Hier wache ich!

Eva, eine Freundin von mir, ist Chemikerin und arbeitet in einem großen Betrieb hier in der Stadt. Neulich musste sie noch einen Versuch zu Ende laufen lassen und machte deshalb Überstunden. Leider lief etwas schief und sie musste den Versuch wiederholen, was einige Zeit in Anspruch nahm. Eva bemerkte nicht, wie die Zeit verging, denn sie war voll und ganz auf ihre Arbeit konzentriert. Doch dann kam eine Phase des Versuchs, in der es eine längere Wartezeit gibt. Eva überlegte, dass sie die Zeit nutzen könne, um den Büroabfall hinunter in den Müllcontainer zu bringen. Sie sammelte auch die Abfalltüten ihrer Kollegen ein und ging ziemlich bepackt hinunter auf den Fabrikhof. An nichts Besonderes denkend, ging sie gelassen über den Hof, als sie plötzlich lautes Bellen vernahm. Die Wachhunde, dachte sie erschrocken, und schaute auf ihre Uhr. Mein Gott, ist es schon so spät, konnte sie gerade noch denken, als die beiden Schäferhunde schon um die Ecke stoben. Eva fühlte, wie sie blass wurde und wie sie mechanisch die Abfallbeutel auf den Asphalt sinken ließ. Sekunden später griffen die Schäferhunde sie an. Einer kam von vorne, den anderen spürte sie hinter ihrem Rücken. Der Hund, der Augenkontakt mit ihr hatte, sprang an ihr hoch und legte seine Pfoten rechts und links auf ihre Schultern. Sie fühlte seinen heißen, übel riechenden Atem in ihrem Gesicht. Gleichzeitig spürte sie, wie der zweite Hund seine Pfoten von rückwärts auf ihre Schultern legte. Sie hörte sein Hecheln neben ihren rechten Ohr. Eva fühlte, wie ihre Beine schwach wurden und ihr der Schweiß aus allen Poren ausbrach. Ihre Gedanken rasten. Was sollte sie tun? Wenn die Wachhunde frei waren, hieß das, dass alle Beschäftigten die Firma bereits verlassen hatten. Alle Betriebsangehörigen wussten, dass sie sich nach 20 Uhr nicht mehr in der Firma aufhalten durften, denn um diese Zeit wurde das große Tor geschlossen und die Hunde aus ihrem Zwinger gelassen. Schreien half also nichts, niemand war da, der ihr helfen konnte. Dann werde ich wahrscheinlich bis morgen früh mit den Hunden hier stehen bleiben müssen, überlegte sie. Aber sie wusste bereits, dass sie dies nicht durchstehen konnte.
Eva versuchte, ihren ganzen Mut zusammenzunehmen. Sie begann, beruhigend auf die Hunde einzusprechen.
„Ich weiß ja“, sagte sie, „dass ihr hier aufpassen müsst, aber ich gehöre doch zur Firma. Ihr kennt mich doch. Ich gehe doch jeden Tag an eurem Zwinger vorbei.“
Aber sie wusste auch, dass sie nie mit den Hunden gesprochen hatte, denn sie war ein Katzenmensch und mochte keine Hunde. Das bereute sie nun zutiefst. Sie hatte oft Kollegen beobachtet, die mit den Hunden sprachen und ihnen sogar etwas Leckeres zusteckten, auch wenn das verboten war. Diese Kollegen würden jetzt nicht so in Schwierigkeiten sein, dachte sie.
Aber was half es schon? Sie musste versuchen, sich zu befreien, denn es wurde bereits empfindlich kühl und sie trug nur einen dünnen weißen Arbeitskittel.
Auf ihr Sprechen reagierten die Hunde mit einem leichten Knurren, was ihr sehr unangenehm war. Eva ist keine besonders ängstliche Frau. Sie lebt seit vielen Jahren allein in einem freistehenden Haus und unternimmt in ihren Ferien lange Wanderungen, auf denen sie im Zelt irgendwo im Wald übernachtet. Doch das unberechenbare Knurren der Schäferhunde beunruhigte sie sehr. Sie überlegte angestrengt, was nun zu tun sei. Mit den Augen maß sie den Weg zurück zur Tür, die in das Gebäude führte. Das sind gut 150 Meter, viel zu weit, entschied sie. Zu dem Gitterkäfig, in dem die Müllcontainer standen, waren es circa 40 Meter. Die Tür zu diesem, dem Hundezwinger sehr ähnlichen Käfig, stand offen. Mutig machte sie einen Schritt in diese Richtung. Sofort fingen beide Hunde laut zu Bellen an. Eva blieb erschrocken stehen, das Bellen der Hunde klang ab und wurde zu einem grässlichen Knurren. Der Hund, den sie sehen konnte, fletschte kurz seine großen, gefährlichen Zähne. Eva musste sich zusammennehmen, um nicht zu weinen. Sie fühlte sich sehr schwach und hilflos. Es dauerte einige Minuten, ehe sie sich wieder soweit in der Gewalt hatte, einen weiteren Schritt zu wagen. Sie sprach kurz zu den Hunden, um diese abzulenken und machte einen Schritt vorwärts, in Richtung der Container. Doch wieder bellten die Hunde sofort los und sie blieb stehen. Der Schweiß rann ihr inzwischen von der Stirn hinunter und lief ihr ungehindert in die Augen. Der feuchte Atem der Hunde ekelte sie. Sie fürchtete, ohnmächtig zu werden. Doch was würde dann geschehen? Konnte sie sicher sein, dass die Wachhunde sie nicht anfielen, wenn sie auf den Boden sank. Geschichten von völlig entstellten Gesichtern nach Hundeattacken traten vor ihr inneres Auge. Nein, sie durfte nicht schwach werden! Sie musste es so machen, wie sie es bereits begonnen hatte. Sie durfte immer nur einen Schritt wagen und musste dann warten, bis sich die Hunde wieder beruhigten. Dass sie jetzt einen Plan hatte, gab ihr neue Zuversicht. Auch wenn es lange dauern würde, sie konnte es schaffen, den Unterstand für die Container zu erreichen. Dann musste sie nur schnell genug das eiserne Tor zuziehen und sie war gerettet. Kurz dachte sie an ihren chemischen Versuch, der nun aus dem Ruder laufen würde. Die Arbeit von Stunden war also umsonst gewesen. Warum hatte sie auch nicht auf die Uhr geschaut? Sie hätte wissen müssen, dass es zu spät war, die Firma noch zu verlassen. Es war schon ein paar Mal vorgekommen, dass sie nicht früh genug mit der Arbeit fertig geworden war. Dann hatte sie sich einfach im Aufenthaltsraum auf die Couch gelegt und war erst nach Hause gegangen, wenn sie die ersten Kollegen kommen hörte. Aber heute war sie so gefangen von ihrem Versuch gewesen, dass sie darüber alles andere vergessen hatte.
Wieder wagte sie einen Schritt und wieder bellten die Hunde und fletschten die Zähne. Sie fühlte, wie der Hund, den sie im Nacken hatte, Speichel ausspie, der sie am Ohr traf und dort langsam herunterrann. Ein Würgen machte sich in ihrer Kehle bemerkbar, das sie tapfer hinunterschluckte.
Und so ging es weiter. Schritt für Schritt näherte sie sich den Containern, wobei sie eine leichte Drehung vollzog. Als sie nur noch einen Schritt von dem kalten Gitter entfernt war, hatte sie ihre Position soweit verändert, dass der Weg zum Eingang frei war. Zwar standen die Wachhunde nach wie vor mit ihren Pfoten auf Evas Schultern, aber sie hatte sich soweit gedreht, dass die Hunde nun rechts und links von ihr am Zaun standen. Es sollte ihr möglich sein, mit einem Sprung in den Unterstand zu gelangen, hoffte sie. Doch brauchte sie eine Weile, um Mut zu fassen. Jetzt würde sich entscheiden, ob sie heil aus der Bedrohung entkommen konnte. Sie musste mit einem Schritt in die Umgitterung springen und sofort das Tor zuschlagen. Sonst war sie verloren! Innerlich zählte sie bis drei. Dann holte sie tief Atem und sandte ein kurzes Flehen zum Himmel.
„Jetzt!“, gab sie sich selbst das Kommando. Sie tauchte unter den Hunden weg, sprang mit einem Satz in den Käfig, griff nach dem schweren Tor und schlug dieses gerade noch rechtzeitig zu. Die Schäferhunde standen für ein paar Sekunden verblüfft auf dem Hof, doch dann stimmten eine lautes Duett an. Sie bellten, heulten und tobten vor dem Käfig herum. Dabei drehten sie sich ständig um die eigene Achse oder sprangen am Gitter hoch.
Eva sank vor Erschöpfung auf den kalten Boden und begann erleichtert zu weinen. Mochten die Hunde doch ruhig toben, sie war in Sicherheit. Freilich waren bis zum Morgen noch viele Stunden zu überstehen und es graute ihr davor, in ihrem durchschwitzten Kittel frierend hier auszuharren, bis die Arbeiter der Frühschicht kommen würden. Kurz vorher, dass wusste sie, würde der Hausmeister kommen und die Hunde in den Zwinger bringen.
Die Hunde tobten immer noch vor ihren Augen herum und in ihr keimte die leise Hoffnung, dass jemand auf sie aufmerksam werden könnte. Und sie hatte Recht. Ein Mann aus der Nachbarschaft war mit seinem Hund unterwegs und kam am Firmengelände vorbei. Als er die tobenden Hunde hörte, glaubte er, dass sich Einbrecher auf dem Firmengelände herumtrieben. Er rief die Polizei und diese kam nach wenigen Minuten mit einem Hundeführer. Er verstand sich darauf, die Wachhunde zu beruhigen, indem er ihnen eine Leckerei nach der anderen gab und ruhig mit ihnen sprach. Dabei trug er allerdings Bein- und Armschoner aus dickem Leder. Schließlich ließen  sich die Schäferhunde lammfromm in den Zwinger bringen. Eva kam unsicheren Schrittes aus ihrem geschützten Bereich hervor. Eine Polizistin begleitete sie zurück in ihr Labor und fragte unterwegs, wie Eva in die missliche Lage gekommen war. Eva erklärte alles und gab zu, dass sie sich fahrlässig in die bedrohliche Situation gebracht hatte.
Bevor sie sich umzog, warf sie noch kurz einen Blick auf ihren Versuch. Er war längst abgelaufen und die Ergebnisse schienen völlig falsch zu sein. Aber das störte Eva nicht weiter. Sie ließ sich von der Polizistin nach draußen begleiten, stieg in ihr Auto und fuhr davon.

Text und Foto: © Xenia Marita Riebe

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