Ferien auf Fasta Åland

Zu Besuch bei Elfriede in der absoluten Abgeschiedenheit


Die Gruppe der Åland Inseln liegt in der nördlichen Ostsee am Eingang des Bottnischen Meerbusens zwischen Schweden und und dem finnischen Festland. Von den insgesamt 6757 Inseln der Inselgruppe ist Fasta Åland die größte. Hier liegt auch die einzige Stadt der Inselgruppe. Marienhamn ist die Hauptstadt der autonomen finnischen Region Åland.
Soviel und so kurz zur geografischen Lage.
Doch jetzt möchte ich von meinem Aufenthalt bei Elfriede erzählen. Elfriede ist die Frau von Boris, einem Fischer und Seefahrer, der auf Fasta Åland geboren wurde, was man ihm auch anmerkt, denn Boris ist herzlich, aber sehr ruhig. Elfriede dagegen sprudelt über von Lebensfreude. Sie zögert nie, etwas Neues auszuprobieren, sei es, mit Mitte 50 das Surfen zu erlernen, im Norden Schwedens auf Skiern eine nicht eben flache Abfahrt zu meistern oder einfach nur Wolle mit Moos zu färben und daraus schöne Bilder zu weben. Elfriede hat immer etwas zu tun. Sie kocht und backt, sie fährt mit dem Ruderboot hinaus, um auf einer kleinen Schäreninsel ein seltenes Kraut zu suchen, sie streift durch die Wälder auf der Suche nach Blaubeeren, aus denen sie herrliche Pfannkuchen backt.
Das Haus der Erikssons steht in einer verlassenen Gegend direkt am Strand einer kleinen Bucht. Das Grundstück, auf dem auch noch einige weitere Holzhäuser stehen, gehörte Boris Eltern. Nach deren Tod blieb das Haus, in denen die Erikssons ihre zehn Kinder großzogen, stehen und rundherum bauten sich einige der Kinder für sich und ihre Familien je ein kleines Ferienhaus.
Zu diesen Häusern in der einsamen Bucht führt keine Straße. Wir kamen von Stockholm mit einer Fähre der Silja Line und gingen am Fährhafen von Marienhamn von Bord. Boris holte uns mit einem alten Auto ab und los ging die Fahrt, die zunächst über eine gut ausgebaute Straße führte. Nach einiger Fahrtzeit wurde diese Straße immer schmaler und holpriger und endete schließlich ganz. Ich fragte mich, was nun geschehen sollte, aber Boris fuhr einfach weiter. Er schien den Weg gut zu kennen, fuhr über glatte Felsplateaus und durch niedriges Gesträuch und hielt dabei immer auf die Ostsee zu, die wie ein blauer Spiegel weit entfernt vor uns lag.
Die Landschaft, die wir durchfuhren, war flach und trug einen spärlichen Pflanzenbewuchs. Meist wuchsen hier Sträucher, aber es gab auch vereinzelte Eichen, Ulmen und Eschen. Der Weg war sehr holprig und wenn ich die Augen schloss, konnte ich mir leicht vorstellen, in einem Boot zu sitzen und über ein unruhiges Meer zu fahren. Schließlich ging es auf abenteuerliche Weise hinunter zu einer abgeschiedenen Bucht. Boris ließ den Wagen einfach rollen und hielt an.
Vom ersten Augenblick an war ich verzaubert. Was sich hier auftat, war die Welt der Astrid Lindgren. „Ferien auf Saltkrokan“, „Die Kinder von Bullerbü“ und „Madita und Pims“ erschienen vor meinem geistigen Auge. Hier gab es rote Holzhäuser, eines etwas größer, mit einem zweiten Stockwerk, die anderen ebenerdig mit flachen Giebeldächern. In der Mitte der Bucht lag ein altes Motorboot an einem malerischen Steg. Dahinter das Blau der Ostsee. So weit das Auge reichte. Der Himmel war vom selben Blau und kleine Wattewölkchen zogen gemächlich darüber hin. Ich musste blinzeln, um mir selbst zu beweisen, dass dies kein Traum war. Elfriede kam lachend angelaufen und begrüßte uns herzlich. „Kommt herein“, sagte sie; „es gibt Blaubeerkuchen mit Sahne und einen guten Kaffee aus Brunnenwasser.“
Das ließen wir uns nicht zweimal sagen und traten ein in das kleine Holzhaus. Elfriede führte uns durch die Küche ins Wohnzimmer und bat uns, an einem schön gedeckten Tisch Platz zu nehmen. Es duftete bereits wundervoll nach Kaffee und der Kuchen stand auf einer weißen Porzellanplatte auf dem Tisch. Welch ein Empfang!
Später, als wir vom Erzählen, Essen und Trinken müde waren, brachten wir unser Gepäck in einen Anbau, in dem es ein einfaches Schlafzimmer gab. Ach ja, ich sollte noch erwähnen, dass es an diesem schönen Fleckchen Erde keine Elektrizität und kein fließendes Wasser gibt. Die Toilette ist selbstverständlich ein Plumsklo.
Das Wasser holen die Bewohner aus einem Brunnen, der in der Mitte des Grundstücks zu finden ist. Man muss allerdings gut aufpassen, um ihn nicht zu übersehen, denn es gibt keinen gemauerten Brunnen, sondern nur einen einfachen Holzdeckel, der den Brunnenschacht abdeckt. Auch die Benutzung der Sauna ist bei den Erikssons ein Erlebnis. Der alte gusseiserne Ofen, der zum Heizen benutzt wird, wird mit Holz befeuert und das Badewasser wird in einfachen, großen Plastikfässern bereitgestellt. Saunieren ist übrigens die einzige Möglichkeit, sich zu baden. Es sei denn, man springt in die eiskalte Ostsee, was nach einem Saunagang natürlich ein Vergnügen ist.
Wenn du wissen möchtest, wie man auf Åland badet, dann lies doch einfach diesen Textausschnitt aus meinem Roman „Die Farbe des Bernsteins“.
Wollen wir heute Abend ins Badehaus gehen?“, fragte Elin.
„Ja, das ist eine gute Idee, denn wir haben ja außer Meersalz jetzt auch noch Spinnweben und Staub auf der Haut.“
„Dann müssen wir gleich den Ofen anheizen.“
Das Badehaus war ein rotes Holzhäuschen mit zwei Räumen. Der vordere Raum war zum Auskleiden gedacht und es gab hier ein paar Stühle und Kleiderhaken an den Wänden. Im hinteren Raum befand sich der große Ofen, der mit Holz geheizt wurde. Möchtest du den Textausschnitt weiterlesen?
Wir hatten viele schöne Erlebnisse während unseres Aufenthalts bei Elfriede und Boris. Wir fuhren mit dem Boot hinaus und legten die Netze aus, wir sammelten Blaubeeren und aßen sie mit Milch, wir ruderten zu einsamen Schären hinüber und lagen dort nackt auf den glatten Felsen. Wunderschön war es auch, in der Mittsommernacht auf einem erhöhten Felsen zu stehen und zu beobachten, wie die Sonne nur kurz den Horizont über dem Meer berührt und dann erneut aufsteigt.
Das beste von allem war aber ein Abendessen mit der ganzen Familie. Da im Wohnzimmer des kleinen Hauses nicht alle Gäste Platz fanden, rückte Elfriede kurzerhand den Esstisch an das geöffnete Fenster. Von der Gartenseite aus stellte sie einen Tisch von gleicher Höhe ebenfalls an das Fenster. So schuf sie eine lange Tafel, die sie hübsch deckte.
Ich hatte Elfriede bei den Vorbereitungen zugeschaut und auch ein wenig geholfen. Sie grub aus ihrem kleinen Gemüsebeet eine Reihe dicker Kartoffeln aus und legte sie in einen einfachen Metalltopf. Mit diesem ging sie hinunter zum Meer und wusch die Kartoffeln mit Seewasser sauber. Anschließend schöpfte sie mit dem Topf Meerwasser und legte die sauberen Kartoffeln hinein.
„Das Wasser ist hier sehr sauber“, erklärte sie, „und so brauche ich kein Salz hineinzutun.“ Den Topf stellte sie auf den Gasherd, der mit einer Propangasflasche betrieben wurde. Dann bereiteten wir gemeinsam den Salat vor, zu dem sie allerlei Pflanzen aus ihrem Garten mitgebracht hatte. Zwiebeln, Gurken und Pflücksalat, sowie Kräuter. In einer Pfanne schmorte sie Pilze, die sie selbst im Wald gesucht hatte. Boris steuerte zum Essen frisch geräucherte Flundern bei. Dann kamen nach und nach die Gäste, angezogen vom Duft des Räucherhauses. Jeder fand einen Platz und eine fröhliche Unterhaltung entspann sich von diesseits und jenseits des Fensters. Das Essen schmeckte köstlich und die Stimmung war gelöst und heiter. Welch ein Abend!
Nach all diesen schönen Erlebnissen, fiel der Abschied von Elfriede, Boris und den anderen nicht leicht. Doch jeder Urlaub ist einmal zu Ende und wir mussten abreisen. Die Kinder bauten ihr Zelt ab und verabschiedeten sich traurig von ihren neuen schwedischen und finnischen Freunden. Wir verließen Fasta Åland mit der Silja Line Richtung Stockholm, genau, wie wir gekommen waren, nur im Herzen waren wir ein wenig anders. Der Aufenthalt bei Elfriede hat uns verändert. Wir haben gelernt, mit und in der Natur zu leben, wir haben eine großherzige Gastfreundschaft genossen, für die wir dankbar waren und wir haben, hoch im Norden, Freunde gefunden.

Textauszug

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe


In die rechte Oberseite des Ofens war eine geräumige Wanne eingelassen, in der Brunnenwasser aufgeheizt wurde. An den Wänden waren auf halber Höhe Holzbänke angebracht und in einer Ecke standen zwei weiße Plastikfässer, die Manfred zur Hälfte mit kaltem Wasser aus dem Brunnen füllte. In jedem Fass schwamm eine der hier gebräuchlichen Schöpfkellen aus Holz. Den Ofen hatte er kräftig angefeuert und er spürte, dass er bereits zu schwitzen begann. Eilig verließ er das Badehaus und ging zu Elin ins Schlafzimmer hinüber.
„Ich glaube, es ist alles vorbereitet“, verkündete er stolz.
Elin schlüpfte aus ihren Kleidern und zog einen lindgrünen Bademantel an. Ihr Haar hatte sie nachlässig hochgesteckt und sie sah sehr jung und hübsch aus. Manfred hatte einen Bademantel aus dem Hotel mitgenommen, in dem er sich jetzt ein wenig albern vorkam. Elin nahm seine Hand und sie gingen gemeinsam zum Badehaus. Dort füllte sie mit Hilfe einer Kelle heißes Wasser in eines der Plastikfässer, bis das kalte Brunnenwasser eine angenehme Temperatur erreicht hatte. Dann begann sie sich einzuseifen und begoss sich danach mit warmen Wasser. Anschließend wusch sie ihr Haar und spülte es aus. Manfred saß auf einer der Bänke und sah ihr zu.
„Willst du dich nicht waschen?“
„Doch, natürlich. Ich wollte nur sehen, wie man es am besten macht.“
„Spanner“, entfuhr es Elin lachend.
Nach dem Waschen setzten sie sich auf die Bänke, schwitzten eine Zeit lang und anschließend begossen sie sich gegenseitig mit kaltem Wasser. Dadurch entstand ein dichter Nebel, der das ganze Häuschen füllte und sie erneut zum Schwitzen brachte.
„Schau mal, draußen ist es jetzt dunkel genug und wir können zum Meer laufen ohne dass uns jemand sieht“, verkündete Elin nach einer Weile.
Sie verließen das Häuschen und liefen Hand in Hand in vollem Lauf ins Wasser, dass es nur so spritzte. Die See, die Manfred am Nachmittag als eiskalt empfunden hatte, umfing ihn jetzt mit wohltuender Kühle. Befreit kraulte er ein wenig hinaus, während Elin sich in der Nähe des Ufers schwimmend abkühlte. Nach einer Weile schwamm er zu Elin zurück, die jetzt im seichten Wasser stand, nahm sie in die Arme, küsste sie und hielt sie lange fest umschlungen. Sein Blick glitt dabei hinüber zum ältesten der Häuser, dessen Fenster von flackerndem Kerzenlicht erhellt waren. Auf einmal sah er dort Eskos Gesicht, das dieser so dicht an die Fensterscheibe gepresst hatte, dass es wie eine gruselige Maske aussah. Manfred nahm schnell Elins Hand und führte sie zum Badehaus zurück. Wenige Augenblicke danach hörte er draußen Eskos stampfende Schritte. Er wusste, dass dieser nun zum Meer stapfte, dort still stehend einige Minuten verharrte und dann mit den gleichen weit ausholenden Schritten zurück zu seinem Haus ging. Esko wiederholte dieses Ritual unzählige Male am Tag und in der Nacht. Manfred erwachte häufig von seinen Schritten und konnte dann nicht gleich wieder einschlafen. Esko war ihm unheimlich.

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