Hölderlin – Abendphantasie – eine Interpretation

Die Ode Abendphantasie schrieb Hölderlin Sommer 1799 in seiner für ihn schwierigen Homburger Zeit. Das Werk steht in einem inhaltlichen Zusammenhang mit der etwa zur gleichen Zeit entstandenen Ode Des Morgens, wofür sich in den ersten Entwürfen der entsprechende Titel Morgenphantasie findet. Beide Werke erschienen zuerst in dem von Johann Leonhard Hadermann herausgegebenen Britischen Damenkalender und Taschenbuch für das Jahr Achtzehnhundert.

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft’ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh’ und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb’ und Leid! –
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Xenia Marita Riebe - Scisco

Xenia Marita Riebe – Scisco Acryl auf Leinwand – 40x60cm

Es sind zwei Sichtweisen, die den ambivalenten Charakter des Gedichts bestimmen. Da ist zum einen das abendliche Idyll einer arkadischen Landschaft mit dem rechtschaffenden Landmann (Pflüger), der nach getaner Arbeit seinen wohlverdienten Feierabend genießt. Dem Wanderer, der hier als erzählendes Subjekt fungiert, erscheint sogleich auch die Vision ferner Städte, in denen Schiffer dem heimatlichen Hafen zustreben, der geschäftige Lärm verrauscht und Menschen sich fröhlich und entspannt der abendlichen Ruhe hingeben. Da ist zum anderen das lyrische Ich, das zu diesem harmonisch geregelten Ablauf von Arbeit und Ruhe und diesem wohligen Gefühl der Entspannung und Genugtuung nach getaner Arbeit keinen Zugang hat, Wohin denn ich? das von all dem ausgeschlossen bleibt, fremd und allein in seinem Schmerz: warum schläft denn / Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Aus diesem bitteren Gefühl scheint (in der vierten Strophe) ein Wunschbild auf, der Abendhimmel ein Fantasiebild himmlicher Sphären, eine goldene Welt, die dem ausgegrenzten einsamen Ich Lieb und Leid zerrinnen läßt. Doch dieser Zauber flieht mit der aufkommenden Dunkelheit, die nahende Nacht vor Augen, wird sich das ICH seiner Verlassenheit bewußt: dunkel wirds und einsam / Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

In dieser letzten Strophe scheint scheint sich so etwas wie die Versöhnung mit der Wirklichkeit zu zeigen. Doch wirkt dies auf mich eher wie ein hilfloser oder gar verzweifelter Versuch die bittere Wahrheit des ausgegrenzten Selbst durch eine konstruiert wirkende Relativierung erträglicher zu machen. zu viel begehrt das Herz – Was begehrt es denn schon? Ein wenig soziale Nähe, einen Ort der Ruhe nach der „Arbeit“. Der Trost der Jugend ist ganz gewiss das Alter nicht, auch hier Verzweiflung und letztlich Hoffnungslosigkeit.

Hölderlin schrieb diese Ode vor dem Hintergrund einer unglücklichen Liebesbeziehung. Er musste seine Stellung als Hauslehrer aufgeben, verarmt, erniedrigt und augegrenzt von der bürgerlichen Gesellschaft – dunkel wird’s und einsam – Hölderlin, unzweifelhaft hier das lyrische ICH in seiner Ausweglosigkeit und seinem Leid, hinterläßt uns dieses wundervolle Werk. Konnten nicht diese klangvollen Verse in ihrer wohltuenden Rhythmik, diese wohlgewählten,ausdrucksstarken Worte auch auf das Selbst des Schreibenden reflektieren und auf diese Weise tröstend wirken?

Die sprachliche Form

Metrik

Hölderlin benutzt in diesem Gedicht die aus der antiken Metrik bekannte alkäische Strophe. Dies ist eine nach dem griechischen Dichter Alkaios benannte Strophenform. Es ist eine vierzeilige Odenstrophe, deren ersten beiden Verse 11, der dritte 9 und der vierte 10 Silben haben, wobei die ersten beiden Verse eine Zäsur nach der fünften Silbe haben.

In den Strophen wird auf den Reim und auf ein Gleichmaß im Sinne einer Alternation von Hebungen und Senkungen verzichtet. Hinzu kommt, dass der Rhythmus umschlägt:

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt

Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.

Gastfreundlich tönt dem Wanderer im

Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

während die ersten drei Verse mit einer Senkung beginnen, stehen am Anfang des vierten Verses eine auffällige Hebung und zwei Senkungen, also Daktylus, gefolgt von einem weiteren Daktylus und zwei Trochäen, sodass dieser Schlussvers – im Gegensatz zu den beiden aufs Zeilenende hin gewichteten Anfangsversen – einen Anfangsgipfel aufweist und dann allmählich ausströmt.

Enjambement

Ein Enjambement ist ein Zeilensprung. Man spricht von einem Enjambement, wenn das Satzende nicht mit dem Versende zusammenfällt, sondern ein Satz- oder Sinnzusammenhang über die Versgrenze hinweg fortgeführt wird.

Zuweilen trennt ein Enjembement auch syntaktisch zusammengehörende Wortgruppen (z. B. Artikel, Substantiv, Subjekt und Prädikat). Dann spricht man von einem harten Enjambement.

In dem Gedicht – wie überhaupt in der Lyrik Hölderlins – treten auffälig viele Enjambements auf:

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt;
o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! –
Doch, wie verscheucht von höriger Bitte, flieht
Der Zauber;
dunkel wird’s und einsam
Unter dem Himmel,
wie immer, bin ich –

Das Enjambement möge droben / In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! ist in ein hartes Enjambement, weil sich der Sinnzusammenhang über die Strophengrenze hinweg erstreckt (Strophenenjambement) und auch das Syntagma (möge … zerrinnen) unterbrochen wird.

Inversion

Eine stilistische Inversion mit der Nachstellung des Subjekts ans Satzende finden wir gleich in der ersten Strophe:

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt / Der Pflüger,

Die Ruhe des Bauern, der seine Arbeit getan hat, wird in den Satzbau übernommen, indem dieser der chronologischen Abfolge des Arbeitstages angepasst wird, das Subjekt – der Pflüger – am Ende des Satzes ruhend am Ende des Tages. Hölderlin benutzt zudem das Wort Pflüger und nicht die auch damals gebräuchlichen Begriffe Bauer oder Landwirt und betont so die schwere Arbeit auf dem Acker, um so wiederum einen besonderen Akzent zu setzen auf die wohlverdiente Ruhe am Abend.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh’ und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Das lyrische ICH taucht hier, gleichsam als Aufschrei verstörend auf, Wohin denn ich? – Der Rhythmus der folgenden Verse wird ruhig, gleichförmig, die Bilder der ersten beiden Strophen refektierend: Es leben die Sterblichen / Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh’ und Ruh / Ist alles freudig – Es folgt die in eine Frage gekleidete Zuspitzung: warum schläft denn / Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Hier wird durch eine Inversion der Fokus auf das leidende Subjekt gesetzt und der bislang ruhige Rhythmus jäh unterbrochen.

Metapher / Allegorie

Als Beispiel einiger kunstvoll gebrauchter Stilmittel mag die vierte Strophe dienen:

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben

Die Strophe beginnt beschreibend und wird durch hinzutretende rethorische Figuren eindrucksvoll bereichert. Die Metapher des Frühlings steht für die Jugendjahre im Sinne von Frühling des Lebens, hier gebraucht zum Ausdruck einer unerfüllten Sehnsucht. Diese Frühlingsmetapher wird in den folgenden Versen zur Allegorie, also zu einer Art komplexen Metapher. Hier betont durch das in veränderter Form benutzte Verb „blühen“- in der ersten Zeile metaphorisch –blühet ein Frühling – und in der folgenden – blühn die Rosen – in seiner eigentlichen Bedeutung. Ebenso der Ausdruck die goldne Welt mit der Metapher sowohl für das Unvergängliche als auch für das Gute und Schöne trägt zum Reichtum der in diesem Gedicht verwendeten Sprache bei.

Ich möchte mit einem Hölderlin-Zitat schließen, das – wie ich meine – sehr gut die Anbivalenz im Denken des Dichters, wie sie auch in dieser Ode aufscheint, wiedergibt:

Wer darf denn sagen, er stehe fest, wenn auch das Schöne seinem Schicksal entgegenreift, wenn auch das Göttliche sich demütigen muß und die Sterblichkeit mit allen Sterblichen teilen!

(Friedrich Hölderlin: Hyperion – Kapitel 35 – Hyperion an Bellarmin)

Bernd Riebe

Please follow and like us:

Reisen, Filmen, Schreiben.. sind so die für mich wichtigsten Nebenbeschäftigungen

Getagged mit: , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Wordpress Anti-Spam durch WP-SpamShield