Reisetagebuch Südwest–Irland – Die Anreise

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Mein Mann Bernd und ich verbrachten eine Zeit im kleinen Fischerort Schull in Südwest Irland und erkundeten die Mizen Peninsula.

Tag 1 – 3.11.2017
Wetter: unterwegs bedeckt, am Zielort sonnig – Temperatur 14 Grad

Heute ist der 1. Reisetag. Er beginnt damit, dass es morgens um 4:30 an unserer Haustür läutet. Khalil, ein syrischer Freund von uns, holt uns mit dem Auto ab, um uns mit unserem Gepäck nach Venlo in den Niederlanden zu bringen. Wir wären diese 30 Kilometer auch gerne mit dem Zug gefahren, aber so früh morgens fährt von Mönchengladbach, wo wir wohnen, kein Zug in die Niederlande. In Venlo besteigen wir um 5:30 den Zug zum Flughafen Schiphol in Amsterdam. Wir sind sehr müde, denn wir haben ein paar recht anstrengende Tage hinter uns, mit einem Krankenhausaufenthalt meinerseits und wenig Hoffnung, unsere Reise antreten zu können. Doch wir hatten Glück und so sitzen wir nun in einem ziemlich leeren Zug, der sich aber, je näher wir Amsterdam kommen, kontinuierlich füllt. Ein Mutter-Tochter-Paar ist auch auf dem Weg zum Flughafen, aber ihre Reise soll sie nach Hawaii führen. Die beiden sind ganz schön aufgekratzt.
Am Flughafen verlassen wir den Zug und sind auch schon gleich im Flughafengebäude. Das ist hier sehr gut gelöst. Der Check-in-Bereich wirkt ein wenig trist. Wir suchen den Schalter von Airlingus, der irischen Fluggesellschaft, und sind erstaunt, dass außer uns nur drei andere Reisende einchecken wollen. Alles geht sehr schnell und komplikationslos, auch weil Bernd wie immer alles perfekt vorbereitet und die Boarding-Karten bereits ausgedruckt hat. So bleibt uns noch genügend Zeit, einen sündhaft teuren Kaffee in einem der zwei Cafes zu trinken.
Und schon geht es zum Sicherheitscheck, der in Schiphol sehr gewissenhaft ausgeführt wird. Zum ersten Mal stehe ich in einem Nacktscanner und fühle mich leicht unbehaglich. Nachdem wir unseren Pass automatisch gescannt haben, dürfen wir die Schleuse passieren und befinden uns plötzlich in einer anderen Welt.

Hier haben sich all die luxuriösen Läden, die Buchhandlungen und Restaurants versteckt. Hier herrscht reges Treiben. Passagiere sitzen in Cafés, kaufen ein oder hasten von A nach B. Ein Café fällt mir sofort auf. Hier sitzen die Gäste in überdimensionierten Kaffeetassen- oder Kannen. Sehr einfallsreich. Ich würde gerne ein paar Tulpenzwiebeln erstehen, die in außergewöhnlichen Sorten in einem Spezialgeschäft angeboten werden, aber ich verschiebe dies auf die Rückreise.Unser Flugzeug steht am allerletzten Gate des Flughafens, was bedeutet, dass wir sehr weit gehen müssen. Zwischendurch bieten Rollbänder etwas Erholung, die wir gerne annehmen. Noch nie hatten wir einen solch weiten Weg zurückzulegen, um zum Abflug-Gate zu kommen. Kaum sind wir dort, können wir auch schon boarden. Doch als alle Passagiere auf ihren Plätzen sitzen, rührt sich das Flugzeug nicht vom Fleck. Zu viel Betrieb im Luftraum. Wir warten. Schließlich starten wir mit 20 Minuten Verspätung. Der Flug ist angenehm und wir landen um 10:30 irischer Zeit (bei uns 11:30) in Cork im Südwesten Irlands. Leider kommt es wieder zu einer Verzögerung, weil die Tür des Flugzeugs sich nicht öffnen lässt. Wir stehen, schon in Jacken und mit Rucksäcken auf dem Rücken im Gang und warten. Ungefähr 20 Minuten später können wir endlich das Flugzeug verlassen. Unsere Koffer liegen bereits auf dem Band. Wir nehmen sie und gehen zum Schalter unseres Autoverleihers. Alles geht schnell und wir bekommen den Schlüssel zu einem kleinen Nissan Micra, den Bernd gebucht hat. Auf dem Parkplatz stellen wir fest, dass unser Mietwagen auf der Beifahrerseite ziemlich verkratzt ist. Also gehen wir zurück und lassen dies vom Vermieter eintragen, weil wir sonst Gefahr laufen, am Ende der Reise für den Schaden haftbar gemacht zu werden. Der Vermieter weiß genau um die Kratzer und wir werden das Gefühl nicht los, dass er diese bewusst nicht dokumentiert hat. Da wir nun schon einmal zurück zum Flughafengebäude gegangen sind, beschließen wir, erst einmal etwas zu essen. Wir gehen zum einzigen kleinen Restaurant und bestellen je ein vegetarisches Baguette – sehr lecker.
Dann fahren mit dem Micra los. Ich fühle mich sehr unsicher. Erstens, bin ich es gewohnt, mit einem VW Bus zu fahren und zweitens bin ich nicht gerne Beifahrer, auch wenn Bernd ein sehr guter erfahrener Autofahrer ist. Erschwerend kommt hinzu, dass in Irland Linksverkehr herrscht und Bernd sich mit dem Wagen und mit der Verkehrssituation erst einmal vertraut machen muss. Schon geht es in den ersten Roundabout und danach in den zweiten, dritten und vierten. Dann verlassen wir endlich den Flughafenbereich und fahren los in Richtung Bandon. Leider unterläuft uns schon bald ein Fehler und wir landen statt auf der N71, die uns geradewegs zum Ziel gebracht hätte, auf der Coastal Road Richtung Kinsale. Bernd meinte, dass dies nicht schlimm sei, denn die Strecke sei kürzer und wahrscheinlich auch schöner. So fahren wir munter weiter, wenn ich auch sagen muss, dass ich angesichts der sehr engen Straßen und unseres Gefährts, das eher einer Konservendose als einem Auto gleicht, sehr angespannt bin. Es ist nicht viel Verkehr, aber wenn uns ein Auto entgegenkommt, zucke ich immer zusammen, weil ich jederzeit damit rechne, dass wir entweder in eine der Mauern oder Hecken gedrückt werden oder mit dem entgegenkommenden Auto zusammenstoßen könnten. Meine Pobacken verhärten sich zusehends. Die Straßen in Irland sind wirklich nicht ohne. Kurvenreich, eng, stets durch Hecken oder Mauern begrenzt. Nie weißt du, was dich nach der nächsten Kurve erwartet. Ein Radfahrer, dem du ausweichen musst, ein entgegenkommener LKW oder ein viel zu langsamer Traktor. Es ist nervenaufreibend, besonders, wenn du schon seit 4:30 unterwegs bist und auf dem Beifahrersitz sitzt. Aber auch Bernd ist sehr angestrengt. Kurz vor Ballinspittle verpassen wir eine Abfahrt und fahren nach wenigen 100 Metern mitten auf einer mit Kuhscheiße über und über verdreckten Straße, die eher ein Feldweg ist. Uns wird klar, dass dies nicht die R600 sein kann und wir wenden. Beim Versuch, die richtige Straße zu erwischen – dies ist nicht einfach, weil es keine rechte Beschilderung gibt – fahren wir irrtümlich in Richtung Old Head, einer Landzunge und Sackgasse. Also wenden wir erneut und versuchen herauszufinden, wo nun die Abzweigung nach Ballinspittle zu finden ist. Es ist verzwickt, aber wir finden sie dann doch. Kurz vor Cloonderreen sehen wir einen Wegweiser nach Bandon und zur N71. Wir folgen der schmalen Straße und sind froh, nach ca. 20 Kilometern endlich wieder auf die Nationalstraße zu kommen. Nun stelle man sich diese nicht so vor, wie in Deutschland. In Irland sind Nationalstraßen teilweise ausgebaut, enden dann aber immer wieder in schmalen, kurvenreichen, schlechten Straßen, auf denen aber 100 km/h erlaubt sind. Es bleibt also anstrengend!
Wir fahren weiter in Richtung Clonakilty. Unterwegs suchen wir nach einer Möglichkeit, eine kurze Pause einzulegen und verlassen die Hauptstraße. Eine schmale Zufahrt führt zum weit geöffneten Tor eines Internats. Da wir dahinter einen schönen Park sehen und diesen für einen guten Platz zu Rasten halten, fahren wir auf das Gelände. Wir folgen dem Wegweiser „Boys Resident“ und parken schließlich vor einem verfallenen Haus, in dessen Fenstern aufgetürmte Matratzen zu sehen sind. Hier wohnt niemand mehr. Wir aber fühlen uns unbehaglich bei dem Gedanken, dass hier Generationen von Jungen gelebt und wahrscheinlich gelitten haben. Das Haus hat viele kleine Fenster, hinter denen sich Zimmer befinden müssen, die ehemals als Unterkunft für mehrere Jungen gedient haben.
Der Park des Internats ist allerdings sehr schön. Riesige, sehr Bäume stehen hier, darunter eine uralte Eibe. Stumme Zeugen der langen Zeit, in der dieser Park den Internatsschülern zur Entspannung gedient haben mochte.

Von Clonakilty fahren wir weiter nach Skibbereen. Etwa 9 Kilometer vor diesem Ort, der für uns schon einen heimatlichen Klang hat, liegt die Ortschaft Leap. Hier erwartet uns etwas ganz Besonderes. Es ist, wie gesagt, der 3.November, also zwei Tage nach Halloween. In Leap findet ein „Scarecrow Festival“ statt und der ganze Ort ist mit schauerlichen Gestalten dekoriert. Erhängte mit heraushängender Zunge, Hexen mit langen Nasen und zotteligen Haaren, Gespenster, die in beinahe jedem Baum baumeln, Gestalten, die ihren abgehackten Kopf unter dem Arm tragen. Am Gruseligsten sind aber für mich die Kinderfahrräder, auf denen scheinbar kleine Kinder hocken. Diese sind der Fahrbahn abgewandt und blicken über ihre Schulter. Doch da ist kein Kindergesicht zu sehen, sondern eine gruselige Fratze. Der Kontrast zwischen kindlichem Körper und grauenhaftem Gesicht, ist in meinen Augen moderne Kunst und könnte in jedem Museum für Contemporary Art ausgestellt werden. Leider ist der Verkehr sehr dicht und keine Anhaltemöglichkeit in Sicht. So kann ich keine Fotos machen. Du findest sie aber im Internet unter Leap Scarecrow Festival.

Endlich kommen wir nach Skibbereen, wo wir uns gut auskennen. So finden wir auch schnell den Weg nach Ballydehob und von dort nach Schull, wo wir bei guten Freunden ein Cottage gemietet haben.
Als wir endlich über die Main Road von Schull fahren, sind wir erschöpft, aber sehr froh. Wir fahren hinauf zum Stanley House und parken den Micra vor unserem Cottage. Wir gehen hinüber zu Tom und Nancys Haus, um unsere Freunde zu begrüßen. Doch dort ist nur der Gärtner, der uns sagt, dass das Cottage offen ist. Also ziehen wir erst einmal ein und genießen die Scones mit Butter und Marmelade und den Tee, den Nancy für uns bereitgestellt hat. Es ist nun 17 Uhr, deutscher Zeit und wir sind seit seit über 12 Stunden unterwegs.
Später besuchen wir dann Nancy und plaudern ein wenig mit ihr. Unseren Freund Tom treffen wir in seinem Supermarkt, den er schon seit Jahrzehnten betreibt. Hier kaufen wir ein wenig ein und gehen dann zu unserem Lieblingspub, dem Bunratty Inn und trinken unser erstes diesjähriges Guinness in Irland. Dazu essen wir Garlic Mushrooms und eine fantastische vegetarische Tortilla. Danach geht es uns besser und Bernd schleppt unsere Einkäufe auf dem Rücken den Berg hinauf. Es ist bereits dunkel und wir sind froh, in unser Cottage zu kommen und etwas zu entspannen. Welch ein Tag!

Irische Impressionen 1

Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe

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