Reisetagebuch Südwest – Irland – Colla Walk

Mein Mann Bernd und ich verbrachten eine Zeit im kleinen Fischerort Schull in Südwest Irland und erkundeten die Mizen Peninsula.

Tag 2 – 4.11.2017
Wetter: sonnig, mit wolkenlosem Himmel – Temperatur 9 Grad – frischer Nordwind

Wir frühstücken mit Homemade Irish Bread, Kerrygold Butter, Barrys Tea, Weetabix, Luxury Muesli und Homemade Irish Whiskey Marmalade. Das alles schmeckt köstlich und wir erholen uns langsam vom anstrengenden Reisetag. Beim Frühstück verabreden wir, jeden Morgen den Colla Circle zu wandern. Das ist ein Rundwanderweg, der direkt hinter unserem Cottage beginnt. Er führt den Wanderer ca. 6 Kilometer über Hügel und Küstenstraße und bietet die herrlichsten Ausblicke. Also in die Wanderschuhe und los!

Es ist recht kalt, denn wir sind früh aufgestanden und die Sonne steht noch nicht lange am Himmel. Da ein Ausläufer des Azorenhochs nach Südirland hinüberleckt, ist es klar, aber leider nur 9° warm und ein frischer Nordwind bläst uns ins Gesicht. Kaum sind wir aus dem Haus, als ich auch schon das erste Foto mache. Unser Cottage liegt so friedlich in der Morgensonne, dass ich nicht widerstehen kann. Auch die Meeresbucht, in die sich der kleine Fischerort Schull kuschelt, liegt im schönsten Sonnenlicht. Doch dann geht es uphill und nach einem recht steilen Anstieg schauen wir zum ersten Mal auf den offenen Atlantik. Freilich ist hier noch Long Island vorgelagert, aber dahinter ist nichts als Ozean, bis nach Amerika. Wir stehen und staunen. So schön kann die Welt also sein. Klarer blauer Himmel, tiefblaues Meer, grünes Gras, mit weidenden schwarz-weißen Kühen darauf. Ein Werbefoto? Nein, das ist, was wir bereits nach 150 Metern unserer Wanderung sehen.
Wir kommen an einem Bauernhof vorbei und werden von den Hofhunden verbellt. Aber wir haben unsere Weidenstöcke mitgenommen und so haben die Hunde Respekt. Kurz darauf sehe ich die ersten Schafe. Sie stehen hoch oben auf dem Grat und sind vor dem blauen Himmel deutlich zu sehen. In einer Gruppe zu sieben Tieren stehen sie dort und schauen zu uns hinunter. Vor uns auf dem Weg streiten sich zwei Buchfinken um ein Weibchen. Laut zwitschernd hüpfen die Hähnchen herum, während das Weibchen gelassen etwas vom Boden pickt. Hier gibt es viele Vögel und sie sind rund ums Jahr aktiv.
„If I were a bird, I would live in Ireland!“ sagte Bernd.

Auch Blumen blühen überall. Der Ginster streckt seine gelben Blüten aus den Dornen und Hortensien blühen hier, wie bei uns nur im Sommer. All dies tut der Seele gut.
Etwas später kommen wir an meinem Traumhaus vorbei. Es steht wie eh und je stolz an der Flanke eines Hügels, umgeben von einem wunderbaren tropischen Garten. Dieses Haus, mit seinem Ausblick auf den Atlantik, macht mich seit jeher neidisch auf seine Besitzer. Zwar hat hier beinahe jedes Haus Seeblick, aber keines hat einen solch verwunschenen Garten wie dieses. Wieder erwacht unser alter Traum zu neuem Leben und wir fantasieren, wie schön es wäre, in Schull zu leben. Häuser sind zur Zeit reichlich auf dem Markt. Überall sieht man das Schild des Maklers James Lyons O`Keeffe. Vor Jahren haben hier Engländer je drei bis fünf Häuser gekauft. Die wollen sie scheinbar angesichts des Brexit wieder abstoßen. Trotzdem sind die Preise noch beachtlich. Ein annehmbares Haus an der Colla Road ist nicht unter 395000 € zu haben
Vom Summit geht es nun hinunter in eine Senke. Dort müssen wir an einem ziemlich verfallenen Bauernhof vorbei, wo zwei hinterlistige Hunde Wache halten. Wir kennen sie schon von den Wanderungen der letzten Jahre und wissen, dass wir sie mit unseren Stöcken in Schach halten müssen. Die beiden sind klassische „Wadenbeißer“, schleichen sich von rückwärts an und schnappen zu. Doch auch sie haben Respekt vor einem Stock. Und so zeigen wir unsere Weidenruten immer wieder – sprechen ist dabei unnötig, die Hunde verstehen auch so – und kommen so unbeschadet am Hof vorbei. Nur wenige Meter weiter entdecken wir in einem der raren Wäldchen ein altes Auto. Es ist beinahe vollständig überwachsen und Bernd meint, dass sich die Natur so alles zurückerobern würde, sollte der Mensch einmal nicht mehr sein.

Der Weg steigt wieder an und uns öffnet sich der Blick auf eine runde Insel, bewaldet, mit einem herrschaftlichen Haus in der Mitte. Welch ein Platz zum Leben! Vor uns auf der Weide stehen zwei alte Ziegenböcke. Einer von ihnen trägt eine fiedrige grüne Pflanze an seinem gebogenen Horn. Diese hängt zwischen seinen Augen hinunter und ich finde, dass der Bock sehr extravagant damit aussieht. Leider ist die Entfernung für ein Foto mit meinem Smartphone zu groß. Was waren das noch für Zeiten, in denen wir einen richtigen Fotoapparat mit Teleobjektiv bei uns hatten!
Wir gehen an einem Hause vorbei, das den gälischen Namen „An Croc“ trägt und auf dessen Einfahrt üppige Palmen wachsen. Palmen sind in West Cork häufig zu sehen, denn das Klima ist hier rund ums Jahr mild. Das liegt am Golfstrom, der die Küste Irlands streift. Ein wenig irritiert suchen wir einen alten Pub, in dem wir bei früheren Aufenthalten manches Bier getrunken haben. Aber das schöne alte Haus, das aus seiner Gaststube einen herrlichen Ausblick auf das Meer bot, ist nicht mehr da. An seiner Stelle steht eine Reihe von neuen Ferienhäusern. Auch in Schull bleibt die Zeit nicht stehen! Überhaupt entdecken wir immer wieder Häuser, die beim letzten Mal noch nicht da waren. Zwei Neubauten sind im Rohbau aufgegeben worden und bieten keinen schönen Anblick.
Bisher ist uns auf unserer Wanderung noch kein Mensch und kein Auto begegnet. Nun sehen wir im kleinen Fährhafen – von hier verkehrt eine Personenfähre nach Long Island – zwei Männer, die Algen aufsammeln und in Schubkarren wegfahren. Was sie damit machen, erschließt sich uns nicht. Wir gehen kurz hinunter zum Hafen und schauen uns die alte Anlage und die Fähre an, die heute fest vertäut liegt.

Unser Weg führt uns nun entlang der Küstenstraße und jetzt müssen wir doch das eine oder andere Mal zur Seite treten, um ein Auto passieren zu lassen. Wir wandern am „Otter Point“, der Residenz des Maklers O`Keeffe vorbei, die direkt am Meeresufer liegt. Auch hier gibt es einen schönen Garten, aber der Sturm, der kürzlich über Irland tobte, hat eine große Kiefer umgerissen. Sie liegt nun zersägt da und wir nehmen zwei von den schönen frischen Zapfen mit, die noch an den toten Zweigen hängen. Langsam machen sich meine Beine bemerkbar und mir wird bewusst, dass ich es mit dieser Wanderung gleich am ersten Tag ein wenig übertreibe, denn meine Knie entzünden sich leider leicht. Ein Schauer zieht auf und als wir den alten Friedhof mit der Ruine der Kirche passieren, regnet es. Doch das ist nicht so tragisch, denn unsere Wanderung nähert sich dem Ende. Wir biegen nach links ab und gehen durch einen Hohlweg bergauf. An der nächsten Einbiegung geht es wieder nach links und als wir aus dem Hohlweg treten, strahlt und schon wieder der stahlblaue Himmel entgegen. Der Schauer ist abgezogen.

Jetzt noch über den Hügel. Hier haben unsere Freunde ihre Häuser, sieben Stück an der Zahl, für jeden Sohn eines, ein B&B, ein kleines Cottage und drei Ferienhäuser. Eines davon ist unser Cottage, das uns nun erwartet. Hier setzen wir uns in den Wintergarten – hier Conservatory genannt – und trinken erst einmal eine Tasse Tee.
Abends genießen wir ein weiteres schmackhaftes Essen im Bunratty Inn und erfahren, dass ab Montag die Küche für drei Wochen schließt. Das ist sehr traurig, denn wir hatten vor, dort häufiger zu essen. Nun müssen wir uns eine andere Möglichkeit suchen. Wir gehen nach dem Essen zum East End Hotel, wo es ein Restaurant gibt, aber dieses ist völlig leer und wirkt ungemütlich. Ein weiteres Restaurant, das Nancy uns empfohlen hat, wirkt auf uns wie eine Jugendherberge. Aber wir werden schon etwas finden. Kochen möchte ich jedenfalls nicht.

Irische Impressionen 2

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe

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