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	<title>Künstlerin Archive - Blue Blog</title>
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	<title>Künstlerin Archive - Blue Blog</title>
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		<title>„Ich will als Mann leben“ beschloss Sigmund Freuds Nichte und nannte sich fortan Tom Freud.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Xenia Marita Riebe]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 23 Mar 2024 16:15:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[Anna Freud]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn du möchtest, dass sich Mädchen und Frauen auch weiterhin von ihrem angeborenen Geschlecht distanzieren und selbstbestimmt leben können, dann wähle nicht die AfD oder die WerteUnion. Die Erinnerung an die liebenswürdigen Unterhaltungen mit Leuten, die dich schaudern machten, und &#8230;</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://bild-art.de/ich-will-als-mann-leben-beschloss-sigmund-freuds-nichte-und-nannte-sich-fortan-tom-freud">„Ich will als Mann leben“ beschloss Sigmund Freuds Nichte und nannte sich fortan Tom Freud.</a> erschien zuerst auf <a href="https://bild-art.de">Blue Blog</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wenn du möchtest, dass sich Mädchen und Frauen auch weiterhin von ihrem angeborenen Geschlecht distanzieren und selbstbestimmt leben können, dann wähle nicht die AfD oder die WerteUnion.</strong></p>
<figure id="attachment_8249" aria-describedby="caption-attachment-8249" style="width: 439px" class="wp-caption alignnone"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-8249 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud.jpg" alt="" width="439" height="450" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud.jpg 439w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud-293x300.jpg 293w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud-100x103.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud-150x154.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud-200x205.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud-300x308.jpg 300w" sizes="(max-width: 439px) 100vw, 439px" /><figcaption id="caption-attachment-8249" class="wp-caption-text">Tom Freud</figcaption></figure>
<p><em>Die Erinnerung an die liebenswürdigen Unterhaltungen</em><br />
<em>mit Leuten, die dich schaudern machten,</em><br />
<em>und in deren Augen dein Spiegelbild verkehrt stand und verzerrt.</em></p>
<p>Diese Zeilen aus einem erschütternden Gedicht von Tom Seidmann-Freud, das nach dem Doppelselbstmord, den sie und ihr Mann begannen, gefunden wurde, zeigt, wie sehr Tom Freud unter den Zwängen gelitten haben muss, die ihr von einer tief konservativen Gesellschaft auferlegt wurden.<br />
(Das ganze Gedicht „Der süße Tod“ steht am Schluss des Textes)</p>
<p><strong>Kein Freudscher Versprecher</strong></p>
<p>Als Martha Gertrud Freud mit 15 Jahren mitteilte, dass sie den Namen Tom tragen und als Mann leben wolle, war das kein Freudscher Versprecher. Vielmehr hatte sie sich von ihrem angeborenen Geschlecht so weit distanziert, dass sie ihren weiblichen Vornamen für immer ablegte.</p>
<figure id="attachment_8250" aria-describedby="caption-attachment-8250" style="width: 385px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="wp-image-8250 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/der_selbst_tom_freud.jpg" alt="" width="385" height="400" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/der_selbst_tom_freud.jpg 385w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/der_selbst_tom_freud-289x300.jpg 289w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/der_selbst_tom_freud-100x104.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/der_selbst_tom_freud-150x156.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/der_selbst_tom_freud-200x208.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/der_selbst_tom_freud-300x312.jpg 300w" sizes="(max-width: 385px) 100vw, 385px" /><figcaption id="caption-attachment-8250" class="wp-caption-text">&#8222;Der Selbst&#8220; &#8211; Selbstportrait Tom Freud, Bleistiftzeichnung</figcaption></figure>
<p><strong>Tom Freud war eine mehrfach begabte künstlerische Person im weiblichen Körper.</strong></p>
<p>Die Bilderbücher, die Zeugnis von Toms künstlerischer Vielfalt, Wandlungsfähigkeit und schöpferischer Produktivität ablegten, waren nur ein Teil Tom Freuds kreativen Aktivitäten. In Toms Nachlass befinden sich zahlreiche weitere Entwürfe und Arbeiten. Toms künstlerische Begabung zeigte sich in allen Bereichen des täglichen Lebens. Tom entwarf Möbel, zeichnete, aquarellierte und radierte fast täglich. Es entstanden Exlibris, Vorlagen für Werbung, Bilderbögen, textile Applikationsvorlagen, Modeentwürfe und Umschläge für Liederpartituren. Tom Freud entwarf Spiele und Kinderspielzeug. In Toms Berliner Wohnung gab es eine umfassende Bibliothek, in der Tom vor allem die mathematischen Bücher faszinierten. Aus Toms Begeisterung für Mathematik und Zahlenspielereien entstanden die Vorlagen zu den Rechenfibeln. Aber auch die Natur begeisterte Tom Freud, was ein sorgfältig geführtes Herbarium zeigt, das in den Kriegs- und Emigrationswirren verloren gegangen ist. Die Möbel von Toms Arbeitszimmer und die des Kinderzimmers waren nach Toms eigenen Entwürfen angefertigt worden. Alle Kleider der Tochter Angela hatte Tom selbst entworfen und genäht und sogar Spielsachen und Stofftiere waren von Tom konzipiert und angefertigt worden.</p>
<figure id="attachment_8254" aria-describedby="caption-attachment-8254" style="width: 346px" class="wp-caption alignnone"><img decoding="async" class="wp-image-8254 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_03.jpg" alt="" width="346" height="450" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_03.jpg 346w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_03-231x300.jpg 231w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_03-100x130.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_03-150x195.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_03-200x260.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_03-300x390.jpg 300w" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" /><figcaption id="caption-attachment-8254" class="wp-caption-text">Tom Seidmann-Freud</figcaption></figure>
<p>Tom (Martha Gertrud) Freud war das dritte Kind von Marie Freud und Moritz/Maurice Freud und wurde am 17. November 1892 in Wien geboren.<br />
Ihre Mutter war die dritte der fünf Schwestern des berühmten Psychoanalytikers Sigmund Freud. Da Marie ihren Cousin heiratete, blieb der Familienname Freud erhalten. Auch Tom löste sich viele Jahre später &#8211; nach ihrer Eheschließung mit Jakob/ Jankew Seidmann &#8211; nicht vom Namen Freud, was zu damaliger Zeit ein sehr ungewöhnlicher Schritt war, und hieß bis zu ihrem frühen Freitod Tom Seidmann-Freud.<br />
Toms Cousine Anna Freud schrieb über sie/ihn: <em>„She was an extremely gifted girl, but rather hated to be female and therefore changed her name to a male one.“</em><br />
Auf Familienbildern, die die drei Schwestern zeigen, fällt das Kind Martha Gertrud durch seinen ernsten, rätselhaften Blick auf, während vor allem die Schwester Lilly Lebenslust und Schönheit ausstrahlt.</p>
<p>Tom hatte eine intensive und vertrauensvolle Beziehung zu ihrem Vater und begleitete ihn häufig auf Geschäftsreisen, die ihn mehrmals im Jahr nach London führten. Nach dem Ende ihrer Schulzeit verbrachte Tom ein halbes Jahr in der englischen Hauptstadt. Sie war 17 Jahre, als sie 1910/11 eine Londoner Kunstschule besuchte. Ihre künstlerischen und intellektuellen Fähigkeiten waren in der Familie schon früh aufgefallen. Aus ihrer Zeit in London sind zwei nicht veröffentlichte Bücher mit Aquarellen erhalten, deren Qualität deutlich Toms gestalterische Begabung zeigt. Die Illustrationen dieser beiden Werke sind im reinsten Jugendstil gezeichnet und bestechen durch zarte Aquarellfarben.<br />
Nach ihrer Rückkehr aus London schrieb sich Tom Freud an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums in Berlin Charlottenburg ein. Sie studierte Zeichnen nach der Natur, Tierzeichnen, dekorative Malerei, Radierung und Druckgrafik und Stein- und Kupferdruck. Daneben lernte sie auch Schriftzeichnen, Akt-Zeichnen und Modellieren, aber das Aquarell sollte ihre bevorzugte Technik bleiben.<br />
Schon im Dezember 1913 fand die erste Ausstellung mit Arbeiten von Tom Freud statt, unter dem Titel „Ausstellung von neuartigem Kinderspielzeug und Entwürfen zu Bilderbüchern von Tom Freud“.<br />
Bei dieser Gelegenheit wurde auch „Das Baby-Liederbuch“, Toms erstes veröffentlichtes Bilderbuch im Verlag Reuß &amp; Pollack, vorgestellt, das beim Publikum großen Anklang fand.<br />
Im Jahre 1914 veranstaltete Tom mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Lilly „Märchennachmittage“ in Berlin. Lilly, Schauspielerin und Rezitatorin, las Märchen und Kindergedichte vor, die Tom mithilfe einer Laterna Magica illustrierte. Tom zeigte auch Lichtbilder zu eigenen Geschichten.<br />
Die Jahre des Ersten Weltkriegs verbrachte Tom Freud in Berlin. Dort entfaltete sie ihre vielseitigen Interessen und Ideen. Sie beschäftigte sich mit Entwürfen zu ihren späteren Kinderbüchern. 1918 erschien bei Georg W. Dietrich in München „Das neue Bilderbuch“ von Tom Freud in der Reihe „Dietrichs Münchener Künstler-Bilderbücher“. Es wurde vom Verleger mit hohen Erwartungen angekündigt und die Kritik fiel sehr positiv aus. Dieses Bilderbuch ist typisch für Toms Frühwerk. Es zeigt alle Elemente des Jugendstils und übt auf den Betrachter eine „ornamentale Ruhe“aus. Gleichzeitig arbeitete Tom Freud an den Bildtafeln zu „David the Dreamer“, der 1922 in Boston erschien.<br />
Die Gestaltung ihrer Bilderbücher in Text und Illustration wurde durch die Psychoanalyse nachhaltig beeinflusst, denn Tom Freud interessierte sich lebhaft für deren Entwicklung. Dabei half ihr nicht nur die familiäre Nähe zu ihrem Onkel Sigmund, der ein häufiger Gast in Berlin war, und zu dessen Tochter Anna Freud, einer Psychoanalytikerin. Auch ihr langjähriger Kontakt zum Hamburger Psychologieprofessor William Stern beeinflusste sie.</p>
<p><strong>Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ging Tom Freud nach München.</strong></p>
<p>Dort wohnte sie bei Familie von Horn, deren Tochter sich an sie erinnert: Tom Freud war eine schlanke, hochgewachsene Dame mit dunklem Bubikopf. Sie war freundlich, aber sehr scheu, und doch hatte sie des Öfteren Besuch.<br />
In München fand sie Kontakt zu einem intellektuellen Kreis junger jüdischer Studenten, zu denen Gerhard Scholem, sein Vetter Heinz Pflaum und Schmuel Agnon gehörten. Scholem, in derselben Wohnung lebend, beschrieb Tom Freud wie folgt:<br />
<em>Am Ende des Korridors hauste die Zeichnerin und Illustratorin Tom Freud, eine Nichte Sigmund Freuds, auch sie eine der unvergesslichen Figuren jener Jahre. Tom war eine ans Geniale grenzende Illustratorin von Kinderbüchern, zum Teil auch deren Verfasserin. Sie lebte sozusagen nur von Zigaretten und ihr Zimmer war meistens in Qualm gehüllt. Sie war eine authentische Bohemienne, hatte nicht wenige Beziehungen zu Künstlern und Schriftstellern, und in ihrem Zimmer habe ich ein erbittertes Gespräch über den Zionismus geführt.<br />
</em>Im Sommer 1920 ging Tom Freud zurück nach Berlin und lebte in der Wohnung ihrer Eltern. Nur drei Monate später starb ihr Vater plötzlich und unerwartet an einer „Herz-Attacke“.<br />
Trotz dieses Schicksalsschlags fand sie Anschluss an einen Kreis engagierter Schriftsteller und Literaten. Schließlich lernte sie ihren zukünftigen Mann, Jakob/Jankew Seidmann, einen jüdischen Schriftsteller und Journalisten, kennen. Tom und Jankew heirateten 1921. Sie wohnten anfänglich in der elterlichen Wohnung.</p>
<figure id="attachment_8260" aria-describedby="caption-attachment-8260" style="width: 420px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-8260 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_mit_tochter.jpg" alt="" width="420" height="431" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_mit_tochter.jpg 420w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_mit_tochter-292x300.jpg 292w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_mit_tochter-100x103.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_mit_tochter-150x154.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_mit_tochter-200x205.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_mit_tochter-300x308.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px" /><figcaption id="caption-attachment-8260" class="wp-caption-text">Tom Seidmann-Freud mit Tochter Angela/ Awiwa</figcaption></figure>
<p>Am 21. Juli 1922 wurde Toms einzige Tochter Angela/ Awiwa geboren. Ein Jahr darauf erschütterte wieder ein tragisches Unglück das Leben der Familie: Tom verlor ihren Bruder Theo, der bei einem Badeunfall ums Leben kam. Tom widmete dem verunglückten Bruder ihr Kinderbuch „Die Fischreise“, das 1923 erschien.<br />
Jankew Seidmann gründet 1924/25 den Peregrin-Verlag, in dem die beiden expressionistisch zu nennenden Bilderbücher Tom Seidmann-Freuds „Die Fischreise“ „Hasengeschichten“ erschienen. Insbesondere die Illustrationen in „Die Fischreise“ weisen Stilelemente der Abstraktion und flächigen Reduktion auf. Sie erinnern an Zeichnungen von Paul Klee und Lyonel Feininger. Sie bestehen aus wenigen Bildelementen und sind auf den zentralen Bildinhalt konzentriert.</p>
<figure id="attachment_8253" aria-describedby="caption-attachment-8253" style="width: 450px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-8253 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_fischreise.jpg" alt="" width="450" height="359" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_fischreise.jpg 450w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_fischreise-300x239.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_fischreise-100x80.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_fischreise-150x120.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/tom_freud_fischreise-200x160.jpg 200w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-8253" class="wp-caption-text">Tom Freud &#8211; Illustration aus &#8222;Die Fischreise&#8220;</figcaption></figure>
<p>Neben diesen Bilderbüchern veröffentlicht Jankew Seidmann in seinem Verlag vor allem Übersetzungen jüdischer Religionsphilosophen; er beherrschte das Hebräische meisterhaft und führte Tom in diese Sprache ein.<br />
Auch Toms Bilderbücher wurden ins Hebräische und ins Russische übersetzt, was den Kreis der Leserschaft vergrößerte, denn im Berlin der 1920er Jahre lebten viele Exilrussen, unter anderem einige hebräisch schreibende russische Dichter, die durch die Intervention von Maxim Gorki Sowjetrussland verlassen konnten.<br />
Während die deutsche Ausgabe von 1921 noch voll im Jugendstil-Duktus illustriert ist, gestaltet Tom die Illustrationen zur hebräischen Ausgabe 1922 neu. Ihr Stil wandelt sich zu einem vereinfachten, reduzierten Bildausdruck, der klar im Zeichen der „Neuen Sachlichkeit“ steht. Alle nach 1922 entstandenen Bilderbücher sind von diesem neuen Stil geprägt, der zum unverwechselbaren Erkennungsmerkmal der Illustrationskunst von Tom Seidmann-Freud wurde.</p>
<figure id="attachment_8261" aria-describedby="caption-attachment-8261" style="width: 450px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-8261 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/drei_generationen_freud.jpg" alt="" width="450" height="330" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/drei_generationen_freud.jpg 450w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/drei_generationen_freud-300x220.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/drei_generationen_freud-100x73.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/drei_generationen_freud-150x110.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/drei_generationen_freud-200x147.jpg 200w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /><figcaption id="caption-attachment-8261" class="wp-caption-text">Vier Generationen: von links: Angela, Tom, Amalie und Marie Freud</figcaption></figure>
<p>Am 18. August 1925 wurde mit allen Angehörigen der großen Freud-Familie der 90. Geburtstag von Amalie Freud, Tom Seidmann-Freuds Großmutter und Sigmund und Marie Freuds Mutter, gefeiert. Die dreijährige Angela durfte der Urgroßmutter ein Glückwunschkärtchen überreichen, das Tom zu diesem Anlass entworfen hatte.</p>
<p>Von Oktober bis Januar 1927 verweilte Tom Seidmann-Freud in Wien, wo sie offenbar Gespräche mit ihrer Cousine Anna Freud (Sigmund Freuds jüngste Tochter) führte. Über diese Gespräche berichtete Anna am 4. Januar 1927 in einem Brief, der aus einer psychoanalytisch-therapeutischen Perspektive geschrieben ist, an Max Eitingon:<br />
<em>Ich habe nur einige Gespräche mit ihr (Tom) geführt und habe ihr danach zu einer Behandlung geraten. … Ich wollte mich auch – gerade der Verwandtschaft wegen – nicht zu tief mit ihr einlassen. Was mir gegen eine Behandlung sprechend auffiel, war nur Folgendes: Sie hat seit langem eine gewisse Neigung zum Selbstmord, war einmal in der Jugend sehr nahe daran; und damit hängt mein Eindruck zusammen, dass sie nicht sehr viel Willen zum Gesundwerden aufbringen wird … Früher hatte sie eine große natürliche Wärme und Güte, aber davon ist jetzt viel weniger zu spüren.<br />
</em>Tom Seidmann-Freud hatte sich bereits in Berlin eine eigene Welt geschaffen, die der Wiener psychoanalytischen Freud-Familie eher verschlossen blieb. Sie fand in Herbert Stuffer, einem fantasievollen und mit künstlerischem Gespür ausgestatteten Kinderbuchverleger, ihren kongenialen Geschäftspartner. Der gleichaltrige Stuffer war an Tom herangetreten, um sie zur Mitarbeit in seinem jungen, 1926 in Berlin gegründeten Kinderbuchverlag zu gewinnen.<br />
Den Sommer 1929 verbrachte Tom Seidmann-Freud mit ihrer Tochter in Österreich in Grundlsee. Dort schloss sie die Arbeit an „Das Zauberboot“ ab und entwarf die Spielfibeln. Geplant waren zwei Schreibfibeln und eine Rechenfibel. Die Arbeit daran verlief in engem Kontakt zwischen Tom und ihrem Verleger Herbert Stuffer, was durch zahlreiche Briefe dokumentiert ist. Die Manuskripte wurden fertiggestellt. Der Erscheinungstermin der ersten Spielfibel „Hurra, wir lesen! Hurra, wir schreiben!“ war auf das Frühjahr 1930 angesetzt. Diesen Termin aber erlebte Tom nicht mehr.<br />
Die Fibeln erschienen in den Jahren 1930–1932 unter der sorgfältigen Betreuung durch Herbert Stuffer, für den der unerwartete Tod Tom Seidmann-Freuds persönlich wie geschäftlich eine tiefe Lücke riss.<br />
Toms Spielbücher und Fibeln waren erfolgreich und ihre ästhetische Gestaltung fand höchste Anerkennung. 1930 wurden die „Spielfibel Nr. 1“ und „Das Zauberboot“ unter die „50 schönsten Bücher“ in Deutschland gewählt. Auch wurde in der Reihe der „50 best gedruckten Bücher“ aus 35.000 Neuerscheinungen Tom Seidmann-Freuds „Buch der erfüllten Wünsche“ ausgewählt. Wie stark das Echo auf den Inhalt vor allem der vier Spielfibeln in Deutschland war, zeigen am besten Walter Benjamins differenzierte und sorgfältige Besprechungen in der Frankfurter Zeitung.</p>
<p><strong>In dieses intensive, von schöpferischen Ideen und Arbeiten ausgefüllte Leben brach mit dem unerwarteten Freitod ihres Mannes Jankew am 19. Oktober 1929 die Katastrophe herein.</strong></p>
<p>Grete Fischer (Journalistin und Pädagogin) schildert das Geschehen so:<br />
<em>…. Jankel hatte ursprünglich, um ihr zu helfen, einen kleinen Verlag aufgemacht, der nicht weiterging, dann fing er ein Unternehmen an, um eine große jüdische Enzyklopädie herauszugeben. Die Anlage muss gut gewesen sein, denn sie wurde später, ich glaube in Amerika, zu Ende gebracht. Zunächst aber saß Jankel eines Tages mit dem Bücherrevisor über seinen Rechnungen und erfuhr plötzlich, dass er bankrott war. Der Schock muss dem armen ehrlichen Menschen alle Besinnung geraubt haben. Anstatt sich mit seinen Gläubigern, meistens Freunden, in Verbindung zu setzen und zu beraten, gab er alles verloren. Er schickte Tom mit dem Kind weg, da sie irgendwo eingeladen waren, versuchte sich die Pulsadern aufzuschneiden, und als ihm das zu langsam ging, hängte er sich auf. Tom fand ihn, als sie nach Hause kam. Ihr erster Impuls war, mitzusterben. Sie konnte nicht ohne ihn leben. Aber man nahm ihr jede Möglichkeit dazu. Freunde und Verwandte umringten sie. Sie kam zum Grabe, fast körperlos unter den schwarzen Schleiern, taumelnd, völlig fassungslos.</em><br />
<em>Man brachte sie nach Hause, und die Freunde bildeten eine Wache mit regelmäßiger Ablösung an ihrem Bett. &#8230;Tom schlief nicht, sie sprach ununterbrochen. Es war nicht möglich, ihrer Klage etwas zu entgegnen. Auch als sie Jankel anklagte – er hätte sie nicht verlassen dürfen – er hätte sonst immer an sie gedacht – warum nun nicht mehr? Er war schwach geworden; hätte man ihr sagen sollen, dass sie eben zu schwer für ihn geworden war?</em><br />
<em>„Warum wollt ihr mich nicht sterben lassen?“, klagte Tom. „Wer hat denn ein Recht zu verlangen, dass ich lebe? Das Kind braucht mich nicht, ihr wird es ohne mich besser gehen. Ich bin doch nichts mehr, ich kann doch nichts mehr!“ … Tom hat das einzige Mittel angewendet, das ihr geblieben war: Sie verweigerte jede Nahrung. Nach drei Wochen war sie, von jeher überzart, so schwach, dass sie ins Krankenhaus musste.</em><br />
<em>Dazwischen ein 7jähriges Mäderl, das aussieht wie eine kleine Elfe. Jetzt ist der Vater tot, die Mutter in einem Sanatorium, damit man sie bewachen kann. Das Kind ist für den Augenblick bei Lampls.</em><br />
<em>Jetzt kommt noch der geschäftliche Zusammenbruch über Tom und was dann noch aus dem Trümmerhaufen bleibt, wird man erst sehen.</em></p>
<figure id="attachment_8255" aria-describedby="caption-attachment-8255" style="width: 524px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-8255 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/grabstein_tom_freud.jpg" alt="" width="524" height="506" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/grabstein_tom_freud.jpg 524w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/grabstein_tom_freud-300x290.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/grabstein_tom_freud-100x97.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/grabstein_tom_freud-150x145.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/grabstein_tom_freud-200x193.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/grabstein_tom_freud-450x435.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 524px) 100vw, 524px" /><figcaption id="caption-attachment-8255" class="wp-caption-text">Jüdischer Friedhof in Berlin, Weißensee</figcaption></figure>
<p>Jankew Seidmann wurde am 23. 10. 1929 auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee begraben. Toms Tochter Angela wurde in befreundeten Familien untergebracht. Immer noch bestand die Hoffnung, dass sich Tom von diesem Schicksalsschlag erholen würde. Sie arbeitete auch im Krankenhaus weiter an ihren Bilderbüchern. Sie schrieb noch am 21. Dezember 1929 aus dem Sanatorium an ihren Verleger.<br />
Aber Tom erholte sich nicht.<br />
Am 4. Januar 1930 schrieb sie an Helene Zadek: <em>„Liebe gute Lene, ich danke Dir sehr für Deine lieben Briefe. Ich konnte an niemanden schreiben. Jetzt bin ich vier Wochen weg. Ich bitte Dich sehr, bring mir das, was Du mir angeboten hast. Es gibt keinen anderen Weg für mich und vor dem Fenster oder dem Zug habe ich noch immer Angst. Sage niemand von diesem Brief. Dir alles Gute. Tom.“<br />
</em>Der Entschluss, aus dem Leben zu gehen, stand fest, und wie so häufig nach getroffenen Entscheidungen kehrte scheinbare Ruhe ein. Die Umwelt interpretierte diese Ruhe falsch. <em>Im Krankenhaus</em>, erinnerte sich Grete Fischer, <em>in offenbar vernünftiger Pflege, fing sie an, sich zu erholen. Sie gab ihren Widerstand auf, ihre Verzweiflung ebbte ab, man sagte mir, sie habe begonnen, gierig zu essen. Sie wollte gesund werden.</em><br />
Doch für Tom gab es nur noch den Weg in den Tod, den sie in ihrem Gedicht „Der süße Tod“ in Worte fasste. Tom Seidmann-Freud starb am 7. Februar 1930 im Krankenhaus Neukölln an einer Überdosis Tabletten.</p>
<p>Im Manuskript der Spielfibel Nr. 2, das Herbert Stuffer als Hinterlassenschaft aus dem Krankenhaus zurückerhielt, fand sich ein Text von Tom, der in einem erschütternden Monolog Verzweiflung und Einsamkeit ausdrückte.<br />
<em>Ich muss einen Brief schreiben, aber ich weiß nicht, an wen ihn zu adressieren – Mein Herz ist voller Bedrückung. Und der Weg von meinem Herzen zu dem weißen Papier ist sehr leicht. Nun sitzen 1000 Kinder und drehen und ziehen und besehen die glücklichen Leute, die in dem gefüllten Haus wohnen. Und sie besehen den Specht und den Orakelfisch und Robert, den glücklicheren Bruder – und ich liege hier elender, als tot und trauriger, als zu sagen und ärmer, als die kalten und kunstlosen. Wenn es darauf ankommt, werde ich sehr mutig sein, aber nun fliegt mein Mut ins Leere und es ist nichts da als die Traurigkeit, in die ich versinken werde, als die Armut, die um mich steigt in einer Welt, die uns beiden nicht gefiel. O zu fliehen, wenn es einen Ort gäbe der Zuflucht! Wenn es Rast gäbe auf dem schrecklichen Wege, der sich zu lange ausdehnt und dessen Ziel zu wissen, so bitter ist.</em></p>
<p>Der süße Tod<br />
Magnete ziehen die Stacheln aus der Brust,<br />
Steine und Geröll von den Hügeln des Herzens verschwinden,<br />
der Beschwer, Glieder und Organe und Nerven zu halten, enthoben,<br />
Leicht wirst du sein, leicht, leicht!<br />
Die Erinnerung an die schlaflosen Nächte ist fort,<br />
und die Erinnerung an die Wohnungsnot,<br />
und an die schweren Tage,<br />
wegen der hässlichen sozialen Verhältnisse,<br />
und dem Mangel an Geld,<br />
die Erinnerung an die liebenswürdigen Unterhaltungen<br />
mit Leuten, die dich schaudern machten,<br />
und in deren Augen dein Spiegelbild verkehrt stand und verzerrt,<br />
die Erinnerung an die tägliche Zeitung<br />
voller Schrecken und voller Gottlosigkeiten<br />
und in miserabler Sprache geschrieben,<br />
und an den Steinhaufen Stadt,<br />
und an die Menge der unnützen Worte<br />
und an alles.</p>
<p>Süß wird er sein<br />
wie ein Tropfen reiner Speise auf deinen Lippen,<br />
wie Sonne an einem kühlen Tag,<br />
wie das Meerwasser an deinen Füßen<br />
an einem Tag der Hitze,<br />
wie nach verwirrter Wanderung die Rast,<br />
wie Einkehr</p>
<p align="LEFT">Toms Tochter Angela Seidmann wurde von ihrer Tante Lilly und deren Mann Arnold Marlé adoptiert. Damit wurde ein letzter Wille Toms erfüllt, die ausdrücklich die Adoption ihrer Tochter durch Anna Freud verboten hatte. Angela lebte mit der Familie Marlé bis zu ihrem 11. Lebensjahr in Hamburg. Sie emigrierten 1933 gemeinsam nach Prag. Im März 1939 trennten sich ihre Wege. Angela Seidmann, von da an hebräisch „Awiwa“, verließ mit einer Jugend-Auswanderungs-Gruppe, der „Youth Alija“, 14 Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in die Tschechoslowakei Europa und emigrierte nach Palästina. Die Familie Marlé konnte in letzter Minute nach England entkommen. Tom Seidmann-Freuds Mutter Marie wurde 1942 in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt. Ihr genaues Todesdatum ist unbekannt.</p>
<p>Text: Xenia Marita Riebe</p>
<p>Textquelle und Fotos: LUZIFER-AMOR Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse &#8211; Artikel Barbara Murken »… die Welt ist so uneben …« Tom Seidmann-Freud (1892–1930): Leben und Werk einer großen Bilderbuch-Künstlerin</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/19b8c6c21e974816abee48e125fbc619" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p>Der Beitrag <a href="https://bild-art.de/ich-will-als-mann-leben-beschloss-sigmund-freuds-nichte-und-nannte-sich-fortan-tom-freud">„Ich will als Mann leben“ beschloss Sigmund Freuds Nichte und nannte sich fortan Tom Freud.</a> erschien zuerst auf <a href="https://bild-art.de">Blue Blog</a>.</p>
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		<title>Neues Wandgemälde im Xiclô</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Xenia Marita Riebe]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 16 Sep 2019 08:08:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Anika Gerlach]]></category>
		<category><![CDATA[Bühnenmalerin]]></category>
		<category><![CDATA[Kapuzinerplatz]]></category>
		<category><![CDATA[Künstlerin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anika Gerlach malt vietnamesische Straßenszene Auf dem Kapuzinerplatz in Mönchengladbach wurde 2017 ein vietnamesisches Restaurant eröffnet. Xiclô steht in geschwungener Schrift auf einem weißen Schild, das zusammen mit leichten Korblampen unter einem kleinen Vordach hängt. Auf dem Schild ist auch &#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-6345 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top.jpg" alt="Wandgemälde im Xiclo in Mönchengladbach" width="600" height="379" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top.jpg 600w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top-300x190.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top-350x221.jpg 350w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top-100x63.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top-150x95.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top-200x126.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_xiclo_top-450x284.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" /></p>
<p><strong>Anika Gerlach malt vietnamesische Straßenszene</strong></p>
<p>Auf dem Kapuzinerplatz in Mönchengladbach wurde 2017 ein vietnamesisches Restaurant eröffnet. <strong><span style="font-family: comic sans ms, sans-serif">Xiclô</span></strong> steht in geschwungener Schrift auf einem weißen Schild, das zusammen mit leichten Korblampen unter einem kleinen Vordach hängt. Auf dem Schild ist auch ein Fahrrad zu sehen, eine Art vietnamesische Rikscha. Nach diesem typischen Gefährt ist das Restaurant benannt. Das <strong>Xiclô</strong> hat sich auf vietnamesische Street Food spezialisiert, die sehr abwechslungsreich und schmackhaft ist.<br />
Street Food ist dann auch die Verbindung zu dem neuen Wandgemälde im Restaurant. Der Inhaber des <strong>Xiclô</strong> gab bei der Bühnenmalerin Anika Gerlach ein Bild in Auftrag, das eine typische vietnamesische Straßenszene zeigen sollte. Jetzt ist das Mural fertig und die lebendige Straßenszene zaubert ein ganz besonderes Flair in den Gastraum, der auch ansonsten sehr geschmackvoll eingerichtet ist.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-6344 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s.jpg" alt="Vietnamesische Straßénszene - Wandgemälde von Anika Gerlach" width="500" height="281" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s.jpg 500w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s-300x169.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s-350x197.jpg 350w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s-100x56.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s-150x84.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s-200x112.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_02_s-450x253.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><br />
Das Gemälde wurde von der Künstlerin in Schwarz-, Weiß- und Grautönen gehalten. Dadurch wirkt die Straßenszene dezent und nicht aufdringlich. Es korrespondiert sehr apart mit den bunten Lampions, die unmittelbar vor dem Bild von der Decke baumeln und mit den vielen bunten Dekorationselementen auf den Tischen. Das Wandgemälde verleiht dem Raum nicht nur eine exotische Atmosphäre, sondern auch eine gewisse Tiefe. Der Betrachter fühlt sich unweigerlich in die Szene hineingezogen. Dies erreichte die Malerin durch die spezielle Perspektive, in der sie die Häuserfluchten malte. Gekonnt lässt sie den Eindruck entstehen, als schlendere der Gast selbst über jene ferne Straße. Beinahe glaubt er, die Geräusche und Gerüche wahrzunehmen zu können.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone wp-image-6343 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_01_s.jpg" alt="Xiclo - Detail aus dem Wandgemälde von Anika Gerlach" width="450" height="334" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_01_s.jpg 450w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_01_s-300x223.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_01_s-350x260.jpg 350w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_01_s-100x74.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_01_s-150x111.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/wandbild_detail_01_s-200x148.jpg 200w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" /></p>
<p>Natürlich gibt es im <strong>Xiclô</strong> auch reale, angenehme Düfte. Sie kommen aus der offenen Küche, in der ein Koch die sehr schmackhaften Gerichte zubereitet. Auf der Speisekarte findet der Gast eine große Auswahl von vietnamesischen Gerichten. Currys mit Seidentofu oder Fleisch, Reisgerichte mit exotischen Früchten, feine Suppen, Frühlings- und Sommerrollen und fantasievolle Desserts. Viele Gerichte gibt es auch in der vegetarisch/veganen Variante.</p>
<figure id="attachment_6342" aria-describedby="caption-attachment-6342" style="width: 500px" class="wp-caption alignnone"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-6342 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild.jpg" alt="Anika Gerlach - Bühnenmalerin un bildende Künstlerin" width="500" height="393" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild.jpg 500w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild-300x236.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild-350x275.jpg 350w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild-100x79.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild-150x118.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild-200x157.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2019/09/anika_vor_wandbild-450x354.jpg 450w" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" /><figcaption id="caption-attachment-6342" class="wp-caption-text">Anika Gerlach vor ihrem Wandgemälde im Xiclo</figcaption></figure>
<p>Anika Gerlach hat Erfahrung mit Wandgemälden in Restaurants. In Leipzig gestaltete sie gemeinsam mit einem kubanischen Maler, Enrique Guisado Triay, ein karibisches Restaurant. Das La Cosita auf der Karl-Liebknecht-Straße bekam nicht nur farbige Wände in unterschiedlichen Pastelltönen, sondern auch ein Wandgemälde mit einer Straßenszene aus Havanna. An diesem Mural arbeiteten die beiden Maler gemeinsam. Ein weiteres Wandbild, das einen karibischen Strand zeigt, ist ein Entwurf der Künstlerin Anika Gerlach, den sie auch selbst ausführte.<br />
Die Künstlerin ist 32 Jahre alt. Sie ist ausgebildete Bühnenmalerin und lebt in Mönchengladbach und in Leipzig. <img loading="lazy" decoding="async" src="https://ssl-vg03.met.vgwort.de/na/fb96cb424be14fdea1ed63996d329cec" alt="" width="1" height="1" /> Sie arbeitete als Bühnenmalerin in den Werkstätten des Gemeinschaftstheaters Krefeld / Mönchengladbach sowie als Malerin beim Großplastiken-<img loading="lazy" decoding="async" src="https://ssl-vg03.met.vgwort.de/na/c86528de46d443b6a9501d4e0fee3a84" alt="" width="1" height="1" /> und Karnevalswagenbauer Jacques Tilly in Düsseldorf. Heute ist sie freischaffende bildende Künstlerin.</p>
<p>Restaurant <strong>Xiclô<br />
</strong>Kapuzinerplatz 4<br />
41061 Mönchengladbach</p>
<p>In dem Projekt <a href="https://vonfrauzufrau.bild-art.de/">VonFrauZuFrau+</a> bietet Anika handwerkliche Dienstleistungen für Frauen an</p>
<p>Lies auch auf Blue Blog: <a href="https://bild-art.de/vonfrauzufrau-handwerkliche-dienstleistungen-fuer-frauen">VonFrauZuFrau+ Handwerkliche Dienstleistungen für Frauen</a></p>
<p>Lies auch auf Blue Blog: <a href="https://bild-art.de/kubanischer-kuenstler-gestaltet-karibisches-restaurant-in-leipzig">Kubanischer Künstler gestaltet karibisches Restaurant in Leipzig</a></p>
<p>Text und Fotos: © Xenia Marita Riebe</p>
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		<title>Über väterliche Gewalt zur Kunst</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Xenia Marita Riebe]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Aug 2017 17:54:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Louise Bourgeois  und Niki de Saint Phalle Zwei weltberühmte Künstlerinnen – ein Weg Louise Bourgeois und Niki de Saint Phalle vereint nicht nur, dass sie sich in ihrem Werk der Darstellung der Weiblichkeit widmeten, sondern auch der schmerzhafte Weg zum &#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Louise Bourgeois  und Niki de Saint Phalle</strong></p>
<p><strong>Zwei weltberühmte Künstlerinnen – ein Weg</strong></p>
<p>Louise Bourgeois und Niki de Saint Phalle vereint nicht nur, dass sie sich in ihrem Werk der Darstellung der Weiblichkeit widmeten, sondern auch der schmerzhafte Weg zum künstlerischen Ausdruck. Beide erfuhren in ihrer Kindheit Gewalt durch den eigenen Vater, die sie so sehr belastete, dass allein die Kunst ihnen einen Ausweg aus ihrer psychischen Bedrängnis bot. So begannen beide ihren künstlerischen Weg mit der Aufarbeitung des Schmerzes um schließlich in der Darstellung der Weiblichkeit ihren Frieden zu finden. Nicki de Saint Phalle wählte schon früh den positiven Weg. Mit ihren berühmten Nanas huldigte sie der Weiblichkeit und stärkte so die Position der Frau in der Kunst wie in der Öffentlichkeit. Louise Bourgeois brauchte Jahrzehnte, ehe sie diese Kraft fand. In ihrem Alterwerk setzte sie mit vielen Varianten der Spinnenskulptur, die sie „Maman“ nannte, nicht nur ihrer geliebten Mutter sondern auch dem weiblichen Prinzip ein Denkmal. Auf ihre Art können beide Künstlerinnen als Frauenrechtlerinnen gesehen werden.</p>
<p>Doch um dorthin zu gelangen, mussten sie beide einen steinigen Weg gehen.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft wp-image-164" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-1024x680.jpg" alt="" width="450" height="299" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki.jpg 1024w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-300x199.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-600x398.jpg 600w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-768x510.jpg 768w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-100x66.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-150x100.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-200x133.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-450x299.jpg 450w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/niki-900x598.jpg 900w" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" />Catherine Marie-Agnès Comtesse Fal de Saint Phalle, genannt Niki, wurde am 29. Oktober 1930 in Neuilly-sur-Seine geboren. Sie war das zweite von fünf Kindern von Jeanne Jacqueline und André Marie Fal de Saint Phalle. Ihr Vater gehörte dem französischen Uradel an und betrieb das Bankhaus der Familie. In Nikis Geburtsjahr verlor ihr Vater durch einen Börsenkrach sein gesamtes Vermögen, was nicht ohne Folgen für seine Kinder blieb. Die Atmosphäre in Nikis katholisch geprägtem Elternhaus änderte sich merklich. Hatte durch die strenge Religionsausübung schon immer erdrückende Enge geherrscht kamen nun noch die Gewaltausbrüche des Vaters dazu. Für jedes falsche Wort gab es eine Ohrfeige und oft schlug der Vater auch mit der Rute zu. Niki wehrte sich durch Rückzug, Verweigerung und Provokation. Doch das eigentliche Trauma ihrer Kindheit ist der sexuellen Missbrauch durch den eigenen Vater, der sie schließlich in ihrem 11. Lebensjahr vergewaltigte. Dieses traumatische Erlebnis hätte Niki de Saint Phalle beinahe auf Dauer hinter die Mauern der Psychiatrie gebracht. Sie erlitt mit 21 Jahren &#8211; sie war verheiratet und bereits Mutter einer Tochter &#8211; einen schweren Nervenzusammenbruch und wurde in einer psychiatrischen Klinik erfolglos mit Elektroschocks behandelt. Während der folgenden psychotherapeutischen Behandlung lernt sie die Malerei kennen. Sie malte naiv-kindliche Bilder durch die ihre Albträume ans Licht zu drängen versuchten.</p>
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<p>Doch es sollte noch 4 Jahre dauern, ehe Niki de Saint Phalle ihren Weg zur Kunst fand. Sie hatte New York, wo sie mit ihrem Mann dem Schriftsteller Harry Matthews und ihrer Tochter lebte, verlassen und war in Paris ansässig geworden, wo sie eine Schauspielschule besuchte. Dort begegnete ihr erstmalig die Kunst von Matisse, Picasso, Klee und Rousseau. Durch ihren Mann lernte sie zeitgenössische Autoren und bildende Künstler kennen, so auch den Künstler Jean Tinguely. Das kreative Chaos in dessen Atelier &#8211; Tinguely schuf magische Maschinen aus Schrott &#8211; regte sie dazu an, sich an Abfall-Assemblagen zu versuchen. Dadurch gelang es ihr erstmalig in Reliefs aus Messern, Beilen, Scheren und Pistolen ihren so lange unterdrückten seelischen Verletzungen Ausdruck zu verleihen. Dennoch fand sie keine Heilung. 1961 entstand das Materialbild „Sankt Sebastian oder Portrait meines Liebhabers“ Hierfür klebte sie ein weißes Männerhemd mit umgebundener Krawatte auf Holz, beträufelte es à la Jackson Pollock mit schwarzer Farbe, schlug etliche Nägel durch den Stoff und setzte dem ganzen einen Kopf aus einer mit Wurfpfeilen gespickten Zielscheibe auf. Mit diesem bösartigen Vaterbild verschaffte sich Niki de Saint Phalle das Entrée bei der Gruppe der „Nouveaux Réalistes“. Dieser Gruppe gehörten, neben dem streitbaren Kritiker Pierre Restany, Künstler wie Jean Tinguely, Yves Klein, César, Arman, Christo und Daniel Spoerri an. Zeitweise sympathisierten auch die amerikanischen Künstler Jasper Johns, Larry Rivers und Robert Rauschenberg mit dieser Bewegung. Niki de Saint Phalle wurde als attraktive Frau bald Mittelpunkt dieser Gruppe. Durch die künstlerische Umgebung angeregt, entwickelte sie bald die Idee der &#8222;Target Pictures&#8220; (&#8222;Zielscheiben&#8220;). Ihren gehassten Vater-Geliebten nur mit Pfeilen zu malträtieren genügte ihr nun nicht mehr. Sie füllte Hohlräume hinter weißen Reliefs mit Farbbeuteln und beschoss sie mit einem Gewehr, so dass die unter dem Gips verborgenen Farbbeutel platzten und sich die Farbe über die raue Oberfläche ergoss. So entstanden blutende Altäre, Ikonen und blasphemische Installationen. Auf die Frage, wen sie damit treffen wolle, antwortete Niki de Saint Phalle stets mit Gegenfragen. „Daddy? Alle Männer? Kleine Männer? Lange Männer? Große Männer? Fette Männer? Meinen Bruder? Oder war ich das Bild?“ Ein anderes mal erklärte sie, dass sie auf die eigene Gewalttätigkeit geschossen habe, manchmal auf die Kirche, aber niemals auf Gott. Nach solchen Angriffen mit scharfer Munition fühlte sie sich besser, wie von einer schweren Last befreit.</p>
<p>„Es war eine großartige Therapie für mich“, erinnerte sie sich: „aber irgendwann bemerkte ich, dass mich das Schießen abhängig machte. Ich kam an den Punkt, an dem ich die Kontrolle verlor. Mein Herz klopfte, ich zitterte vor und während der Performance. Ich war wie in Ekstase. Deshalb gab ich es auf.“ Das, was sie als „Abstieg in die Hölle“ bezeichnete war bewältigt und sie war frei, sich einer anderen Kunstrichtung zu widmen. Erstmalig verspürte sie Schöpferdrang. Ab 1962, etwa zur selben Zeit wie Louise Bourgeois, setzte sich Niki de saint Phalle auf ungewöhnliche Weise mit der Frauenrolle auseinander. Es entstanden plastische Objektbilder von Frauenfiguren wie „Die rote Hexe“, „Die Braut“, „Die rosa Geburt“ und „Das Monster“. Doch schon bald begann sie die Arbeit an der ersten „Nana“, die sie aus Drahtgeflecht fertigte und mit buntem Stoff überzog. Weitere „Nanas“ baute sie aus bunt bemalter Papiermaché, ehe sie dazu überging Stahl und Polyester zu verwenden. Mit Jean Tinguely verband sie zu dieser Zeit bereits eine so tiefe Liebe, dass sie ihren Mann und ihre Kinder aufgab und 1971 Tinguely heiratete. 1966 wurde das Künstlerpaar eingeladen im Stockholmer Moderna Museet eine Riesen-Nana zu installieren. Mit der Entstehung der 29 Meter langen, 9 Meter breiten und 6 Meter hohen Skulptur „Hon“ (sie), die durch die Vagina betreten werden konnte und in deren Innerem sich ein Kino, ein Planetarium, eine beschallte Liebesbank, eine Milchbar und diverse andere Dinge befanden, begann der Siegeszug der „Nanas“, die nun, monströs, heiter, poppig bemalt, provokant und empörend die Welt erobern sollten. Für Niki de Saint Phalle waren die Skulpturen von großem Symbolwert. Sie verkörperten ein Gegenprogramm zur Männerwelt. Sie waren bunt , prall und voller Lebensfreude. Niki de Saint Phalle: „Frauen sind einfach stärker.“ Mit ihrer Parole “Alle Macht den Nanas” griff die Künstlerin auch die in der Luft liegenden Ideen der Frauenbewegung auf. Die „Nanas“ der Niki de Saint Phalle wurden zum weltweiten Symbol für weibliches Selbstbewusstsein und Stärke und für die Künstlerin selbst zum Sinnbild ihrer seelischen Heilung.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-165 alignleft" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-297x300.jpg" alt="" width="297" height="300" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-297x300.jpg 297w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-300x303.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-100x101.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-600x605.jpg 600w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-768x775.jpg 768w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-1015x1024.jpg 1015w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-150x151.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-200x202.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-450x454.jpg 450w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise-900x908.jpg 900w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2017/08/louise.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 297px) 100vw, 297px" />Auch die berühmte Künstlerin <b>Louise Bourgeois</b> setzte sich Zeit ihres Lebens in ihrem Werk mit ihrer Kindheit auseinander, die ebenso wie die Niki de Saint Phalles von väterlicher Gewalt geprägt war. Doch anders als bei dieser übte Louise Bourgeois Vater eher eine psychische Gewalt auf seine Tochter aus. Dabei spielt aber auch Sexualität eine große Rolle.</p>
<p>Louise Bourgeois wurde am 25. Dezember 1911 als dritte Tochter von Jean-Louis Bourgeois und dessen Frau Joséphine geboren. Leider war das Neugeborene wieder nicht der vom Vater erhoffte Sohn. Um den Vater mit der Geburt einer weiteren Tochter zu versöhnen, griff Mutter Joséphine zu einer List. „Das Kind ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten!“, soll sie gesagt haben. „Wir wollen es Louise nennen.“ Durch den Umstand ihrer Geburt blieb Louise Bourgeois ihr Leben lang der Vorstellung verhaftet, die Geburt von Töchtern müsse man „verziehen“ bekommen und als Tochter müsse man sich lebenslänglich sein Daseinsrecht erkämpfen.</p>
<p>Louise Bourgeois Vater, ein Kunsthändler, war ein notorischer Schürzenjäger und betrog ihre Mutter wann immer er konnte. Dies kränkte die Mutter sehr, die eine Manufaktur mit 20 Arbeiterinnen leitete, in der historische Tapisserien restaurierte wurden. Der Vater, ein Charmeur und eingefleischter Macho nahm bei seinen Seitensprüngen weder auf seine Frau noch auf seine Töchter Rücksicht. Mehrfach brachte er eine Geliebte mit ins Haus und mutete seiner Familie zu mit dieser zusammenzuleben. Als Louise acht war, kam dann Sadie Richard Gordon ins Haus, ein schönes englisches Kindermädchen, das ihr frühzeitig die Weltsprache Englisch beibringen sollte. Louise war stolz, dass man sich so um sie bemühte, bis sie entdeckte, dass auch Sadie eine Geliebte ihres Vaters war. Zehn Jahre lang lebte Sadie im Haus der Bourgeois mit der Familie unter einem Dach. Joséphine Bourgeois, die mit knapper Not die spanische Grippe überstanden hatte, war gesundheitlich angeschlagen und duldete die Rivalin notgedrungen in ihrem Haus. Louise, die ihre Mutter sehr liebte, musste nun zehn Jahre lang blind sein gegenüber deren Schmerz und erstickte fast an ihrer Wut auf den Vater. Dabei musste sie nicht nur das Leid ihrer Mutter verdrängen, sondern auch ihre eigene Enttäuschung, hatte sie doch geglaubt, von Sadie geliebt zu werden, um dann festzustellen, dass sie nur als Mittel zum Zweck diente. Auch sie war von Sadie und von ihrem Vater betrogen worden. Sehr zu schaffen machte ihr auch die Verletzung ihrer Schamgefühle durch ihren Vater. Dieser machte sich häufig über sie lustig und stellte sie während des Essens bloß. So schnitt er aus einer Mandarinenschale einen Mädchenkörper zeigte ihn hoch und sagte: „Seht her, das ist Louise. Sie hat nichts! Alles, was sie zwischen den Beinen hat, sind ein paar dünne weiße Fäden!“ Während die anderen lachten knetete Louise aus Brot heimlich den Körper ihres Vaters und schnitt ihm anschließend mit dem Messer alle Glieder ab. „Meine erste skulpturale Lösung“, bemerkte sie später trocken. So wurde Louise Bourgeois anders als Nicki de Saint Phalle bereits als Mädchen zur Künstlerin.</p>
<p>In einem Interview, der Kulturzeit des Fernsehsenders 3sat sagte sie darüber:</p>
<p>„Mein Vater redete pausenlos. Ich hatte nie Gelegenheit, etwas zu sagen. Da habe ich angefangen, aus Brot kleine Sachen zu formen. Wenn jemand immer redet und es sehr weh tut, was die Person sagt, dann kann man sich so ablenken. Man konzentriert sich darauf, etwas mit seinen Fingern zu machen. Diese Figuren waren meine ersten Skulpturen, und sie repräsentieren eine Flucht vor etwas, was ich nicht hören wollte. […] Es war eine Flucht vor meinem Vater. Ich habe zahlreiche Arbeiten zu dem Thema &#8218;The Destruction of the Father&#8216; gemacht. Ich vergebe nicht und ich vergesse nicht. Das ist das Motto, das meine Arbeit nährt.“</p>
<p>Aber auch in der elterlichen Werkstatt fertigte Louise Bourgeois schon als Kind Zeichnungen an, mit deren Hilfe schadhafte Stellen in den alten Stoffen ersetzt werden konnten. Spezialisiert war sie dabei auf das Zeichnen von Füßen. Ihre Mutter war von Beruf Weberin, was Louise später als Künstlerin immer wieder aufgreifen sollte. Sie war 20, als ihre Mutter starb. Als Reaktion auf das Unverständnis des Vaters für ihre Trauer sprang sie in die Bièvre, den Fluss hinter ihrem Elternhaus. Sie wurde gerettet. Überhaupt kann Louise Bourgeois Leben als ständiger Kampf gegen den übermächtigen Vater gesehen werden. Noch als Erwachsene traf sie alle wichtigen Entscheidungen nur aus Opposition gegen ihn.</p>
<p>Ihr Vater war gegen den Kommunismus, also sympathisierte Louise damit. Der Vater hatte etwas gegen Künstler, also brach sie ihr Mathematikstudium ab und studierte Kunst und Kunstgeschichte. Ihr Vater war ein notorischer Schürzenjäger, also heiratete sie einen „Puritaner“, den amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater.</p>
<p>Erst als sie mit diesem 1938 nach Amerika übersiedelte, gelang es ihr sich von ihrem Vater zu lösen.</p>
<p>Hier gibt es eine weitere Parallele zwischen den Künstlerinnen Nicki und Louise. Beide in der Nähe von Paris geboren verlassen sie mit ihren Ehemännern Frankreich und gehen nach New York. Erst der Atlantik, der zwischen den Töchtern und den Vätern lag, schaffte eine gewisse Distanz zur Vergangenheit.</p>
<p>Doch weder Niki de Saint Phalle noch Louise Bourgeois konnten in New York die Erlebnisse ihrer Kindheit völlig vergessen. Niki de Saint Phalle verließ New York nach einem Nervenzusammenbruch und einem darauf folgenden Aufenthalt in der Psychiatrie. Sie zog mit ihrem Mann und ihrer Tochter zurück in die Nähe von Paris. Louise Bourgeois blieb bis zu ihrem Tod in New York. Hier schuf sie ihr gesamtes Lebenswerk. Dabei wurden die Wut auf den Vater und das Mitleid mit der Mutter für sie zum zentralen Motiv ihrer Kunst. Aus der Kindheit kam für sie der erste und einzige schöpferische Impuls. Die Jahre an der Seite ihrer Mutter verloren für sie nie ihre magische Kraft und die Geschehnisse um ihren Vater nie das geheimnisvolle Dunkel.</p>
<p>Louise Bourgeois bekam in Amerika drei Söhne und begann auch ihre künstlerische Laufbahn in der Metropole an der Mündung des Hudson River. Tagsüber versorgte sie Haushalt, Mann und Kinder und nachts arbeitete sie in ihrem bescheidenen Atelier. Aus dieser Zeit stammen mehrere Zeichnungen, die einen Frauakt darstellen, dessen Kopf, Schultern und Arme in einem engen Haus stecken. Jeder kennt das Gefühl von Enge und Gefangensein, das ihn in Momenten überfällt, in denen er ein enges Kleidungsstück über den Kopf auszuziehen versucht und darin stecken bleibt. Die Künstlerin nannte diese Zeichnungen „Femme Maison“. Sie verdeutlichen die Enge, die sie als Hausfrau und Mutter damals empfand, aber auch die Enge, die in ihrem Elternhaus allgegenwärtig war.</p>
<p>Jean-Louis Bourgeois verstarb 1951, blieb aber in Louises Kunst gegenwärtig. In ihren Kunstwerken aus jener Zeit beschäftigte sie sich in immer neuen Varianten mit ihm. Ähnlich wie Niki de Saint Phalle versuchte sie den dominanten Vater über den Weg der Kunst zu zerstören. So schuf sie 1974 das wohl berühmteste Werk zu diesem Thema. „Destruction of the Father“, eine Rauminstallation über den kannibalischen Vatermord, in der sie ihre Angst und Ohnmacht in der Beziehung zu ihrem Vater thematisiert.</p>
<p>In ihren Skulpturen verarbeitet Louise Bourgeois lange Zeit ihre Angst vor der Sexualität und vor der Übermacht des männlichen Prinzips. So schuf sie viele Skulpturen mit eindeutig sexuellem Inhalt, wobei der Phallus eines ihrer Lieblingsmotive war. Doch selten kommt dieses männliche Sujet allein daher. In vielen Skulpturen kombinierte die Künstlerin männliche und weibliche Geschlechtsorgane wie in „Janus Fleuri“ einer Bronzeskulptur, die einen weiblichen Schoß darstellt, der an Stelle der Hüftknochen mit prallen Hoden ausgestattet ist. Ein weiteres Beispiel ist die „Weiche Landschaft III“ aus dem Jahr 1967. Hier sind die Scham, mit vorwitziger Klitoris, und zwei Hoden als Hügel in eine sanfte Landschaft eingefügt. Kommt der Phallus aber allein daher, so spielte Louise Bourgeois zumindest mit dem Titel der Skulptur auf das Weibliche an. So nannte sie beispielsweise eine sehr realistische, übergroße Darstellung eines Phallus aus Latex über Gips „Fillette“, was ins Deutsche übersetzt „Töchterchen“ oder „kleines Mädchen“ heißt. Ihre Visionen konkretisierte die Künstlerin mit den Worten: „Natürlich war meine Arbeit immer sexuell suggestiv! Manchmal bin ich vollkommen mit weiblichen Formen beschäftigt, ich schaffe dann Wolkenberge aus Brüsten, aber oft verschmelze ich die Bilder und es entstehen phallische Brüste und Skulpturen, die sowohl männlich als weiblich sind, sie wirken aktiv und passiv zugleich.“</p>
<p>Erst in ihrem Alterswerk &#8211; wenn man bei Louise Bourgeois überhaupt von einem solchen sprechen kann, blieb sie doch bis zum Ende ihres Lebens immer in Entwicklung und ihre Kunst so jung, dass sie ihren Platz zwischen den etablierten Künstlern der heutigen Zeit behaupten konnte &#8211; wandte sie sich einer rein weiblichen Form, der Spinne zu. Sie schuf riesige Bronzespinnen, die entweder eine ihrer „Cells“ &#8211; die klaustrophobische Räume aus Maschendraht &#8211; bewachen, oder ihre eigene Brut, die sie in Form von großen Eiern in einem Netz unter dem Körper tragen. Diese Spinnen, die Louise Bourgeois „Maman“ nannte sind eine Hommage an ihre Mutter, der besten Freundin ihrer Kindheit. Mit ihnen und mit den sehr weiblichen Puppen, die sie im Alter aus Stoff nähte und einzeln oder in Paaren von der Decke baumeln ließ, scheint sie ihren Vater endgültig überwunden zu haben.</p>
<p>Louise Bourgeois starb im Alter von 98 Jahren am 31. <span lang="en-GB">Mai 2010 in New York. </span>Sie war eine der bedeutensten Künstlerinnen unserer Zeit.</p>
<p>© Text: Xenia Marita Riebe</p>
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