafft es nicht, sich aus seiner vertrackten Lage zu befreien und wendet sich lieber weiter dem Alkohol zu.
Das Theaterstück wird als Komödie inszeniert, was nach Meinung aller Kritiker auch richtig ist, dabei handelt es von nichts Geringerem als von Alter und Tod. „Lassen Sie mich vielleicht Ihr Fährmann sein?“, bittet Spooner im Laufe des Stücks den irritiert wirkenden Kollegen Hirst. Weitere mögliche Themen, die Harold Pinter in diesem schwierigen Drama aufzeigt sind Begleiterscheinungen des fortschreitenden Alterns, nämlich Gedächtnisverlust, Impotenz und drohende Schwäche. Dagegen setzt er immer wieder die von den Protagonisten erinnerte Kraft, Potenz und Begebenheiten aus ihrem früheren Leben.

So berichtet Hirst seinem Besucher, den er in diesem Moment für einen alten Bekannten hält, wie er ihn mit seiner Frau Stella betrogen hat. Er erzählt von geheimen Treffen mit der vermeintlichen Frau Spooners, berichtet vom Sex mit ihr und schert sich nicht darum, dass er Spooner damit verletzen könnte. Spooner spielt mit und gibt sich erschüttert, aber nur, um sich kurz darauf mit einer ähnlichen Geschichte an Hirst zu rächen. Zwei potente Hirsche, die sich gegenseitig die Frauen ausspannten.
Nach vielen witzigen, tiefgreifenden und zum Teil auch nachdenklich machenden Dialogen, folgt am Ende die Szene, die mich am meisten ergreift.
Hirst sitz in seinem Sessel, hinter ihm steht Briggs. Foster lehnt am Buffet. Die drei Männer sind jetzt in Anzüge gekleidet, Hirst trägt Nadelstreifen. Spooner hockt etwas abseits zusammengekauert auf einem Stuhl.

Hirst ergreift das Wort und als käme ihm ein rettender Gedanke sagt er: „Let’s change the subject, for the last time.“ („Wechseln wir das Thema. Ein letztes Mal.“)

Briggs warnt ihn, dass, wenn er das Thema das letzte Mal ändert, er es nicht noch einmal ändern kann.
Er sagt eindringlich: „Wenn Sie das Thema Winter nehmen, dann bleibt immer Winter. Es wird nie wieder Frühling werden, die Vögel werden niemals wieder singen.“

Doch Hirst beharrt auf seinem Einfall.
Da erhebt Spooner die Stimme. Spooner, sein anderes, erbärmliches Ich, beendet das Drama mit den Worten: „You are in No Man`s Land. No man’s land – does not move – or change – or grow old – remains – forever – icy – silent”
Die vier, Spooner inbegriffen, betreten das Niemandsland, zwischen Sommer und Winter, zwischen Bewegung und Unbeweglichkeit.
Ein Augenblick der absoluten Stille folgt. Dann verlassen die Schauspieler ihre Plätze, das Publikum erhebt sich und während sich die vier Akteure verneigen, applaudieren die Zuschauer und machen ihrer Begeisterung mit Bravo-Rufen Luft. Der herzliche Applaus ist echt, das Publikum wirklich begeistert. Die Schauspieler aber ziehen sich schon bald bescheiden zurück. Ich warte darauf, dass sie sich erneut zeigen, aber nichts geschieht und so verebbt der Applaus früher, als angemessen.

Der freundliche Herr erscheint wieder auf der Bühne und verkündet die Gewinner einer Verlosung. In der Pause wurden scheinbar Lose verkauft und die glücklichen Gewinner nehmen Weinflaschen mit nach Hause.
Wir bedanken uns und verlassen den Gemeindesaal, um im Pub nebenan noch ein Guinness zu trinken. Dort sprechen wir noch lange über das Theaterstück und die hervorragende Leistung der Schauspieler. Wir sind uns einig, die Schull Drama Group hat sich an einen schwierigen Stoff herangewagt und diesen grandios gemeistert.

Herzlichen Dank an Chris O`Dell, der mir die ausgezeichneten Fotos der Aufführung zur Verfügng gestellt hat.

Text © Xenia Marita Riebe

Fotos: © Chris O`Dell und Xenia Marita Riebe

No Man`s Land – Harold Pinter
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Ein Kommentar zu “Irisches Tagebuch – 11.11.2017 Besuch des Theaterstücks „No Man`s Land“von Harold Pinter in Schull
  1. Brigitte Hörnicke sagt:

    Sehr tiefgründig …. wohl nur mit sehr gutem Englisch möglich 😉

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