Auf der Galerie – Kafkas viel gedeutete Parabel

Kunstreiterin im Zirkus

Kunstreiterin im Zirkus – Georges Seurat

Auf der Galerie – Franz Kafka 1920

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

 

Auf Kafkas bekannte und vielfach linguistisch bis psychologisch gedeutete Erzählung „Auf der Galerie“ trifft die übliche Definition von Parabel nach Meinung der meisten Analysten ganz und gar zu:

Die Parabel ist eine lehrhafte und kurze Erzählung. Sie beschäftigt sich mit moralischen Fragen und ist dem Gleichnis und der Fabel ähnlich. Durch die Handlung der Parabel entsteht eine übertragene Bedeutung. Der Leser soll zum Nachdenken angeregt werden. Typisch für die Parabel sind zwei enthaltene Lehren, nämlich im engeren Sinn und im weiteren Sinn. Das vordergründig beschriebene Geschehen (Bildebene) lässt sich auf übergeordnete Weise (Sinnebene) deuten.

Doch so einfach ist dies bei Kafkas Prosa nicht, wie die vielen kontrovers diskutierten Interpretationen zeigen. Ich möchte hier nicht eine weitere „ausführliche Analyse“ hinzufügen, vielmehr möchte ich einer unbefangenen ergebnisoffenen Herangehensweise das Wort reden, wobei das zu Deutende sich jedem durchaus anders erschließt.

Worum geht es?

Der hier gewählte Schauplatz ist die Zirkuswelt, in der Sein und Schein offensichtlich besonders deutlich differieren. Der Zuschauer auf der Galerie sieht zwei Versionen von „Realität“ die sich konträr gegenüberstehen. Da ist zunächst die irreale, hypothetische Situation, sprachlich in konditionalen Sätzen gefasst: Dem Zuschauer /Leser erscheint das Bild einer erbarmungswürdigen, kränklichen vom Direktor erbarmungslos getriebenen Kunstreiterin, das einen jungen Galeriebesucher „vielleicht“ bewegen könnte, hinabzueilen und „Halt!“ zu rufen. Dieser Entwurf wird oft interpretiert als „das Gefangensein des Einzelnen in seiner durch äußere Strukturen und Verhaltenserwartungen vorgegebenen Rolle, die ihm verbietet, seine eigentlichen Gefühle zu zeigen“ (SCRIBD.com) oder “Engagiertes Bewusstsein fur Unterdruckung” macht diesen Entwurf “zu einer menschlichen Anklage, einem Modell fur moralische Entrüstung, für soziales und politisches Aktionsbewusstsein” (Peter Beicken)

Die zweite Version wird eingeleitet mit dem Einwurf “Da es aber nicht so ist;” des auktorialen Erzählers und es folgt eine in den schönsten Farben geschilderte Beschreibung der Situation, die aber offensichtlich vom Interpreten als falscher Schein gesehen wird. Die eben noch „hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin“, vom Direktor erbarmungslos getrieben, wird nun zur strahlenden Grand Dame, die ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will. Doch auch diese wenig glaubwürdige Realitäts-Variante wird vom auktioralen Erzähler noch bekräftigt: „da dies so ist“ und läßt den Galeriebesucher weinen, „ohne es zu wissen“.

Der Leser wird konfrontiert mit sich widersprechenden Modi, der scheinbar hypothetische erste Teil wird durch auktoriale Einwürfe wie „begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind “ realer dargestellt als es der durchgängige Konjunktiv eigentlich zulässt. Auch der Beginn des zweiten Satzgefüges weist noch einmal auf die zuvor geschilderte irreale Situation hin: „Da es aber nicht so ist;“ Was ist hier nun Realität, was Schein, Hypothese? Warum diese widersprüchliche Haltung der Galeriebesucher? Stellt sich überhaupt so allgemein die für Parabeln typische moralische Frage? Keine noch so feinsinnige tiefgründige ausführliche Analyse kann auf diese Fragen eine allgemeine Antwort geben. Vielmehr weist Kafka hier auf ein reiches Potenzial an unterschiedlichen Sichtweisen und auch möglichen moralischen Standpunkten hin, die aber letztlich von jedem Leser (Galeriebesucher!) selbst gedeutet und gewertet werden müssen.

Bernd Riebe, 2018

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