Deutsch – Kubanische Hochzeit in Havanna – Teil II

Teil II

Eine abenteuerliche Busfahrt

Zwei Tage vor der Trauung war ich bei Enrique und seiner Mutter zum Essen eingeladen. Es gab wie immer Reis mit schwarzen Bohnen, aber der Abend wurde sehr nett. Enriques Onkel und Tante waren bereits zur Hochzeit angereist und aßen mit uns. Besonders die Tante war sehr lustig, der Onkel eher zurückhaltend. Doch dann wurde es Zeit für mich, ins Hotel zurückzufahren. Wir hatten überlegt, dass ich mit dem Bus fahren könne, der in der Nähe von Enriques Haus in St. Miguel de Padron hielt und auf direktem Weg nach Playa fuhr, wo ich wohnte. Lindas Brautkleid sollte ich mitnehmen, damit es im Hotel noch ein wenig aushängen konnte. Wir packten das Kleid in Lindas Handgepäckkoffer und machten uns auf den Weg zur Bushaltestelle. Es war bereits dunkel und wir warteten lange auf den Bus. Enrique hatte mir eine Münze gegeben, die in etwa 10 Eurocent entsprach und mir eingeschärft, ja nicht mehr zu bezahlen. Als der Bus kam, verabschiedeten wir uns und ich stieg ein. Ich legte dem Fahrer meine Münze auf sein Tischchen und bekam eine Fahrkarte.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle hatten Linda und Enrique darüber diskutiert, wie lange die Fahrt bis nach Playa dauern würde. Enrique sagte, dass sie eine Stunde dauere, während Linda darauf bestand, dass ich in 30 Minuten in Playa sein müsste. Sie sagte, sie sei die Strecke selbst schon gefahren und Enrique hätte einfach kein Zeitgefühl. Ich ging also davon aus, in einer halben Stunde im Hotel zu sein. Gelassen saß ich recht weit hinten im Bus und versuchte, durch die total verdreckten Scheiben etwas von der Fahrstrecke zu sehen. Dabei hielt ich meine Armbanduhr fest im Blick. Nach 30 Minuten Fahrtzeit stand ich auf und stellte mich gegenüber der hinteren Tür auf die Plattform, die für Kinderwagen vorbehalten ist. Dort öffnete ich ein kleines Schiebefenster und lugte nach draußen. Ich hatte allerdings keine Ahnung, welche Strecke der Bus fuhr und ich erkannte auch nichts wieder. Nach ein paar Minuten wurde ich unruhig, denn ich glaubte ja, dass wir – nach Lindas Einschätzung – schon in Playa sein sollten. Also nahm ich den Koffer mit dem Brautkleid, den ich nicht unbeaufsichtigt lassen wollte – es war ja nicht auszudenken, was geschehen sollte, wenn er mir gestohlen würde – und ging nach vorn zum Fahrer. Dort stand eine Frau, die scheinbar zum Fahrer gehörte. Diese fragte ich, ob wir schon in Playa seien. Sie fragte, wo ich denn hin wolle und ich nannte mein Hotel. Daraufhin zuckte sie nur mit den Schultern, wandte sich wieder dem Fahrer zu und redete auf ihn ein. Ich ging zurück zu meinem Schiebefenster und klemmte mir den Koffer fest zwischen die Beine. Aber so angestrengt ich auch nach draußen schaute, ich konnte nichts erkennen, was mir irgendwie bekannt vorkam. Gerade überlegte ich, dass ich besser aussteigen und mit einem Taxi zum Hotel fahren sollte, als die Frau mich nach vorn rief. Ich ging zu ihr und sie bedeutete mir, dass es noch neun Stationen bis zum Hotel seien. Sollte ich ihr glauben? Hatte sie überhaupt verstanden, wohin ich wollte? Ich war unsicher. Inzwischen war der Bus schon 40 Minuten unterwegs. Wieder zurück an meinem Platz schaute ich weiter in die dunkle Stadt. Nach wenigen Minuten erkannte ich plötzlich einen kleinen Tunnel, der vor dem Bus auftauchte und durch den er nun fuhr. Den Tunnel kannte ich. Durch ihn war ich schon mit dem Privattaxi in den Stadtteil Playa hineingefahren. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich nun feststellte, dass ich hier und dort etwas wiedererkannte. Schließlich tauchte auch das H10 aus dem Dunkel auf und ich stieg an der nächsten Haltestelle aus. Die Fahrt hatte exakt eine Stunde gedauert. Enrique hatte also Recht gehabt. Erleichtert überquerte ich die breite Hauptstraße und zog meinen Koffer die Auffahrt zu Hotel hinauf. Ich war froh, als ich das Brautkleid sicher in mein Zimmer gebracht hatte.

Enriques schöne Hochzeitsschuhe

Zu guter Letzt brauchte Enrique noch neue Schuhe, denn seine „Ex-Muh“ Schuhe – so versuchte er uns bei unserem ersten Aufenthalt zu erklären, dass diese aus Leder waren – waren völlig verschlissen und hatten Löcher in den Sohlen. Man muss wissen, dass Enrique in Havanna täglich ungefähr zehn Kilometer zu Fuß geht und er hat nur ein Paar Schuhe.

Wir fuhren also zu dritt in die City und fanden auch ein Schuhgeschäft. Dort gab es vielleicht dreißig Paar Herrenschuhe, die fein säuberlich auf modernen Wandhaltern aus Acrylglas standen. Ein bisschen wie in einem Museum, fand ich. Enrique steuerte sofort auf ein Paar schwarze Lackschuhe zu und betrachtete sie mit Kennermiene. Er probierte sie an, sie passten und er wollte kein zweites Paar mehr anziehen. Ganz offensichtlich hatte er sich in die schönen Schuhe verliebt. Also kauften wir sie. Sie waren für kubanische Verhältnisse unerschwinglich teuer, für uns aber bezahlbar. Danach gingen wir zur Feier des Tages in ein Cafè und tranken Eiskaffee mit Rum. Von unserem Platz aus konnten wir den Malecon und dahinter das Meer sehen. Immer noch zogen dunkle Wolken über den Himmel und ein Regenschauer nach dem anderen zog an Land. Auch der Sturm hatte noch nicht nachgelassen und beutelte die Palmen, die auf dem Platz vor einem Hotel standen. Wie soll das nur am Hochzeitstag werden, fragte ich mich besorgt. Linda und Enrique schienen allerdings ganz gelassen. Sie scherzten miteinander und Linda ließ Enrique, der wiedereinmal ein Malzbier trank, von ihrem Eiskaffee kosten. Mit den Schuhen für den Bräutigam war ein wichtiges Puzzle zur Ausstattung hinzugekommen.

Nach und nach fand sich alles ein, auch wenn die Besorgungen unter kubanischen Verhältnissen das Brautpaar ziemlich erschöpften. Dies lag nicht nur an der drückenden Schwüle, sondern auch an den entnervenden Wegen, die für Alles und Jedes unter schwierigen Bedingungen – ohne Auto – zurückgelegt werden mussten.

Der Tag der Hochzeit

Dann war er endlich da, der Tag der Hochzeit.

Die Braut kleidet sich an

Linda kam morgens gegen acht Uhr in mein Hotelzimmer, um sich dort zu duschen und ihr Brautkleid anzuziehen. Sie war schon ziemlich entnervt, weil im Hause Guisado-Triay nicht alles nach Plan gelaufen war und sie sich deshalb verspätet hatte. Nach einem kleinen Imbiss – ich hatte wie immer etwas zu essen aus dem Frühstücksraum mitgebracht – begann Linda sich zurechtzumachen. Die junge Kubanerin, die sie frisieren sollte, hatte abgesagt, was mich nicht sonderlich wunderte. Linda war sehr tapfer und ließ sich davon nicht beeindrucken. Jede andere Braut wäre ohne Frisörin hilflos gewesen, aber Linda hatte sich wohl schon so sehr mit der kubanischen „Verlässlichkeit“ abgefunden, dass sie kein großes Aufheben davon machte.

„Sag mal, kannst du noch einen Bauernzopf flechten?“, fragte Linda mich so nebenbei.

Ich wusste es nicht, denn ich hatte, seit der Kindertage meiner Töchter, nie mehr Gelegenheit gehabt, dies auszuprobieren. Doch ich musste es wohl versuchen! Ich begann zuerst zaghaft, dann immer sicherer, an Lindas rechter Schläfe einen Bauernzopf zu flechten. Als ich am Hinterkopf angekommen war hielt Linda den Zopf fest und ich nahm mir die linke Haarseite vor. Die beiden so entstandenen Zöpfe fügte ich mit einem Gummi zusammen. Marion, eine deutsche Touristin, die ich zusammen mit ihrem Mann Frank während des Flugs nach Havanna kennengelernt hatte und die auch im H10 Miramar wohnte, hatte Linda ein paar Haarklämmerchen gegeben. Diese benutzte ich nun, um die Haare, die partout nicht in den beidseitigen Bauernzöpfen bleiben wollten, zu fixieren. Linda war sehr tapfer. Sie hielt still, auch wenn ich sehr stramm flechten musste, damit die Zöpfe den Tag überstehen konnten. Anschließend schminkte sie sich nach einer Anleitung ihrer Freundin Chiara selbst und kam dabei immer wieder ins Schwitzen. Keine leichte Aufgabe für eine aufgeregte Braut, die sich normalerweise nie schminkt. Linda war wirklich nicht zu beneiden. Ich musste dabei häufiger an meine eigene weiße Hochzeit denken. Ich war damals 18 Jahre alt und auch mir hatte niemand geholfen. Ich hatte mit allein das Haar gemacht und mich geschminkt und danach sogar selbst das Brautauto geschmückt und mir dabei den Nagellack ruiniert. Nur, dass ich es gewöhnt war, mich zu schminken, denn ich hatte bereits mit 14 Jahren damit angefangen. Und nun war meine Tochter in derselben Situation und das auch noch in den Subtropen. Zum Glück war ich bei ihr und konnte ihr ein wenig helfen.

Schließlich war Linda soweit fertig und ich konnte ihr in den Reifrock und danach in das Hochzeitskleid helfen. Als wir dies bewerkstelligt hatten, trat sie vor den Spiegel, um alles zu kontrollieren. Sie sah fantastisch aus! Leider hatte sie vergessen, das Lipgloss aufzutragen, was wir aber beide nicht bemerkten. Dies fiel uns erst auf der Fahrt zum Standesamt ein. Es war schade, aber nicht tragisch.

Mein Seidenkleid war schnell übergestreift. Nun musste ich noch mit dem Fahrstuhl in die 11 Etage fahren um den Sekt abzuholen. Ich war 10 Minuten zu spät, was mir auch gleich vorgehalten wurde. Und schon fuhren wir mit dem Lift hinunter zur Lobby. Dort warteten Marion und Frank auf uns, die mit zum Standesamt kommen wollten. Marion machte ein schönes Foto von Linda. Vor dem Hotel wartete ein maigrüner Oldtimer mit Fahrer, der uns den ganzen Tag, für die Kleinigkeit von 80,-Dollar, zur Verfügung stand. Wir stiegen ein und fuhren in Richtung Standesamt, das nicht weit entfernt lag. Die Stimmung im Auto war gut, wir lachten und scherzten. Wir hatten Enriques Krawatte bei uns, die Marion, die Expertin darin war, für ihn gebunden hatte. Der Sekt war kalt, alles schien in bester Ordnung zu sein.

Ankunft am Standesamt

Was war das eine Freude, als Linda aus dem Wagen stieg! Enriques Eltern und Verwandte, Lindas und Enriques Freunde, die Trauzeugen und die Übersetzerin warteten und begrüßten die Braut enthusiastisch. Auch Enrique wartete natürlich auf seine Braut. Er war sichtlich nervös. Sein weißes Hemd stand offen und er schwitzte in seinem Anzug mit Jackett und Weste. Es war wie immer sehr heiß und die Sonne stach durch einen mit dünnen Wolken verhangenen Himmel. Alle begrüßten sich freudig, der arme Bräutigam musste seine Krawatte anlegen und dann warteten wir. Das Gefühl für die Zeit des Wartens war mir abhanden gekommen. Ich erinnere nur, dass irgendwann jemand nach Lindas Reisepass verlangte. Doch dieser lag bei Enrique zu Hause in St. Miguel del Padron, einem weitentfernten Stadtteil von Havanna. Nicole, die Übersetzerin, erklärte sich bereit, Linda und Enrique dorthin zu fahren, denn in ihrem Auto funktionierte die Klimaanlage. Im Brautauto gab es zwar auch eine Klimaanlage, aber ein Seitenfenster war geöffnet und ließ sich nicht mehr schließen, weshalb der Fahrer die Anlage ausschalten musste. In der Hitze des Tages konnte natürlich niemand dem Brautpaar zumuten, in ihrem recht warmen Outfit ohne Klimaanlage quer durch Havanna zu fahren.

Warten vor dem Standesamt

Linda und Enrique waren also entschwunden und die Hochzeitsgesellschaft wartete vor der Tür des Standesamtes in der brütenden Vormittagshitze. Vivian, die Tangotänzerin der ersten Stunde und inzwischen Lindas gute Freundin, vertrieb mir die Zeit damit, mir die Geschichte ihrer großen Liebe zu erzählen, was mich sehr berührte. Nach gefühlten zwei Stunden kam das Brautpaar zurück. Ich hatte inzwischen, trotz der Wolken, einen Sonnenbrand im Nacken. Nach einer weiteren halben Stunde, es war inzwischen beinahe zwölf Uhr mittags, durften wir das Standesamt und das Trauzimmer betreten. Das Standesamt selbst war ein schlichtes Haus mit ockerfarbenem Anstrich. Ein paar Pergolen aus dunklem Holz, die leider nicht mit Pflanzen bewachsen waren, zierten den Eingangsbereich. Das Haus stand in einer Reihe mit ähnlichen Gebäuden, vielleicht ehemalige Villen, die aber dennoch sehr schlicht waren.

Im Trauzimmer

Das Trauzimmer war für deutsche Verhältnisse gewöhnungsbedürftig. Es war quadratisch und recht klein. Es hatte eine dunkle Holzdecke mit einem Kronleuchter in der Mitte. Rundherum bedeckten beige Vorhänge mit floralem Muster die Wände und Fenster. Nur hinter dem Schreibtisch war eine Wand aus dunkelbrauner Holzvertäfelung zu sehen. Dort hing ein großer Spiegel. Der Schreibtisch der Standesbeamtin stammte wohl noch aus der Kolonialzeit und davor standen die beiden einzigen Stühle mi Raum, die für das Brautpaar reserviert waren. Wie ich es ertragen habe, den ganzen Tag in meinen neuen Schuhen zu stehen und zu laufen, ist mir bis heute ein Rätsel. Im Trauzimmer war es heiß, was niemanden verwunderte. Ein Ventilator bewegte die heiße Luft, machte dabei aber einen solchen Lärm, dass die Worte der Standesbeamtin nicht zu verstehen waren. Also wurde er kurzer Hand ausgeschaltet und augenblicklich begann die gesamte Hochzeitsgesellschaft zu schwitzen.

Lindas und Enriques Trauung

Eine junge unsympathische Standesbeamtin nahm emotionslos die Trauung vor, die von der Übersetzerin Nicole für Linda ins Deutsche übersetzt wurde. Dann mussten die jungen Eheleute, die Trauzeugen und die Übersetzerin die Heiratsurkunde unterschreiben. Danach durfte das junge Ehepaar sich einen ersten ehelichen Kuss geben und die Ringe tauschen. Die Gäste applaudierten fröhlich. Alle waren glücklich und berührt. Die kurze schlichte Zeromonie hatte nicht lange gedauert, wohl aber die vielen Unterschriften, besonders, weil Enriques Unterschrift ein kleines Kunstwerk ist, das er nun viele Male geduldig unter die Formulare setzte. Endlich war es geschafft! Linda und Enrique waren Mann und Frau.

Ich holte den Sekt der inzwischen natürlich längst warm geworden war aus dem Beutel, packte die „ausgeliehenen” Gläser aus und verteilte sie. Vivian half beim Öffnen der Flasche und Enrique schenkte schließlich sich und seiner Frau ein. Die beiden tranken aus gekreuzten Gläsern und alle applaudierten erneut. Der restliche Sekt wurde unter diejenigen verteilt, die eines der wenigen Gläser ergattert hatten.

Ich überreichte dem jungen Ehepaar unser Hochzeitsgeschenk, das aus einer schönen brittischen Karte mit deutschen und spanischen Glückwünschen bestand und aus einem Geldgeschenk. Während all dieser Aktivitäten schaffte ich es, immer wieder kurze Szenen mit der Videokamera festzuhalten. Keine leichte Aufgabe, aber ich hatte mir vorgenommen, einen schönen Hochzeitsfilm zur Erinnerung zu drehen.

Weiter geht`s mit Teil III.

Text: ©Xenia Marita Riebe

Fotos: ©Yaset Llerena, Marion Ehrhardt

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