Der „übergeschnappte Redefluss“ eines Journalisten

Zeichnung von Elena Samokish- Sudkavskayas

Thema: Greta Thunbergs Rede zur Klimadebatte for dem UN-Plenum

Zur Kolumne „Mit Verlaub“ von Reinhold Michels in der Rheinischen Post vom 27. September 2019 – Titel: Weniger Hysterie, mehr Verstand.

Versuch einer sprachlichen Analyse
Es sind einmal die in der besagten Kolumne nur schwer nachvollziehbaren Inhalte allgemein, die verstörend wirken, aber im Besonderen auch die kaum erträgliche Sprache, die diffamiert, entwürdigt, geringschätzt und zudem ein Feuerwerk interlektueller Blendgranaten offenbart.
Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.
Diese Sätze des Konfuzius, vor über 2500 Jahren niedergeschrieben, haben bis heute nichts von ihrer Bedeutung verloren. Dass die Worte oft nicht stimmen, wird in erschreckender Weise klar, wenn wir einmal hinhören, genau zuhören, was das Gesagte eigentlich meint.
Gleich die erste rhetorische Frage bietet einige Beispiele des Gemeinten:
Warum hängt ein Volk, dessen vielleicht größter Denker in Königsberg einst den umstürzlerischen Satz formuliert hat: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ fasziniert an den Lippen einer schwedischen Minderjährigen und deren Weltuntergangs-Fantasien?
Mit dem Hinweis auf den „vielleicht größten Denker in Königsberg“ wird zunächst eine intellektuelle Blendgranate gezündet, soll heißen, hier wird das Gemeinte hinter historisch-geografischen Bezugnahmen versteckt, die vom Leser erst decodiert werden müssen, nur um festzustellen, dass es sich um Banalitäten handelt. Kants umstürzlerischer Forderung zum Trotz hängt nun ein ganzes Volk an den Lippen einer schwedischen Minderjährigen. Abgesehen von den inhaltlichen Ungereimtheiten – warum das ganze deutsche Volk – war das nicht eine internationale Veranstaltung mit Teilnehmern aus fast allen Staaten der Erde? Aber dann wäre der Bezug zum vielleicht größten Denker wohl irgendwie unpassend- ist die Wortwahl diffamierend und herabwürdigend. Minderjährig und auch noch schwedisch, diese Attribute benutzt der Autor – obwohl semantisch ohne jeden Bezug – das Adverb minder wirkt hier noch verstärkend im Sinne von minderwertig, minderbemittelt – offensichtlich, um die Person Greta Thunberg zu diskreditieren. Wie anders würde die Aussage wirken, spräche man von einem „mutigen, jungen Mädchen“ im Gegensatz zu „schwedischer Minderjährigen“. Die „Weltuntergangs Fantasien“ sind eine weitere Spitze gegen den Auftritt der jungen Frau. „Fantasie“ hier gebraucht als „nicht der Wirklichkeit entsprechende Vorstellung“ stellt die Tatsachen auf den Kopf: Die Vorstellung, dass der Klimawandel, würde er nicht durch massive Maßnahmen gestoppt, in eine Katastrophe apokalyptischen Außmaßes führt, gilt in der Wissenschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit als real.
Fragen über Fragen gäbe es zu stellen an den Verfasser dieser Kolumne.
In der zweiten Frage kulminiert die in giftigen Worten verfasste Abneigung des Verfassers gegen den Auftritt einer Jugendlichen vor dem UN Plenum:
Warum applaudiert eine halbe Hundertschaft erwachsener Staatsleute im Saal der UN einem schwedischen Wohlstandskind auch noch zu deren in Stil und Inhalt übergeschnapptem Redefluss?
Wieder wird herabgewürdigt, geschmäht und verurteilt. Die halbe Hundertschaft – so der generalisierende Begriff von einer Menge Leute unter Hintanstellung des Individuums wie in „eine Hundertschaft Polizisten“ wird hier zum Synomym für „Staatsleute“ – nicht einmal Politiker, die einfältig genug sind, diesem schwedischen Wohlstandskind zu applaudieren! Wofür? Der Autor greift zu einer weiteren schweren semantischen Keule: Sie huldigen einem in Stil und Inhalt übergeschnappten Redefluss – Wow, das sitzt! Lieber Herr Michels, genau dafür möchte auch ich Ihnen Applaus spenden! Nämlich für Ihren in Stil und Inhalt übergeschnappten Schreibfluss!
Welch tiefer Griff in die Stilmittel-Abfalltonne! Das Partizip übergeschnappt zum Verb überschnappen im Sinne von den Verstand verlieren kann nur eine Person als Subjekt haben und keinen abstrakten Begriff, das wäre dann so etwas wie eine enttäuschte Kolumne oder anders herum ein beleidigtes Sofakissen.
Weitere Opfer der sprachlichen Keule sind dann noch skurrile Aktivisten, politisierendes Talkshow-Palaver, banger Politiker und Medienleute-Mix –
Da haben wir es wieder, was nicht passt, wird passend gemacht! Eine von Ängstlichkeit und Beklommenheit erfüllte Person – also lt Duden eine bange Person – stellt einen Mix aus Personen zusammen. Ist das dann ein banger Mix? Klimadebatten im Fernsehen werden zum politisierenden Talkshow-Palaver mit skurrilen Aktivisten. Hier darf der qualifizierte Journalist Michels in bester Oberlehrermanier mal so richtig abqualifizieren. Man kann es sich dank dieser qualifizierenden Zeilen so recht deutlich vorstellen: Da sitzen sie vor den Kameras, der bange Politiker und Medienleute-Mix, diese absonderlich anmutenden, befremdlichen und doch so zielstrebig Handelnden, also skurrile Aktivisten, und reden unaufhörlich aber laienhaft über Politik. Warum nehmen das viele einfach so hin, lautet die Frage. Meine Antwort: Unzulässige Frage, weil die in dieser abwertenden Sprache beschriebene negative Darstellung einer politischen Debatte nicht der Wirklichkeit entspricht.
Zum Schluss wird noch einmal eine kleine intellektuelle Blendgranate gezündet, gewissermaßen mit einem Griff in die Zitatenkiste. Nun muss der Philosoph Karl Popper herhalten, beziehungsweise der Publizist Thomas Schmid, damit der Autor mit der umwerfenden Erkenntnis, das der Mensch die Begabung zur Freiheit habe, eine für seinen Stil und Inhalt passende und doch genauso überflüssige Schlussbemerkung machen kann. Machen wir doch mehr Gebrauch davon und widerstehen wir dem Hang, von Zeit zu Zeit Ideologien zu huldigen. Soll heißen? Etwa dank unserer postulierten „Begabung zur Freiheit“ dem ebenso postulierten „Hang“ zu widerstehen, „Ideologien zu huldigen“, ein Hang, der uns „von Zeit zu Zeit“ erfasst? Welch eine in Inhalt und Stil konfuse Aussage! Gut nur, dass die vom Autor offensichtlich beabsichtigte Diskreditierung der aktuellen Klimadebatte in diesen skurrilen Gedankengängen beim Leser wohl kaum Wirkung zeigt
Dennoch halte ich die Veröffentlichung eines solchen Traktats an prominenter Stelle in einer angesehenen Tageszeitung für bedenklich.

Zum Thema “Hysterie” siehe den Beitrag “Hysterie ist weiblich” von Xenia Marita Riebe

Hier die Videoaufzeichnung der Rede Greta Thunbergs  (im Original und deutsch/englischer Transkription)


Kolumne „Mit Verlaub“ der Rheinischen Post vom 27. September 2019
Autor: Reinhold Michels
Weniger Hysterie, mehr Verstand

Fragen über Fragen: 1. Warum hängt ein Volk, dessen vielleicht größter Denker in Königsberg einst den umstürzlerischen Satz formuliert hat: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ fasziniert an den Lippen einer schwedischen Minderjährigen und deren Weltuntergangs-Fantasien? 2. Warum applaudiert eine halbe Hundertschaft erwachsener Staatsleute im Saal der UN einem schwedischen Wohlstandskind auch noch zu deren in Stil und Inhalt übergeschnapptem Redefluss? 3) Warum fällt einem dazu Erich Kästner ein, der anmahnte, nie so tief zu sinken, von dem Kakao, durch den man gezogen wird, auch noch zu trinken? 4) Warum nehmen es viele hin, dass auch im Zuge der Klimadebatte politisierendes Talkshow-Palaver skurriler Aktivisten mit dem üblichen bangen Politiker- und Medienleute-Mix stattfindet? Wo sind in solchen Runden diplomierte Ingenieure mit Wissen und Verstand? Wo versteckt sich schließlich politische Führung, die nicht nur laut Helmut Schmidt für eine Demokratie lebenswichtig ist? Ich frage mich, was heute aus der für Frieden und Freiheit maßgebenden Strategie der Freien Welt geworden wäre, dem Moskauer Aufrüstungsfuror mit atomaren Mittelstreckenraketen die glaubhafte Drohung zur Nachrüstung mit „Pershings“ entgegenzusetzen. Die Kanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl widerstanden zwischen 1977 und 1983 den Hysterien sogenannter Nachrüstungsgegner, in deren Folge sogar lachhafte Ratsbeschlüsse gefasst wurden, dieses oder jenes Kleinkleckersdorf zur „atomwaffenfreien Zone“ zu erklären. Zum 25. Todestag des Philosophen Karl Popper erinnerte der Publizist Thomas Schmid daran, dass der Mensch die Begabung zur Freiheit habe. Machen wir doch mehr Gebrauch davon und widerstehen wir dem Hang, von Zeit zu Zeit Ideologien zu huldigen.

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