Reisetagebuch – Südwest Irland – Pub Music

Pub Music im Pub "The Black Sheep" in Schull, Irland

Mein Mann Bernd und ich verbrachten eine Zeit im kleinen Fischerort Schull in Südwest Irland und erkundeten die Mizen Peninsula.

Tag 11 – 13.11.2017

Wetter: bewölkt – Temperatur 12 Grad – mäßiger Wind

Es ist Abend und ein weiterer schöner Urlaubstag ist beinahe zu Ende. Aber noch nicht ganz. Wir machen uns auf den Weg ins Town um dort in Hacketts Bar einen Abend mit Live Music zu verbringen. Da das Wetter gut ist, ein scharfer Sichelmond steht am Himmel, und da dieser nur wenig Licht gibt, können wir den wunderbaren Sternenhimmel beobachten. What a view! Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit sehen wir die Milchstraße in ihrer ganzen Pracht. Auch alle anderen bekannten Sternbilder sind herrlich deutlich zu sehen. Solche Sternenhimmel gibt es zu Hause nie. Zu viel Lichtverschmutzung durch Streulicht. Straßenlaternen, die Lichter aus den Fenstern der Häuser und der Hauseingänge, die Scheinwerfer der Autos, Lichtreklamen, all dies verdichtet sich zu einem Lichtbrei, der eine echte Dunkelheit bei Nacht verhindert
Dessen bewusst, genießen wir unseren Fußweg hinunter nach Schull Main Street ganz besonders, wenn wir auch teilweise wirklich im Dunkeln tapsen und unseren Weg nicht erkennen können. Eine Taschenlampe wäre sehr hilfreich, aber die liegt zu Hause in der Garage.

Pub Music in “Hackett`s Bar” in Schull

Pub Music Hackett's Bar, Schull, Irland

Aber wir kommen heil im Pub an. Die Band spielt schon, was im Umkreis von 500 Metern deutlich zu hören ist. Beim Eintreten schlägt uns der Dunst entgegen, den die Menschen darin verströmen. Der Pub ist voll und wir drücken uns in eine Ecke gleich neben der Theke und bestellen erst einmal zwei Bier. Die Gruppe spielt gerade den Song „Hey Joe“ von Jimi Hendrix und die Stimmung ist gut. Die Gäste singen mit oder hören aufmerksam zu.
Die Band, Junction 55, besteht aus drei Männern. Der Leadgitarrist singt diesen Song. Er ist ein strange aussehender Mann um die Vierzig. Er ist groß und hager und hat ein längliches Gesicht mit einem leicht ergrauten kurzen Kinnbart und eingefallenen Wangen. Er ist mit Jeans und einem hellblauben Hemd bekleidet. Das Auffälligste an ihm aber ist eine braune Wollmütze, die er sich über ein Auge gezogen hat. Ich frage mich die ganze Zeit, ob da überhaupt ein Auge ist, oder ob er mit der Mütze eine leere Augenhöhle verdeckt. Ein gruseliger Gedanke. Doch wie auch immer, der Mann ist ein guter Musiker. Begleitet wird er von einem kleinen Mann, der offenbar bester Stimmung ist. Er sitzt, gekleidet in Jeans und T-Shirt, auf einem rechteckigen Kasten, der scheinbar ein elektronisches Schlagzeug ist. Jedenfalls spielt er darauf mit den Händen oder mit Besen und sein linker Fuß erzeugt über eine Fußmaschine den Rhythmus. Zusätzlich schlägt ein Stick gegen das Gerät. Es hört sich eigentlich recht gut an und verbraucht nur wenig Platz. Und dieser ist im Pub auch knapp bemessen. Für die Band wurde einer der zwei Tische entfernt und es gibt nur noch wenige Sitzplätze. Auf einer noch verbliebenen Bank sitzt der zweite Gitarrist. Auch er hat wie die beiden anderen ein Mikrofon vor sich und singt den nächsten Song. Er ist ein Mann mit ergrautem üppigem Haarschopf. Er trägt eine Cargohose und ein weißes Hemd, auf dem der schön bestickte Gurt seiner Gitarre gut zur Wirkung kommt. Zu meinem Erstaunen sitzt auf seinen Ohren schwere Kopfhörer.
Diese nimmt er ab , als der Leadgitarrist ankündigt, dass er nun eine Reihe von eigenen Songs spielen wird. Das Publikum applaudiert erfreut und schon legt die Band los. Was wir jetzt hören – also die Eigenkompositionen – ist hervorragende Rockmusik mit einfühlsamen Texten und gut gespielten Gitarrensoli. Wir sind überrascht von der Qualität der Musik, die freilich nichts mit der Pubmusic früherer Zeiten zu tun hat.

Pub Music in “The Black Sheep” in Schull

Pub Music im Pub "The Black Sheep" in Schull, Irland

Als wir vor Jahren noch regelmäßig in den Pub “The Black Sheep” gingen, wurde die Musik auch schon verstärkt, aber die Songs waren eine Mischung aus irischem Folk und bekannten Coversongs. Es wurde mitgesungen und auch getanzt. Bei den Folksongs kamen auch Mundharmonika und Akkordeon zum Einsatz. So spielten zwei unserer Freunde hier regelmäßig. Tom das Akkordeon und Chris die Gitarre. Die Einwohner von Schull liebten diese Veranstaltungen ebenso wie die zahlreichen Touristen, die hier im Sommer ihren Urlaub verbringen. An den Musikabenden war der Pub immer gut besucht und die Stimmung war großartig. Leider setzte ein Brand dieser Tradition ein jehes Ende. Der Pub “The Black Sheep” wartet immer noch auf seine Restaurierung und Widereröffnung.

Pub Music im “Tin Pub” in Ahakista

Chris Sayer, Pub Music im "Tin Pub" in Ahakista

Chris Sayer war der beste Sänger, den ich in einem Pub je erlebt habe. Er gab auch Solovorstellungen, zum Beispiel in einem abgelegenen Pub, dem “Tin Pub” in Ahakista auf Sheep`s Head. Obwohl dieser Pub im wahrsten Sinn des Wortes am Ende der Welt liegt, war er bei seinen Auftritten immer brechend voll. Die Besucher nahmen es auf sich, stundenlang über schmale schlechte Straßen zu fahren, um Chris zu sehen und zu hören. Er spielte an diesen Abenden eigene Kompositionen wie den Song “Tickly Me”, veränderte Varianten von bekannten Songs und auch Evergreens. Das Publikum bat immer wieder um Zugaben, die Chris auch gerne gewährte. Leider verstarb Chris Sayer viel zu früh und wir alle vermissen ihn sehr!

Traditional Pub Music

Pub Music im Pub "The Black Sheep" in Schull, Irland

Zum Anfang unserer Irlandzeit war Pubmusik noch etwas völlig anderes. Wann immer wir in einem Pub ein Bier tranken, kamen unauffällig Musiker herein und begannen zu spielen. Oft erschien zu erst ein Akkordeonspieler und begann. Kurze Zeit darauf kam dann ein Geiger in den Pub und spielte mit. Dann kamen Musiker mit anderen Instrumenten, wie mit einer Tin Whistle – irische Flöte – oder einer mit einer Bodhran – traditionelle irische Trommel – und stimmten in die Musik ein. So erlebten wir manchen Abend mit hervorragender unverstärkter Folkmusik.

Tanz in den Music Pubs

Tanz und Pub Music im Pub "The Black Sheep" in Schull, Irland

Es mag erstaunen, aber in den meist recht kleinen und engen Pubs wird auch getanzt. So waren wir einmal bei einem Pubmusikabend, an dem ein junger Mann mit sämtlichen Frauen und Mädchen tanzte. Er war ein solch guter Tänzer, dass es eine Freude war, ihm zuzusehen. Er ging aus sich raus, und sein Tanz war eher eine Performance, als nur ein einfaches Tanzen. Seine Lieblingspartnerin war eine mollige junge Frau aus Litauen, die sicher noch lange an diesen Abend gedacht hat. Auch ich tanzte manchmal in den Pubs, wie das Foto oben beweist.

Klassische Instrumente des Irisch Folk

Die Bodhrán
Die Bodhrán ist eine irische Rahmentrommel mit 20cm bis 50cm Durchmesser. Sie wird normalerweise mit Ziegenfell bespannt und kann mit einem Kreuz verstärkt werden. Durch die Spannung des Fells können gute Bodhráns auf genau definierte Grundtöne gestimmt werden.
Die Bodhrán wird normalerweise im Sitzen gespielt, wobei der Spieler die Innenseite des Fells mit einer Hand berührt, um so durch Druck die Tonhöhe zu variieren oder einen Dämpfungseffekt zu erzielen. Mit der anderen Hand spielt er auf der Trommel mit einem Holzschlägel, der tipper, beater oder stick genannt wird. Man unterscheidet dabei zwischen downstroke und upstroke, also zwischen „Abschlag“und „Aufschlag“. Der Schlägel wird beim Spiel mit einer rotierenden Bewegung über das Fell geführt. Da das Instrument von jedem Spieler individuell benutzt wird, variiert das Klangergebnis recht stark.
Die Tin Whistle
Die irische Flöte wird auch Penny Whistle oder Pocket Whistle genannt. Sie ist eine einfache Schnabelflöte mit sechs Fingerlöchern. Sie wird vor allem in der irischen Folk Musik eingesetzt. Die Tin Whistle hat einen hohen hellen Klang und die höchsten Töne können sogar manchmal recht schrill klingen. Man spielt die Tin Whistle mit den mittleren Fingern beider Hände, wobei die linke Hand die oberen Löcher abdeckt und die rechte die unteren. Der Standardtonumfang einer Tin Whistle beträgt zwei Oktaven. Je nach Instrument und Können sind aber auch bis zu zweieinhalb und mehr Oktaven möglich.
Beim irischen Whistlespiel gibt es eine Besonderheit. Die Töne werden hier nur selten mit der Zunge angestoßen und der Spieler benutzt stattdessen verschiedene Ornamente, um gleiche Töne voneinander zu trennen. Die wichtigsten Ornamente sind der Cut und der Strike, wobei höhere oder tiefere Grifflöcher sehr kurz geöffnet werden.
Die Mundharmonika
Das kleine einfache Instrument spielt in der Volksmusik und im Blues eine große Rolle. Auch im Irish Folk darf es nicht fehlen.
Die Mundharmonika ist ein Instrument mit Durchschlagzungen aus Metall in parallel angeordneten Luftkanälen. Diese werden mit dem Mund direkt angeblasen. Beim Spiel auf der Mundharmonika gibt es drei unterschiedliche Techniken, die Spitzmund-Technik, das Spielen mit der abgedeckten Zunge und die Zungenschlag-Spieltechnik. Bei der Spitzmund-Technik wird die Atemluft nur durch einen einzigen Tonkanal gepresst und so ein Einzelton erzeugt. Dies ist die geläufigste Spieltechnik.
Beim Spielen mit der abgedeckten Zunge dagegen, legt der Spieler die Zunge so auf das Mundstück, das immer mehrere Tonkanäle ständig abgedeckt sind. So bleibt in seinem rechten Mundwinkel eine Kanzelle zur Erzeugung des Melodietones offen. Fortgeschrittene Spieler können auf diese Weise gute Effekte erzeugen.
Die Zungenschlag-Spieltechnik ist im wesentlichen eine Variante des Spielens mit abgedeckter Zunge, wobei die Zunge hier im Takt angehoben und wieder gesenkt wird. Dieser Vorgang wird bis zum Schluss des Musikstücks ständig wiederholt. Die Dauer der Tonkanalöffnung variiert hier je nach Taktform. Die Zungenschlagtechnik ermöglicht es dem Spieler gleichzeitig Melodie und Begleitung zu spielen.
Heute wird bei der Pub Music meist auf Gitarren gespielt und der Rhythmus elektronisch erzeugt und eingespielt. Doch mag sich die Pubmusik auch gewandelt haben, so bleibt es doch eine schöne irische Tradition, in den Pubs zu musizieren. Und man merkt es den Musikern auch heute noch an, dass sie vor allem für sich spielen. Sie sind allesamt Vollblutmusiker, die sich ihrer Musik ganz und gar verschrieben haben und die sich keinen Deut um Publicity kümmern. Hoffentlich bleibt diese Tradition, die leider schon zurückgegangen ist, noch lange erhalten.

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe

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