Hysterie ist weiblich

hysterie - hysterische Frau

Seit der Antike wurden seelisch unerfüllte und sexuell unbefriedigte Frauen als hysterisch abklassifiziert und mit herabwürdigenden Methoden behandelt, obwohl keine organischen Symptome der „Krankheit“ Hysterie diagnostiziert werden konnten.

Der Philosoph Otto Weininger schrieb im Jahr 1903: „Die Hysterie ist eine organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes“.

Sigmund Freud bezeichnete die Hysterie als die „Krankheit des Gegenwillens“.

Rousseau glaubte bereits zu wissen: „Die ganze Erziehung der Frau muss daher auf die Männer Bezug nehmen. Ihnen gefallen und nützlich sein, das sind zu allen Zeiten die Pflichten der Frau“.

Also wurden Frauen kurzerhand für geistig unmündig befunden und so – unter dem Vorwand der Moral – in Zucht und Ordnung gehalten.

Etymologie

Etymologisch betrachtet bedeutet Hysteria Gebärmutter oder Mutterleib. Hysterisch wurde aus lateinisch hystericus, dieses wiederum aus griechisch hysterikós, die Gebärmutter betreffend entlehnt.

Viele Jahrhunderte hindurch galten Frauen, die eigentlich seelisch und sexuell unbefriedigt waren als hysterisch. Anstatt ihnen die gebotene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, sie zu lieben, zu achten und sexuell zu befriedigen, wurden sie von Ärzten „behandelt“. Dazu wurde ihre Klitoris mit allerlei Hilfsmitteln bearbeitet, mit dem Ziel, einen Orgasmus zu provozieren. War die Frau dann befriedigt, belebt und zufrieden, sagte man, sie habe einen hysterischen Paroxymus erlebt, der mit vaginalen Kontraktionen und Sekretion der Bartholinischen Drüsen einherging. Man glaubte, dass der hysterische Paroxymus die Grunderkrankung „Hysterie“ zwar nicht heilen könne, dass aber eine kurzfristige Linderung des chronischen Leidens erreicht werden könne.

Die „Hysterie“ hatte zu allen Zeiten unterschiedliche Ausdrucksformen. Unbewusst, aber nachdrücklich wurden von den „erkrankten“ Frauen Symptome gewählt, die in der jeweiligen Gesellschaft als Ausdruck der Krankheit akzeptiert werden. Dies konnten Traumzustände, Krampfanfälle, Wahnvorstellungen, Zitteranfälle, Wein- und Schreikrämpfe, Lähmungen an Armen oder Beinen, heftige Herz- oder Magenschmerzen usw. sein, die keine organischen Ursachen hatten. Nicht selten wurde auch das Symptom der Amnesie (Gedächtnislücke) beobachtet, durch die ein qualvolles oder unangenehmes Erlebnis verdrängt wird.

Historisch gesehen durchlief die Diagnose „Hysterie“ einen stetigen Wandel

Der Arzt Aretaios von Kappadokien aus dem antiken Griechenland bezeichnete die Gebärmutter als ein „Tier im Tier“. Er glaubte, dass sich die Gebärmutter verselbstständigen könne, um so die Frau von innen heraus zu strangulieren. Als Heilmittel dagegen sollte der Uterus mit süß riechenden Ölen wieder zurück an seinen angestammten Platz gelockt werden. Die Öle sollte hierfür mit intensiven, kreisenden Bewegungen auf und um die Klitoris herum aufgetragen werden. Natürlich hatte dies einen befriedigenden und erholsamen Effekt auf die Frauen, der freilich nicht lange anhielt.

Im Mittelalter hielt man „Hysterie“ für eine dämonische Besessenheit. Man glaubte, dass es für Dämonen sehr viel leichter sei, von Frauen Besitz zu ergreifen, weil ihre Vagina als Eintrittspforte galt. Ärzte empfahlen den betroffenen Frauen zu heiraten, regelmäßig zu reiten, zu gehen oder sich von einer Hebamme fingern zu lassen, um das Leiden zu lindern.

Besonders gehäuft trat die „Hysterie“ im viktorianischen Zeitalter auf. Ärzte nahmen zu dieser Zeit an, dass Frauen kein sexuelles Verlangen verspüren würden. So wurde aus „Hysterie“ eine Krankheit, die vollkommen von jeglichen sexuellen Vorstellungen losgelöst war. Man verblieb in dem beruhigenden Glauben, dass Frauen ausschließlich durch Penetration sexuell stimuliert werden könnten. Wenn also eine Frau den Wunsch verspürte, ihre Klitoris zu stimulieren, war das ein eindeutiges Zeichen, dass sie unter „Hysterie” litt. So wurde die Klitoris der Frau so lange stimuliert, bis die „hysterische Frau“ Linderung empfand und nicht weiter stimuliert werden wollte. Für Frauenärzte waren diese Frauen lukrative Kundinnen, denn der Effekt der Behandlung hielt nicht besonders lange an und die Frauen kamen nach kurzer Zeit zur nächsten Behandlung.
Gegen Ende dieser Epoche waren die Bewegungsspielräume der Frauen und ihre Entscheidungsfreiheit auf bis dahin ungekannte Weise beschnitten. Die fortschreitende Trennung von Berufs- und Privatleben hatte eine Spaltung zwischen dem öffentlichen und dem häuslichen Leben bewirkt. Damit ging eine einschneidende Änderung der Geschlechterverhältnisse einher. Die Frauen wurden von jeglichem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Ihnen fielen Heim und Herd zu. Frauen, die an „Hysterie“ litten, hatten häufig einen starken Ekel vor sexuellen Handlungen. Dies resultierte wahrscheinlich oft daraus, dass sie von ihren Eltern in Ehe gezwungen wurden und den Sex mit dem ungeliebten Mann als beschämend empfanden.

In seiner 1913 erschienenen Arbeit „The Sexual Impulse on Women“schrieb der britische Arzt Havelock Ellis, dass schätzungsweise 75 Prozent aller Frauen unter „Hysterie” litten. So gut wie jedes Verhalten, dass eine Frau zeigte, konnte auf Hysterie hindeuten und die Massage der Beckenregion war für ihn, seit der Erfindung der Krankheit im antiken Griechenland, das erfolgreichste Heilmittel. Zu den Verhaltensauffälligkeiten zählten unter anderem Kopfschmerzen und epileptische Anfälle bis hin zu rüder Sprache.
Unbequeme und aufsässige Frauen verschwanden in dieser Zeit sehr häufig in der Psychiatrie und nicht selten wurde ihnen als Therapie die Gebärmutter entfernt.

Freilich hassten die Ärzte im 19. Jahrhundert die Behandlung von „Hysterie“, auch wenn sie sehr einträglich war, weil sie bei der Stimulierung der Klitoris Krämpfe in den Händen bekamen und ihre Finger schnell ermüdeten. Wie die Ehemänner, die ihre Frauen in die Therapie schickten, schienen auch die Ärzte wenig begeistert davon zu sein, „hysterische“ Frauen zu befriedigen. Glücklicherweise machte man Fortschritte bei der Behandlung von „Hysterie“. Eine neuartige Behandlungsmethode war die Wasserkur, auch bekannt als Beckendusche. Hierfür richtete der Arzt den Strahl eines Feuerwehrschlauchs auf die Klitoris der Patientin. Diese Methode wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Kurbädern Europas und Amerikas angewendet. Frauen liebten diese Anwendungen und strömten scharenweise in die entsprechenden Kurorte. Sie erklärten, dass sie sich nach dem „Duschen“ viel euphorischer fühlten, so als hätten sie Champagner getrunken.

Schon bald wurden auch die ersten mechanischen Hilfsmittel gegen die „Hysterie“erfunden.
Der amerikanische Arzt George Taylor stellte 1869 den ersten Vibrator der Neuzeit vor. Der „Manipulator” war ein Tisch, auf den sich die Patientin mit dem Gesicht nach unten legen musste. Ihr Geschlecht wurde dann durch einen pedal- oder dampfbetriebenen Stab massiert, wodurch bereits nach zehn Minuten ein Orgasmus einsetzte und die Frau sich beruhigte.
Wenige Jahre später erfand Joseph Mortimor Granville den „Percuteur“, einen elektromechanischen, batteriebetriebenen Vibrator. Dieser wurde in Werbeanzeigen um die Jahrhundertwende als medizinische Apparaturen zur Linderung von Kopf- und Nervenschmerzen angepriesen. Im Jahr 1900 wurden auf der Weltausstellung in Paris bereits Dutzende Modelle gezeigt. Bis in die 20er-Jahre wurde der Vibrator in Magazinen für Hausfrauen als medizinisches Gerät getarnt beworben. Er sollte Verspannungen lösen, der Hysterie vorbeugen und die Jugend und Schönheit der Ehefrau erhalten.

Es ist dem Voranschreiten der Frauenbewegung zu verdanken, dass die „Hysterie“ als vermeintliche Frauenkrankheit immer weiter abnahm. Mit der zunehmenden Zahl von Studentinnen an den Universitäten und der allmählichen Aufhebung der beengten Lebensverhältnisse der Frauen, verschwanden die „hysterischen Anfälle“ der jungen Frauen beinahe vollständig.

Hysterie heute

Heute bezeichnet Hysterie eine „dissoziative Störung“, eine Art Zerfall der Persönlichkeit.
Das gemeinsame Merkmal aller Erscheinungsbilder der Hysterie ist nach heutiger Auffassung, dass die Betroffene sich unbewusst als etwas anderes darstellt, als sie wirklich ist. Psychoanalytisch wird diese unbewusste veränderte Selbstdarstellung als der Versuch einer Scheinlösung eines innerseelischen Konfliktes gesehen.

Laut Stavros Mentzos, Professor und Leiter der Abteilung für Psychotherapie/ Psychosomatik im Klinikum der Universität Frankfurt, verwenden wir das Wort „hysterisch“ in unserer Umgangssprache viel zu leichtfertig und in einem zu engen, negativen Sinn.
Seiner Auffassung nach enthält das Hysterische vieles, was mit übertriebener Emotionalität, Dramatisierung, Theatralik, Unechtheit bezeichnet werden kann, aber in einem ganz anderen Zusammenhang, als es der moralisch abwertende Gebrauch des Wortes impliziert. Es geht vielmehr (laut Mentzos) um die Entlastung von neurotischen Schuldgefühlen, die Konservierung von Minderwertigkeitsgefühlen, den Ersatz für fehlende, oder unerlaubte Gefühle und Ereignisse, das Wiederbeleben von infantilen Szenen mit den dazugehörigen Affekten, in versteckter und nur dadurch erlaubter Form.

Text: © Xenia Marita Riebe

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