Reisetagebuch – Südwest Irland – Expedition zum Mount Gabriel

Aussicht vom Mount Gabriel, Schull, Irland

Mein Mann Bernd und ich verbrachten eine Zeit im kleinen Fischerort Schull in Südwest Irland und erkundeten die Mizen Peninsula.

Tag 19 – 21.11.2017

Wetter: sonnig bis bewölkt – Temperatur 14 Grad – mäßiger Wind

Wieder ist das Wetter herrlich und wir wollen versuchen, den Mount Gabriel – auf gälisch Cnoc Osta – zu besteigen. Mount ist ein großes Wort für diesen Hügel und jeder Bayer würde darüber lachen, aber für Irland ist Mount Gabriel schon ein ansehnlicher Berg. Mit 407 Metern Höhe ist er die größte Anhöhe südlich und östlich von Bantry Bay, einer Meeresbucht der Mizen Peninsula.
Der höchste Berg Irlands ist der 1039 Meter hohe Carrantuohill im County Kerry, der zu den Macgillycuddy’s Reeks gehört. Dann folgen vier 900er Berge, von denen der Cnoc na Peiste mit 988 Metern der höchste ist. Auch er ist Teil der Macgillycuddy’s Reeks im County Kerry. Die nächst höheren sind zwischen 851 und 826 Meter hoch. Daran sieht man, das Mount Gabriel für irische Verhältnisse nicht ganz so niedrig ist, vor allem, wenn man bedenkt, dass er an der Küste steht und sich direkt von Meeresspiegelniveau erhebt. Er steigt nördlich der Stadt Schull auf und von seinem Gipfel kann man südlich über Schull Harbour und hinüber nach Long Island schauen.Östlich und südöstlich befindet sich die Roaring Water Bay mit ihren vielen Inseln. Nördlich und westlich sind bei gutem Wetter die Berge der Beara Halbinsel und Sheep`s Head zu entdecken. Auch Fastnet Rock, der etwa 18 Kilometer südlich des Gabriels liegt, ist bei klarem Wetter auszumachen.
Von unserem Cottage in Schull können wir den Gabriel, wie wir ihn nennen, normalerweise sehr gut sehen. Da er aber die erste Erhöhung jenseits des Atlantiks ist, hüllt er sich öfters in Wolken. Dann kann man die Radarstation mit ihren beiden weißen Kuppeln, an denen man den Gabriel sonst immer gut erkennen kann, nicht mehr sehen.
Heute aber ist das Wetter klar und trocken. Deshalb ziehen wir unsere Wanderschuhe an und gehen los. Zuerst folgen wir einer Straße, die hier noch South Terrace heißt, und hinter der Kirche aus dem Ort bergan führt. Wir kommen an einer kleinen Schule vorbei, der National School, und wandern schon bald durch Weideland, auf dem vereinzelt Schafe grasen. Doch dann kommen doch noch einmal ein paar Häuser, deren Auffahrten von der schmalen Straße abgehen. Schließlich wird die Straße, die hier schon längst keinen Namen mehr hat, immer enger und schlechter. Hecken und Mauern begrenzen sie zu beiden Seiten und nehmen uns die Sicht. Wir kommen an eine Kreuzung und gehen nach links weiter, denn dort vermuten wir den Gabriel. Dann wird die Vegetation niedriger und die Landschaft verändert sich. Rechts und links der Straße werden Felsen sichtbar, die mit Moos und niedrigem Gras bewachsen sind. Vereinzelt wachsen hier Ginsterbüsche und Heidekraut, jetzt im November größtenteils ohne Blüten. Weiden gibt es hier nicht mehr. Zwischen den Felsen wächst zu wenig Gras, um Kühe oder Schafe zu ernähren. Dann führt die Straße durch einen tiefen Einschnitt und an ihren Rändern ragen die hohen kahlen Felsen auf. Wir befinden uns auf der Schulter des Mount Gabrials und die Straße führt von hier hinunter nach Durrus an der Dunmanus Bay.

Doch wir wollen ja den Gabriel besteigen und wenden uns deshalb von der Straße ab. Wir klettern über eine kleine Mauer aus Feldsteinen und beginnen, bergan zu steigen. Das ist allerdings nicht so leicht, wie es scheint, denn wir müssen uns unseren Weg durch Stechginster und Heidekraut bahnen. Zudem gibt es immer wieder moorige Stellen, an denen wir schnell knöcheltief im Wasser versinken. Das Vorankommen ist sehr mühsam und wir müssen noch 200 Höhenmeter bewältigen. Natürlich könnten wir die Fahrtstraße benutzen, die jenseits der Schulter von der Straße abbiegt und bis auf den Gipfel führt. Aber das wollen wir nicht. Wir haben uns vorgenommen, querfeldein hinaufzusteigen. Die Sicht hinunter zum Hafen von Schull ist jetzt bereits atemberaubend. Tiefblau liegt der Atlantik vor uns und am Himmel ziehen weiße Haufenwolken vorüber.
Wir klettern weiter und erreichen schließlich ziemlich außer Atem den Gipfel des Gabriels. Jetzt genießen wir erst einmal die Aussicht. Sie ist einfach fantastisch und ganz anders, als die Aussichten im Hochgebirge. Hier sieht man natürlich keine anderen Berge, aber Wasser soweit das Auge reicht. Entzückt schauen wir hinunter auf Schull, das sich so gemütlich in die Bucht schmiegt, in der in der Ferne auch Fastnet Rock zu erkennen ist. Wenn wir uns umdrehen, können wir auf die Dunmanus Bay schauen und an deren Ende Sheep`s Head, die westliche Landspitze ausmachen. Auch die unmittelbare Umgebung des Gabriels ist es wert, betrachtet zu werden. Hier ist alles felsig, braun, karg und wild. Ich denke, dass es so ähnlich im wilden Kurdistan aussehen muss, was aber wahrscheinlich nur meiner Fantasie entspringt. Hier steht weit und breit kein Haus und erst dort, wo sich die Straße langsam den Hang hinunter windet – der Dunmanus Bay entgegen – wird wieder vereinzelt Weideland sichtbar. What a view!

Radarkuppel auf dem Mount Gabriel, Schull, Irland

Nachdem wir lange und ausgiebig die Aussicht genossen haben, wenden wir uns den Radarkuppeln zu. Sie wurden in den späten 1970er Jahren hier errichtet und waren Teil der Entwicklung von Eurocontrol. Dies ist eine internationale Organisation zur zentralen Koordination der Luftverkehrskontrolle in Europa mit Sitz in Brüssel. Eurocontrol hat sich zum Ziel gesetzt, ein nahtloses europäisches Flugverkehrsmanagement-System zu entwickeln. Dies soll unter Beibehaltung eines hohen Sicherheitsniveaus, der Reduzierung der Kosten und der Schonung der Umwelt dem ständig wachsenden Flugverkehr Rechnung tragen. Irland trat der Organisation 1965 bei und Eurocontrol errichtete eine Kontrollzentrale in Shannon, die den oberen Luftraum von Irland überwachen sollte. Im Jahr 1976 erklärte Irland, dass es einer Inbetriebnahme derselben nicht zustimmen könne. Der Grund dafür war die Vermutung, dass es wegen der hohen Gehaltsunterschiede zwischen dem Personal der nationalen irischen Behörden und dem internationalen Personal einer EUROCONTROL-Kontrollzentrale zu schweren Sozialkonflikten kommen könne. Die irische Verwaltung übernahm die Kontrollzentrale Shannon von EUROCONTROL und betrieb sie mit eigenem Personal.
Zu sehen ist auf dem Mount Gabriel ein grauer Flachbau mit anschließendem Rundbau, auf dem eine weiße runde Radarkuppel steht. Eine zweite Kuppel steht in einiger Entfernung auf einem turmähnlichen Rundbau. Die Radarstationen sind eingezäunt und unterschiedlichste Antennen ragen über die Zäune hinaus.
Die Irish National Liberation Army, eine irische republikanische paramilitärische Gruppe, sprengete 1982 die Radarkuppeln. Sie behauptete fälschlicherweise, die Kuppeln würden von der NATO benutzt, wodurch die Irische Neutralität verletzt würde.
Die Radaranlagen auf dem Mount Gabriel sind über eine öffentlich zugängliche Straße erreichbar.
Nachdem wir alles besichtigt und auch die Aussicht reichlich genossen haben, machen wir uns auf die Suche nach Spuren der Kupferminen aus der Bronzezeit. Sie sollen an den südlichen und östlichen Hängen des Gabriels zu finden sein und aus einem Zeitraum von etwa 3200 bis 1500 v. Chr. Datieren. Es gibt am Mount Gabriel 25 Gruben und mehrere Schächte mit einer Länge von etwa neun Metern. In der Bronzezeit wurden die Gruben mit Steinwerkzeugen in den Fels geschlagen. Dabei wurde zuvor das Gestein mit Feuer erhitzt und dann mit Wasser rasch abgekühlt. Dadurch ließen sich die Steine bei der Bearbeitung leichter absplittern. In den Schächten und Abraumhalden wurden zahlreiche Steinschlägel und Stücke dieser Werkzeuge gefunden, die heute in der archäologischen Sammlung des National Museum of Ireland aufbewahrt werden. Die Abraumhalden bestehen vor allem aus dem zerkleinerten Gestein, aus dem die erzführenden Stücke ausgelesen wurden. Die Kupfererzvorkommen trugen wahrscheinlich zur verstärkten Besiedelung der Region um den Mount Gabriel und auf der Mizen Peninsula bei. Auch Derrycarhoon, das in der Nähe von Schull liegt, zählt zu den archäologischen Fundstellen dieser Gegend. Dort wurden unter einer mehr als 4 Meter dicken Torfschicht sechs bronzezeitliche Kupferminen gefunden, in denen sich zahlreiche Werkzeuge, darunter eine Holzleiter, erhalten haben.
Wir finden zwei Stolleneingänge, von denen einer vergittert ist und der andere von Gesteinsbrocken halb verschüttet. Es ist spannend, einen Blick in die dunklen Gänge zu werfen, vor allem, wenn man sich klar macht, wieviel Zeit vergangen ist, seit hier Menschen auf die Suche nach Erzen gingen.
Da die Dämmerung langsam heraufzieht, machen wir uns auf den Rückweg. Wir stolpern den felsigen Hang hinunter, bis wir schließlich wieder die schmale Straße erreichen. Zufrieden mit den interessanten Eindrücken, die wir auf dem Gabriel gesammelt haben, gehen wir schnellen Schrittes zurück nach Schull. Von jetzt ab werden wir den Mount Gabriel mit anderen Augen betrachten, wenn wir von unserem Cottage oder auf unseren Wanderungen sehen, wie er majestätisch das Dorf und die Bay überschaut.

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe

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