Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich

Heute lebt der Anfang der 80er Jahre als Sprayer von Zürich bekannt gewordene Harald Naegeli in Düsseldorf und verschönert nun die Wände von meist öffentlichen Gebäuden mit seinen schönen Luftgeschöpfen. Ja, es stimmt, der ehemalige Schrecken der Stadt Zürich, dessen Kunst dereinst als Schmiererei bezeichnet wurde und den Graffiti – Künstler ins Gefängnis brachte, sprayt auch heute im Alter von 72 Jahren weiter seine poetischen Figuren an die Wände öder Fußgängerpassagen und gibt diesen so ein menschliches Antlitz. Doch das Aufbringen von Graffitis ist nur ein kleiner Teil der künstlerischen Arbeit Harald Naegelis. Schon lange bevor er 1977 im, für einen Sprayer biblischen Alter, von 38 Jahren seine ersten Graffitis auf Zürichs Hauswände sprayte, zeichnete er täglich und hat dies auch bis heute beibehalten. Seit vielen Jahren arbeitet er an großformatigen Zeichnungen zum Zyklus „Urwolke“, die für ihn einen Gegenpol zu seinen Graffitis darstellen und von denen er bis heute ca. 400 Blätter geschaffen hat. Diese filigranen Urwolke-Zeichnungen entstehen in langsamen Prozessen, die Monate oder manchmal sogar Jahre dauern und bei denen jeder einzelne Entstehungsschritt von Naegeli auf der Rückseite der jeweiligen Zeichnung dokumentiert wird. Die „Urwolke“ ist für den Künstler ein Synonym für den kosmischen Raum. Um diesen sichtbar zu machen zeichnet er mit Feder und Tusche Linien, meist in winzigen Abschnitten, die er bis zum Punkt hin auflöst. Dadurch erreicht er eine Bewegungsfreiheit, die die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben scheint. Es entsteht ein Rhythmus der sich mal verdichtenden und dann wieder auflockernden Tuschezeichen, die der Beschaffenheit den sich ständig verändernden realen Wolken sehr nahe kommt. Durch diese Reduktion auf ein Minimum an zeichnerischen Formen hat Harald Naegeli seine ihm entsprechende Ausdrucksform gefunden.

Doch wie eingangs gesagt, hat Harald Naegeli auch die Graffitikunst nie aufgegeben. So sprayte er 1980 in Köln über hundert Skelette an Betonpfeiler, an Wände in Tiefgaragen und an zerfallene Fabrikgebäude. Naegeli arbeitete nachts und meistens wurde seine Kunst bereits am nächsten Tag beseitigt. Der Künstler wollte mit seinem „Kölner Totentanz“ auf die Situation der Kölner Bevölkerung aufmerksam machen, die durch Schließung von Fabriken immer zahlreicher in die Arbeitslosigkeit und so auch in die Armut abrutschte. Glücklicherweise blieben einige Skelette unentdeckt und sind heute noch in Köln zu sehen. Auch wurde der „Kölner Totentanz“ fotografisch dokumentiert und der Kölner Kunstverein zeigte die Fotos in der später abgerissenen Kunsthalle am Neumarkt unter dem Titel „Eine andere Malerei“. Dies war eine Solidaritätserklärung mit dem per internationalem Haftbefehl gesuchten Künstler.

Harald Naegeli hatte sich nach seiner Verurteilung zu neun Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe der Vollstreckung entzogen und war nach Düsseldorf geflohen. Hier lernte er Joseph Beuys und Heinrich Böll kennen, die sich mit Naegeli solidarisch erklärten und auch Willy Brandt setzte sich für diesen ein. Naegeli selbst sah sich als Anarchokünstler, der sich den Protesten der Jugendbewegung anschloss. Zwischen 1979 und 1981 kam es in Zürich immer wieder zu Grossdemonstrationen der Jugend, die mehr Raum für unabhängige Kulturereignisse und die Errichtung eines Jugendzentrums forderte. Harald Naegeli hatte in Paris die Graffitis von Gérard Zlotykamien, der als der erste Streetart-Künstler gilt, gesehen. Zlotykamien zeichnete anfangs mit Pinsel oder Kreide, erst später dann mit Sprühfarbe, symbolhafte Strichfiguren, seine sogenannten „Éphémères“ („die Vergänglichen“) auf Mauern und andere Untergründe. Inspiriert wurden diese Figuren durch die eingebrannten Schatten der Menschen nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und ebenso durch die Judenverfolgung im Dritten Reich. Harald Naegeli begann nun ebenfalls Strichfiguren zu sprayen. Doch auch seine Kunstwerke wurden wie die Zlotykamiens von den braven Bürgern als Bedrohung und Schmierereien empfunden und meist schon nach wenigen Stunden entfernt. Gérard Zlotykamien hatte, als er in der Nacht vom 22. Januar 1979 in Ulm auf 15 Wände seine Figuren sprayte ein wenig mehr Glück als sein Züricher Nachahmer. Zwar wurde auch ein Teil seiner Graffitis zerstört, doch die Ulmer Universität erkannte die künstlerische Qualität der Strichmännchen und ließ sie unangetastet und sie wurden später in den offiziellen Kunstpfad der Universität aufgenommen.

Harald Naegeli agierte zu dieser Zeit in Zürich. Teilnehmer der Jugendkrawalle beriefen sich schon sehr bald auf dessen wortlose Parolen, denn von den scheinbar harmlosen Bildern ging eine ungeheure Macht aus, ihre Signale wirkten befreiend, aufregend und irritierend zugleich. Kunst und Politik lassen sich eben nicht so fein säuberlich trennen wie Kunst und Sachbeschädigung. Und genau deshalb war es nötig, den Graffitis den Kunstcharakter abzusprechen. Auch in Zürich wurde und wird Politik in den Ratsstuben, den Kontoren der Industriegiganten und in den Zentralen der Banken gemacht. Aufbegehrenden wie Harald Naegeli und auch den jugendlichen Demonstranten wurde schnell der Prozess gemacht. Der Streetart-Künstler war jedoch schlau genug, sich vorerst der Staatsmacht zu entziehen. Doch als er 1984 die skandinavische Heimat seiner Mutter besuchen wollte wurde er an der Grenze zu Dänemark gefasst und musste seine Strafe antreten. Das erhob ihn zu einer Art Märtyrer und begründete bis heute einen Teil seines Ruhmes.

Harald Naegeli gehört zu den ersten Streetart Künstlern dessen Graffitis und Zeichnungen es in die Galerien und auf den Kunstmarkt geschafft haben. Dies verdankt er nicht zu letzt seinem Ruhm als „Sprayer von Zürich“.

Text: © Xenia Marita Riebe

Siehe auch Melbourne – City of Graffiti (in English) – Bansky – Das Phantom unter der Sprayern

Keith Haring – Der sensible Graffitikünstler

Veröffentlicht in Kunst

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