Irisches Tagebuch – 8.11.2017 – 2. Teil – Die Piratenbraut

Crookhaven – Ein Zusammentreffen mit einer Piratenbraut

Kaum sind wir mit unserem kleinen Nissan losgefahren, werden auch schon Erinnerungen wach. Die erste Strecke bergauf – hier zieht sich eine mäßige aber sehr lange Steigung bis zur Einmündung der „Hauptstraße“ – sind wir in früheren Jahren gejoggt. Und auch auf der weiteren Fahrt sprechen wir darüber, was wir hier schon erlebt haben. So gingen wir einmal zu Fuß bis nach Goleen und den halben Weg wieder zurück, was immerhin 23 Kilometer waren. Auf dieser Wanderung bestiegen wir sogar noch einen Berg, nur weil wir mal schauen wollten, was da oben für ein merkwürdiger Turm steht. Was es mit diesem auf sich hatte, habe ich inzwischen vergessen. Aber wir können ja bei Gelegenheit noch mal nachschauen. Nach Goleen wanderten wir damals, um dort in einem schönen Restaurant namens „Heron Cove“ zu Mittag zu essen. Anschließend wollten wir mit dem Bus nach Schull zurückfahren. Leider hatte aber das Restaurant geschlossen und der Bus fuhr nicht. Also gingen wir zu Fuß zurück und hofften, unterwegs ein Auto anzuhalten, dass uns mitnehmen würde. Doch wir hatten Pech, niemand hielt an. Als wir am Abend unseren Freunden davon erzählten, sagte Tom augenzwinkernd zu mir: „Bernd hätte sich im Straßengraben verstecken sollen. Dann hätte bestimmt jemand angehalten.“ Dies war vor dem Internet- und Handyzeitalter, das es auch einmal gegeben hat.

Auf halber Strecke nach Goleen kommen wir auf der R591 an einem Keilgrab aus der Steinzeit vorbei. Der Wedge Tomb von Altar, oder auf gälisch Tuama Dingeach na hAltóra, wurde hier vor 3000 bis 2000 Jahre vor Chr. errichtet und diente später auch christlichen Priestern als Altar. Er steht auf einem ebenen Platz unmittelbar an einer tief eingeschnittenen Meeresbucht, der Toormoor Bay. Kurz vor Goleen führt die Straße durch einen der seltenen Wälder Irlands, der freilich recht klein ist und den in Deutschland niemand als Wald bezeichnen würde. Hier ist er aber etwas Besonders, denn in Irland gibt es keine größeren Naturwälder mehr. Im 17. Jahrhundert wurden diese durch die zerstörerische Politik Oliver Cromwells größtenteils gerodet. Der Holzbedarf der Schiffswerften, Glashütten und Metallschmelzen sorgte dafür, dass im Jahre 1901 nur noch ein Prozent der Insel mit Wald bedeckt war. Heute versucht man die Wälder mit EU-Fördermitteln wieder aufzuforsten. Bis 2030 sollen wieder 17 Prozent Irlands bewaldet sein. Ein ehrgeiziges Projekt.

In Goleen biegen wir ab nach Crookhaven oder auf gälisch An Cruachán. Der kleine Fischerort liegt auf einer schmalen Landzunge jenseits eines tiefen Meereseinschnitts. Hier scheint die Welt wirklich zu Ende zu sein. Um nach Crookhaven zu kommen, müssen wir die tiefe weite Bucht umfahren. Dabei kommen wir an zwei sehr schönen Sandstränden vorbei. Da Ebbe ist, ragen schwarze Felsen aus dem Watt hervor.
Crookhaven selbst liegt am Ende der Landzunge und die Straße dorthin ist eine echte Sackgasse. Im Ort gibt es einige wenige Häuser, von denen allein drei Pubs sind. Einer davon hat heute geöffnet. „O`Sullivan`s Pub“, steht auf einem Wandgemälde am Giebel und darunter, „The Most Southerly P(o)int in Ireland“. Das Gemälde zeigt den Fastnet Leuchtturm, der hier vor der Küste liegt. Vor dem Pub werden wir von fünf Hunden unterschiedlicher Größe und Rasse begrüßt, die alle aus den Kofferräumen von zwei Autos springen. Darin hat jemand ihnen mit Decken und Kissen einen Aufenthalt geschaffen. Die Hunde sind müde. Sie strecken sich, gähnen und beginnen dann, mit den Schwänzen zu wedeln. Drei von ihnen folgen uns in die Gaststube. Ein mittelgroßer, langer Hund mit gelbem Fell schnuppert aufdringlich an mir herum. Ich verscheuche ihn und er trollt sich. O`Sullivan`s ist bekannt für seine köstlichen Open Crab Sandwiches, von denen wir auch gleich zwei bestellen und dazu zwei Glas Murphy`s.

Hund O`Sullivans Barr Crookhaven

Während wir auf das Essen warten, erinnere ich eine Begebenheit, die ein paar Jahre zurück liegt. Damals kehrten wir hier an einem Spätsommerabend ein. Im Pub herrschte Hochbetrieb. Alle Plätze an der Theke waren besetzt. Männer redeten laut über den Fischfang vom Morgen. Frauen saßen an den Tischen und besprachen die letzten News des Dorfes. In der Mitte des Pubs stand ein Billardtisch, um den herum drei Spieler standen. Ein Mann beugte sich konzentriert über den Tisch, denn er wollte gerade eine Kugel gezielt in ein Loch befördern. Neben ihm stand ein weiterer Mann in abgerissener Kleidung. Wahrscheinlich ein Bauer aus der Umgebung. Am Auffälligsten aber war eine junge Frau. Wie diese in das verlassene Nest gekommen war, frage ich mich noch heute. Ihre Erscheinung war so extravagant, dass sie einem Piratenfilm entsprungen zu sein schien. Sie war groß und schlank und drehte gerade gedankenverloren die Spitze ihres Billardstocks im Kreidewürfel. Woran sie wohl dachte? Sie schien die Frau eines Piraten zu sein und sicherlich fragte sie sich gerade, ob ihr Liebster den letzten Überfall auf ein Handelsschiff der Engländer überlebt hat. Sie legte den Kreidewürfel zur Seite und spielte mit ihren langen schlanken Fingern in ihrem dunklen krausen Haar, das sie mit einem Band aus der Stirn gehalten hatte. Von diesem Band baumelten bunte Federn herab, die sich in ihrem zerzausten Haar verfingen. Jetzt war die Piratenbraut am Zug. Sie beugte sich geschmeidig wie eine Gerte vor und fixierte mit der Pomeranze des Stocks die Billardkugel. Ihr olivgrüner enger Wildlederrock war so kurz, dass er den Blick auf ihre schmalen Schenkel bis weit hinauf freigab. Ihre wohlgeformten Beine waren mit Netz bestrumpft und steckten in kniehohen Lederstiefeln. Sie trug einen weiten weichen Pullover in indischgelb, dessen Wasserfallkragen tief herabhing und den Blick auf allerlei Halsketten freigab, darunter ein schweres Kreuz mit roten Steinen besetzt. Auch war er ihr über eine Schulter gerutscht und gab dort die nackte Haut preis. Ein schmaler oranger Träger war dort zu sehen, der zu einem Body gehörte, der dort, wo der Pullover durch seinen ungewöhnlichen Schnitt – hinten lang, vorne kurz – den Bauch freiließ, zu sehen war. Während ich die Schöne noch musterte, hatte sie ihre Kugel gut platziert und lachte erfreut auf. Dann war der Bauer an der Reihe und die Piratenbraut zog ein Päckchen Zigaretten aus dem Bund ihres Rockes und ließ sich von ihrem Mitspieler Feuer geben. In der Flamme des Zündholzes glommen ihre schwarzen Augen auf. Sie lachte wieder und warf dabei ihre üppige Haarmähne zurück. Ihr großer Mund gab eine Reihe von kräftigen weißen Zähnen frei. Der Bauer verpatzte und schoss seine Kugel an die falsche Bande. „Aha!“, entfuhr es der Frau erfreut und sie zog gierig an ihrer Zigarette.

Die Bedienung stellt unsere Crab-Sandwiches vor uns hin, und die Erinnerung ist verflogen. Eine Katze stellt sich ein, die unbedingt mitessen will. Sie klettert auf den Stuhl an der gegenüberliegenden Seite des Tisches, aber Bernd verscheucht sie. Das Sandwich, eigentlich ein dunkles Brot, das mit viel Salat garniert ist, schmeckt herrlich. Nirgendwo sind die Krabben so frisch wie hier. Und dazu ein Stout. Köstlich!

Als wir aufgegessen haben, sitzt plötzlich die Katze wieder auf dem Stuhl und schaut enttäuscht auf meinen leeren Teller. Aber ich habe ein paar Krabben für sie aufgehoben und füttere sie damit.
Heute ist es im Pub sehr ruhig. Nur wenige Gäste verirren sich an einem Novembertag nach Crookhaven. Auch wir brechen bald wieder auf, denn wir wollen noch bei Tageslicht zurückfahren. Doch wir werden bald wiederkommen, denn dieser Outpost gefällt uns mit seiner gelassenen Stille und seiner immer gleichen Ursprünglichkeit.

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe

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