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	<title>Nationalsozialismus Archive - Blue Blog</title>
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	<title>Nationalsozialismus Archive - Blue Blog</title>
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		<title>Zwangssterilisation im Nationalsozialismus</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Xenia Marita Riebe]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 09 Mar 2024 17:00:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
		<category><![CDATA[„Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“]]></category>
		<category><![CDATA[AfD]]></category>
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		<category><![CDATA[Gynäkologie im Nationalsozialismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wenn du die AfD wählen willst, oder eine andere rechte Partei, dann denke daran, dass ihre Ideologie auch dich und deine Familie treffen kann. Anne war 17 Jahre alt, als Nachbarn sie diffamierten. Anne sei erbkrank, sagten sie, denn Anne &#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Wenn du die AfD wählen willst, oder eine andere rechte Partei, dann denke daran, dass ihre Ideologie auch dich und deine Familie treffen kann.</strong></p>
<p><img fetchpriority="high" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-8239" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/anne.jpg" alt="" width="319" height="450" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/anne.jpg 319w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/anne-213x300.jpg 213w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/anne-100x141.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/anne-150x212.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/anne-200x282.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/anne-300x423.jpg 300w" sizes="(max-width: 319px) 100vw, 319px" /></p>
<p>Anne war 17 Jahre alt, als Nachbarn sie diffamierten. Anne sei erbkrank, sagten sie, denn Anne hatte, weil sie als Kind an Rachitis litt, deformierte Hände. Ihre Hände wurden als körperliche Missbildung gewertet und das genügte, sie aufgrund des „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat, unter Zwang zu sterilisieren.<br />
Da Anne minderjährig war, sollten ihre Eltern in die Sterilisation einwilligen. Sie selbst und auch ihre ganze Familie versuchte, sich gegen die ungerechtfertigte Sterilisation zur Wehr zu setzen. Doch die Institutionen und Ärzte wischten alle Einwände, ohne richtig hinzuhören, weg. Ihr Urteil war bereits gefällt. Ihre Eltern waren stark verunsichert und Anne glaubte, dass ihr Leben nun ruiniert sei. Schließlich habe sie sich ohnmächtig und auf den Rat ihrer Eltern hin, dem Schicksal gebeugt.<br />
Was dann folgte, traumatisierte sie schwer.<br />
Anne wurde mit verdecktem Gesicht im Hörsaal der I. Universitäts-Frauenklinik in München den Studenten vorgeführt und der Professor beschrieb ihre angebliche Erbkrankheit. Dann wurde das operative Verfahren mit entblößtem Unterleib vor den Studenten besprochen. Anschließend wurde die Sterilisation, ohne Absprache und ohne jegliche menschliche Zuwendung vorgenommen. Bei der Operation verletzte der Arzt ihre Blase, wodurch es postoperativ zu einem lang anhaltenden fieberhaften Verlauf kam. Noch Jahre nach der Zwangssterilisation musste Anne sich vier Folgeoperationen unterziehen, denn sie hatte wegen Verwachsungen im Unterleib starke Unterbauchschmerzen.<br />
Eine Familie zu gründen war Anne verwehrt und da sie keine Kinder bekommen konnte, war es für sie sehr schwierig, eine glückliche Partnerschaft einzugehen.<br />
Im Alter von 72 Jahren erklärte Anne: Ich habe in meinem Beruf alle Tätigkeiten zur Zufriedenheit ausgeführt und auch in meinem Haushalt stets alles allein gemacht. Ich hätte mit meinen Händen auch Kinder großziehen können. Die Zwangssterilisierung hat meine Lebensperspektive und mein Glück zerstört.</p>
<p><img decoding="async" class="alignnone wp-image-8241 size-full" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin.jpg" alt="" width="700" height="503" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin.jpg 700w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin-300x216.jpg 300w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin-100x72.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin-150x108.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin-200x144.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin-450x323.jpg 450w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/03/handschrift_patientin-600x431.jpg 600w" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" /></p>
<p>Aus dem Archiv für Gynäkologie 257, 1995, Seiten 753 -771<br />
Gynäkologie im Nationalsozialismus &#8211; oder ,,Die späte Entschuldigung“<br />
M. Stauber</p>
<p><em>Nach dem Erbgesundheitsgesetz vom 14. Juli 1933 wurden ab dem 1. Januar 1934 besondere „Erbgesundheitsgerichte“ eingerichtet, in denen jeweils ein Arzt, ein Gesundheitsbeamter und ein Berufsrichter über Anträge auf Sterilisierung zu entscheiden hatten. Es gab damals ca. 200 Erbgesundheitsgerichte und 30 Obergerichte für diese Thematik. Rothmaler weist darauf hin, dass eine, „erbbiologische Bestandsaufnahme“ durch eine Flut von Anzeigen möglich war, die von Hausärzten, Kliniken, Fürsorgebehörden, Gefängnissen oder von Privatpersonen vorgenommen wurden. Betroffene Frauen, Männer und Kinder wurden vorgeladen, und dies erfolgte nicht selten in Form einer polizeilichen Anweisung. Eine Frau aus unserer Nachbetreuungsgruppe schildert, dass sie sich gegen die Einweisung vehement gewehrt habe und deshalb mit gefesselten Händen in die I. Universitäts-Frauenklinik München gebracht wurde. Auch Schwestern der Klinik, die Zeitzeugen waren, berichteten von unvorstellbaren Zwangsmaßnahmen gegenüber sich wehrenden Patientinnen. Im Juni 1935 wurden vom Reichsinnenministerium auch Schwangerschaftsabbrüche aus „eugenischen Gründen“ im Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses verankert. In Hamburg und auch in München wurden Schwangerschaften bis zur 28. Woche abgebrochen. Rothmaler berichtet noch, dass ganze Familienverbände in die Erfassung zur Sterilisation gerieten und unfruchtbar gemacht wurden. In einer Mischung von Angst, Verzweiflung, Aufmüpfigkeit und Nichtbegreifenkönnen versuchten viele Patientinnen und deren Familien auf die Ärzte einzuwirken, die beabsichtigte Sterilisation abzuwenden. Solche Beispiele haben wir auch aus den Münchner Patientinnenakten entnommen &#8211; eine Hilfeleistung seitens der Gynäkologen im Sinne der Patientinnen konnten wir in den Akten jedoch nie finden. Anscheinend völlig systemtreu wurden die Indikationen zur Sterilisation ärztlich bestätigt &#8211; selbst wenn deutlich wurde, dass es sich lediglich um eine minimale körperliche Missbildung handelte. Die meisten der Patientinnen ergaben sich resigniert in ihr Schicksal und häufig in die Isolation. Vom Gesetz zum Schweigen verpflichtet, verbargen sie auch vor ihrer Umgebung aus dem Gefühl der Schande und Entwürdigung ihr Schicksal und konnten daher keine Solidarität oder gar kollektiven Widerstand entwickeln.</em></p>
<p><em>Das Ausmaß der inhumanen Medizin im Dritten Reich ist kaum fassbar, die verursachten Wunden bei den Opfern sind z.T. unheilbar, und das Leid der betroffenen Menschen später ist in körperlicher und vor allem psychischer Hinsicht immens. In der folgenden Tabelle finden sich Angaben, die von kompetenten Autoren und Historikern zusammengetragen wurden und die zu einem nicht unerheblichen Teil auch Ärzte der Frauenheilkunde betreffen. Die angegebene Zahl von ca. 300000 Zwangssterilisationen betrifft zu ca. 2 Dritteln Frauen. Die Opfer- dies geht aus den Untersuchungen der I. Universitäts-Frauenklinik hervor &#8211; belasten besonders schwer die damalige Einstellung vieler Gynäkologen. Die Ideologie des Nationalsozialismus, die Vorläufer im Sozialdarwinismus und in der Eugenik fand, setzte sich zum Ziel, ein „gesundes deutsches Volk“ zu schaffen, sogenannte „Volksschädlinge“ auszusondern und „erbkranken Nachwuchs“ zu verhindern. Sie brauchte hierzu den Arzt und speziell den Gynäkologen als Spezialisten. Und in der Tat wurden viele Gynäkologen zum Erfüllungsgehilfen dieser Idee der Rassenhygiene. Die Gunst der ersten Stunde &#8211; nämlich den inhumanen Anfängen von ärztlicher Seite entsprechend dem hippokratischen Eid zu widerstehen &#8211; wurde nur von wenigen genutzt. Die Maschinerie lief kontinuierlich in Richtung einer Medizin der Gewalt und schließlich der Euthanasie. Es sei noch daran erinnert, dass bei der Zwangssterilisation (mit und ohne Zwangsabtreibung) aufgrund des Eingriffes oder sekundärer Komplikationen mehrere tausend Todesfälle zu verzeichnen waren.</em></p>
<p>Text und Foto: <img decoding="async" src="https://vg02.met.vgwort.de/na/0fad1bdbfebb458b940454ce4c0ced5a" alt="" width="1" height="1" />Xenia Marita Riebe</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://bild-art.de/zwangssterilisation-im-nationalsozialismus">Zwangssterilisation im Nationalsozialismus</a> erschien zuerst auf <a href="https://bild-art.de">Blue Blog</a>.</p>
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		<title>Hass kennt sie, solange sie lebt.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Xenia Marita Riebe]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 24 Feb 2024 13:42:52 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Allgemeines]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Queere Menschen verdienen unsere Achtung und unseren Schutz. Denke daran, wenn du die AfD, das Bündnis Sahra Wagenknecht oder die Werte Union wählen willst, weil rechtes Gedankengut schon einmal in Hass gegen Minderheiten geführt hat. Auszug aus dem Roman „Libellen &#8230;</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Queere Menschen verdienen unsere Achtung und unseren Schutz. Denke daran, wenn du die AfD, das Bündnis Sahra Wagenknecht oder die Werte Union wählen willst, weil rechtes Gedankengut schon einmal in Hass gegen Minderheiten geführt hat.</strong></p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-8222" src="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/02/grete_libelle_small.jpg" alt="" width="332" height="450" srcset="https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/02/grete_libelle_small.jpg 332w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/02/grete_libelle_small-221x300.jpg 221w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/02/grete_libelle_small-100x136.jpg 100w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/02/grete_libelle_small-150x203.jpg 150w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/02/grete_libelle_small-200x271.jpg 200w, https://bild-art.de/wp-content/uploads/2024/02/grete_libelle_small-300x407.jpg 300w" sizes="auto, (max-width: 332px) 100vw, 332px" /></p>
<p><strong>Auszug aus dem Roman „Libellen im Winter“ von Gudrun Seidenauer</strong></p>
<p>Zweimal, dreimal, viermal: Den Reflex, die Schläge mitzuzählen, hat sie noch aus der Schule. Sie treffen immer woandershin. Das Knacken der Rippen zuckt bis unter die Schädeldecke, ein Blitz aus Schmerz schießt in den Bauch, kippt in ein hartes Pochen, das der nächste Blitz verdoppelt. Hände schubsen, quetschen, boxen. Fäuste hämmern auf Schultern und Kreuz. Der Schmerz löscht Grete aus.<br />
In diesen Schuhen kann man nicht rennen. Riemchenpumps von einer Einkaufstour an die italienische Grenze. Aber sie wollte heute Abend unbedingt gut aussehen. Als ihr die Männer entgegentreten, hilft auch ihr reflexartiges Lächeln nicht.<br />
„Was grinst du so blöd, du perverses Luder?“<br />
Sie ohrfeigen ihr das verzagte Lächeln aus dem Gesicht, bevor sie zurückweichen kann. Ein paar Schritte abseits, schattenhaft und schweigsam, ein Dritter, sie dreht den Kopf in seine Richtung, der Hilferuf kommt als Gurgeln mit einem Schwall Blut aus der Nase. Er steht da und schaut, nicht wütend wie die anderen: interessiert. Ein Tritt in den Bauch lässt sie einknicken. Sie sieht, dass er seine Hände in die Hüften gestemmt hat, die Daumen in die Gürtelschlaufen eingehängt. Dann fährt ihr brennende Schwärze ins Gesicht. Die Männer rütteln sie wach. Blut füllt ihren Mund, tropft in den Ausschnitt. Das Kleid mit dem bunten Kleeblattmuster, auf das sie so stolz war, ist vom Saum bis zur Taille zerrissen, die Knöpfe am Oberteil abgesprengt. Ihre linke Brust hängt halb aus dem BH, als sie sich aufrappelt, nach ihrem Schuh tastet.<br />
Sie lachen. Was sie sagen, versteht sie nicht, das Dröhnen in ihrem Kopf ist zu laut. Der Interessierte holt aus und schüttet ihr den Inhalt seiner Flasche ins Gesicht. Mit einem Schlag ist es still, nur ihr Keuchen ist zu hören.<br />
<strong>„Solche wie dich hat der Hitler vergessen“</strong>, stößt der eine hervor.<br />
Der andere: „Da haben wir noch was zu erledigen.“<br />
Der Arm des Mannes saust durch die Luft, schlägt der leeren Flasche an einem Hydranten den Hals ab. Er macht einen Schritt auf Grete zu. Sein Blick ist anders: fokussiert, als gelte es, eine Aufgabe zu erfüllen, für die es Konzentration braucht.<br />
„Du Sau. Du perverse Sau. Solche wie dich sollte man -“<br />
Eine aufjaulende Sirene schneidet ihm das Wort ab, die drei wechseln Blicke, und sie verschwinden, werden so jä eins mit dem Dunkel der Gasse, dass Grete ist, als wäre sie in einem einzigen bösen Traum einem einzigen Ungeheuer mit vielen Fäusten begegnet. Hass ist nichts Besonderes für sie, Hass kennt sie, solange sie lebt. Sie selbst ist ihm bis jetzt halbwegs ausgewichen, zumeist waren andere im Fadenkreuz. Aber Hass kann jederzeit jeden treffen, so kennt sie es. Man kann wachsam sein, man kann sich wegducken, durchtauchen, so sehr eins werden mit dem Hintergrund, dass man im rechten Moment unsichtbar ist. Man kann darauf achten, was sie wollen, die das Sagen haben. Man kann so tun, als gäbe man es ihnen.<br />
…<br />
Der Henkel ihre Handtasche ist gerissen, aber Schlüssel, Portemonnaie und Ausweis sind noch da. Der Polizist lässt den Arm aus dem Fenster hängen und winkt sie zu sich her. Grete hinkt zwei Schritte auf ihn zu. Sie ist überwach, sodass die Dinge gleißende Konturen bekommen.<br />
…<br />
Bei der Beschreibung der Täter bemerkt Grete, dass sie Allerweltstypen benennt: junge Männer zwischen zwanzig und dreißig, schlank, einer breiter, einer mit Oberlippenbärtchen, der andere ohne. Über Haarfarbe und Augenfarbe kann sie nichts sagen, Narben oder andere Besonderheiten hat sie nicht wahrgenommen, wie auch.<br />
„Möchten Sie Anzeige erstatten? Viel bringen wird es nicht, das kann ich Ihnen gleich sagen, aber natürlich -“<br />
Der Polizist nimmt sie in den Blick und Grete spürt, dass das eine Falle ist. Sollte sie keine Anzeige wollen, sieht es so aus, als hätte sie etwas zu verbergen.<br />
Ja, eine Anzeige wolle sie auf jeden Fall. Und nein, einen Arzt brauche sie nicht. Sie bemüht sich um ein ausdrucksloses Gesicht.<br />
…<br />
Auf dem Revier stellt ihr der freundlichere Beamte eine Tasse Tee hin. Sie lächelt, fährt sich durchs Haar und hofft, für die Umstände wieder einigermaßen auszusehen. Das Kleid ist hin, aber was für ein Glück, dass sie es anhat: Es wirkt modisch, doch mit dem bunten Kleeblattdruck und dem Tellerrock zum engen Oberteil auch mädchenhaft. Sie schlägt die Beine übereinander, zieht den zerrissenen Stoff über den Oberschenkel.<br />
Woher, wohin, aha, warum dieser Weg? Der Name der Freundin, Adresse, Beruf? Ob sie sich schon lange kennen würden. Zweck des Besuchs, die Dauer. Und warum genau diese Gasse? Bücher, aha, die Auslage. Kann sie sich denn an eines erinnern? Zufällig?<br />
Die verhören sie, als wäre sie es, die etwas angestellt hat. Die führen eine Kartei, hat ihr Erich erzählt.<br />
…<br />
Grete ignoriert ihr Schmerzen, richtet sich auf und legt alle Kraft in ihre Stimme: Nein, sie sei noch nie in der Weinbar Luise gewesen, nein, davon wisse sie nichts, sie sei mehr der Typ fürs Kaffeehaus. Nein, sicher nicht.<br />
„Nein, noch nie. Warum sollte ich?“<br />
Das war riskant, aber es funktioniert. Ob sie denn nicht wisse, dass -. Ein stadtbekannter Treffpunkt-.<br />
Davon gehört? Das wisse sie nicht mit Bestimmtheit. Mit so etwas befasse sie sich nicht. Mit solchen Leuten.<br />
Den Paragrafen 129 kenne sie aber?<br />
Nein, warum sollte sie? Worum geht es da? Sie tue nichts Verbotenes.<br />
…<br />
Im Roman „Libellen im Winter“ von Gudrun Seidenauer hat die junge Grete eine Weinbar besucht, in deren Hinterzimmer an verschiedenen Tagen ein Treffpunkt für Homosexuelle und Lesben stattfindet. Grete ist sich noch nicht ganz im Klaren, was ihre eigene Homosexualität betrifft. Sie geht in das Lokal, um zu beobachten. Und die Blicke, die ihr folgen, versetzen sie in eine wunderbar erwartungsvolle Unruhe.<br />
Der Überfall auf sie geschieht für sie völlig unerwartet, als sie die Weinbar nach einer Stunde verlässt.<br />
Die Szene spielt in Wien, einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Zu dieser Zeit steht in Österreich Homosexualität von Frauen nach Paragraf 129Ib immer noch unter Strafe.</p>
<p><strong>§129Ib – Erst 1971 fiel in Österreich das totale Verbot der Homosexualität.</strong></p>
<p>„Die Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft auf das Leben von Lesben und Schwulen waren weitreichend“, schreibt die Autorin Ulrike Repnik in ihrem Buch „Die Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung in Österreich“. Homosexuelles Leben sei „buchstäblich ausgelöscht worden“. Da Schwule und Lesben sich nicht fortpflanzten und damit nicht zur Reproduktion der „arischen Rasse“ beitrugen, wurden sie von den Nationalsozialisten als „Volksfeinde“ denunziert. Schwule Männer wurden in sogenannten „Rosa Listen“ polizeilich erfasst, in psychiatrische Anstalten überwiesen, kastriert oder in Konzentrationslager eingeliefert, wo sie den „Rosa Winkel“ tragen mussten.<br />
Im Gegensatz zu Deutschland, wo der §175 nur männliche Homosexualität unter Strafe stellte, konnten in Österreich während des Nationalsozialismus auch Lesben verhaftet werden. Das Zentrum QWIEN hat Strafakten aus der Nazi-Zeit archiviert. Darin finden sich Fälle von Frauen, die nicht nur wegen sexuellen Handlungen verurteilt wurden, sondern auch, weil sie sich Liebesbriefe geschrieben hatten. Männer wurden häufig an öffentlichen Orten wie Bädern oder Parks in flagranti erwischt. Einmal in der Woche ging die Kripo in das Esterhàzybad, wo es zu sexuellen Handlungen zwischen Männern in der Dampfkammer kam, erzählt Hannes Sulzenbacher von QWIEN. Die Polizeibeamten gingen undercover und trugen nur einen Lendenschurz. Eine ähnliche Szene für Frauen dürfte es nicht gegeben haben. Sexuelle Kontakte fanden meist im Privaten statt.<br />
Das Zentrum QWIEN geht von ungefähr 1.400 Wienerinnen und Wienern aus, die während der NS-Zeit angeklagt wurden. Nur etwa fünf Prozent der Strafakten betreffen Frauen. Aber warum ist der Anteil so gering? Ulrike Repnik erklärt, dass Frauen nach nationalsozialistischer Ideologie keine eigene Sexualität zugestanden wurde. Zudem wurde argumentiert, dass Frauen dadurch, dass sie nicht in Spitzenpositionen tätig seien, den Staat nicht gefährden würden, so Repnik.<br />
Die deutsche Historikerin Claudia Schoppmann argumentiert, dass der Nationalsozialismus von Anfang an als Männerbund konzipiert war. Außerdem, so der nationalsozialistische Gedankengang, könnten „verführte“ Lesben ja trotzdem noch als Gebärende zur Verfügung stehen. Bis 2005 wurden homosexuelle KZ-Überlebende nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt.<br />
Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb der §129Ib. Wer während des Nationalsozialismus wegen gleichgeschlechtlicher „Unzucht“ verurteilt worden war, musste seine Haft nach 1945 fortsetzen. Doch wurden in den Sechzigerjahren Stimmen laut, die eine Reform des Strafrechts zugunsten von Schwulen und Lesben forderten. So etwa der SPÖ-Justizminister Christian Broda. Ähnlich wie heute die Ehe für alle, entbrannte damals der §129Ib zum innenpolitischen Streitpunkt zwischen ÖVP und SPÖ. Die Volkspartei widersetzte sich der Reform Brodas und wurde dabei von der katholischen Kirche unterstützt. Als die SPÖ im Jahr 1971 die absolute Mehrheit erreichte, fiel im Rahmen der kleinen Strafrechtsreform das Totalverbot auf Homosexualität. Österreich war zu diesem Zeitpunkt eines der letzten Länder in Europa, das an einem Verbot von weiblicher und männlicher Homosexualität festgehalten hatte, schreibt Repnik. Im Zeitraum von 1950 bis 1971 waren ungefähr 13.000 Homosexuelle in Österreich verurteilt wurden, davon 95 Prozent Männer.</p>
<p>Quelle: QWIEN – Zentrum für queere Geschichte</p>
<p>Foto: © Xenia Marita Riebe<br />
Romanauszug. © Gudrun Seidenauer<br />
Textteile. © Xenia Marita Riebe</p>
<p>Lies auch: <a href="https://bild-art.de/der-wiener-nationalsozialist-hat-nicht-nur-humor-er-hat-auch-fantasie">Der Wiener</a> Nationalsozialist hat nicht nur Humor, er hat auch Fantasie.</p>
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