Tims Reisetagebuch Südamerika 9 – Rio: Reiche – Arme – ICH

10.01. Rio de Janeiro – Reiche – Arme – ICH

Bom Dia Daheimgebliebene!!
Ich bin nun in Rio, eine der wohl bekanntesten Städte der Welt, Traum aller Karnevalsjecken, erstes Reiseziel für reiche Singles und Stadt der Erotik (wie mir der freundliche Herr im Reisebüro erklärte und mir einen Katalog mit den besten Pornokinos in die Hand drückte). Tja, ich muss wohl einen heruntergekommenen Eindruck gemacht haben…!
Mein erster Eindruck von Rio (und auch von Sao Paulo) war wie immer:
Wie kann man nur in so einer riesigen Stadt leben? Ich meine, ich kann mir ja vorstellen, in Berlin zu leben, aber Berlin ist ja auch klein im Gegensatz zu diesen Städten.
Überall wimmelt es von Menschen, die Ärmeren liegen auf den Wegen herum, die Reicheren sehen weg und die Allerreichsten lassen die Armen von Ihren Bodyguards wegschaffen. In den ärmeren Vierteln türmen sich die Papphäuser und Wellblech-Holzhütten, dann kommen die Ziegelsteinhütten, kaum so gross wie das Studentenzimmer von Markus K., danach die besseren, grafittibeschmierten Häuser, vor denen sich der Müll stapelt (und in denen sich meistens die Hotels meiner Preisklasse befinden;
(Preisklasse: Haben sie nicht etwas Billigeres!), dann kommt das Centro, dann die Oberemittelschicht, dann die Oberschicht, dann die Touristenklasse (Copacabana) und schliesslich die Luxusvillen, die ich leider in Rio nicht zu Gesicht bekommen kann, da die Polizei mich wohl für zu gefährlich hält (tatsächlich hatte ich keinen Zutritt und wurde gebeten, doch wieder in die Innenstadt zu fahren).

In ¨einem Viertel¨ Catete gibt es kleine, schmutzige Bars mit brasilianischer Musik, viele Buffetrestaurants (das ist wohl der Renner in Brazil, man nimmt sich soviel man will und das wird dann gewogen und man bezahlt einen Betrag (per Gramm!) und auch ein paar Banken.
Dort war ich dann auch gestern, nach Öffnungsschluss, um meine Mastercard erneut zu testen, und es war das erste Mal, das ich meinen Brustbeutel benutzte. Wie ich dann also gerade meine Karte ziehen wollte, öffnet sich die Banktür und 3 Security-Männer mit einem Geldsack kommen herein, blicken auf meine Hand im Kragen, ziehen ihre sehr großen Pistolen, der mit dem Geldsack springt zur Seite, zielen auf mich und schreien irgendetwas.
Ich war etwas geschockt, denn sie schienen sehr nervös zu sein und sagte nur leise: Tranquilo,tranquilo (ruhig,ruhig)! um sehr, sehr vorsichtig meine Mastercard zu ziehen.
Die Männer entspannten sich, einer grinst und sagt auf englisch: Normally I’m not waiting!
Dann verschwinden sie und lassen mich grübelnd zurück! Was er wohl mit “not waiting” meinte?
So, das war das gefährlichste in Rio und S. Paulo bisher, heute war ich mal wieder im Meer, an der Copacabana, habe die Riesenstatue von Christus gesehen (aber nur aus der Ferne, da mir 20 Real zu teuer waren), den Zuckerberg (auch nur von unten) und ein paar Cathedralen und Geschäfte. Ach, ich habe mich diesmal von allen meinen Reisegefährten getrennt, um alleine weiterzuziehen, aber vor 10 Minuten habe ich Ruth wiedergetroffen, die eigentlich schon im Norden sein wollte, aber ähnliche Irrwege hinter sich hat und sie hat tatsächlich Diego aus Ecuador getroffen und heute abend treffe ich ihn nach einem Monat wieder und vielleicht reisen wir wieder zusammen weiter, nach Equador! Nun ja, wer mehr wissen will soll mir schreiben.
Viele Grüße vom TIM!

15.01. Arraial dÁjuda ca 39W / 17S Ein Deutscher im Paradies

 

Arraial dÁjuda

Hallo mal wieder,
Ich bin fast im Paradies. Es ist fast perfekt:
Sonnenschein den ganzen Tag, ich liege am Strand unter Palmen, trinke Milch aus frischen Kokosnuessen, bade im warmen, sauberen Atlantik, jeden Abend gibt es Parties und wenn ich nicht tanzen will, kann ich einfach nur unterm freien Sternenhimmel sitzen und Mracujasaft schlürfen und laut Zimtfischtexte singen.
Alles ist billig hier, Früchte, Bier, Essen, Unterkunft, soviel man braucht für unter 20 USD pro Tag. Man kann Fussball spielen am Strand, trampen zu entlegeneren Urwäldern, um in Wasserfällen zu duschen oder einfach nur durch die Straßen wandern, um sich exotische Waren und Geschäfte anzuschauen.
Aber es ist nur fast perfekt.
Es wimmelt hier von brasilianischen und, wie kann es anders sein, israelischen Touristen, und es ist wirklich schwer, ihnen zu entgehen.
Das soll jetzt nicht heißen, dass ich jene Leute nicht schätze, aber ich kann bald kein hebräisch und portugiesisch mehr hören und genieße zur Zeit mehr die Einsamkeit.
Und ich bin der einzige Deutsche hier in Arraial dÁjuda, eine Kuriosität unter den Touristen und daher immer gern gesehen und gefragt. Und mein Name hier ist Tschim, da die Brasileiros kein t sprechen können. Trotzdem genieße ich meine Auszeit hier, lehne mich nun eine Woche zurück, um euch Postkarten zu schreiben und meine Wunden zu lecken.
Das wars schon, bis bald,viele Grüße vom TIM!!!

21.01. Campo Grande – Brasilien und der erste freundliche, gutgelaunte Deutsche.

Hallo, alle zusammen!
und als erstes viele Grüße an den ersten freundlichen und gutgelaunten Deutschen, den ich in Südamerika getroffen habe.
Hi, Flavio, mach Dich drauf gefasst, ein paar mehr oder weniger interessante Südamerika E-Mails zu bekommen!
So, ich bin mal wieder in Campo Grande, der Stadt, die Dreh- und Angelpunkt für alle Brasilien-Bolivien Reisende ist. Ich habe mich nun endgültig entschieden, den Karneval in Bolivien zu erleben und Brasilien hinter mir zu lassen.
Meine Reiseroute war diesmal Porto Seguro (und dort habe ich erst Flavio mit meinen tausend Fragen über Brasilien und nach seiner Karte belästigt, dann 3 Italiener, einen Brasilianer und 2 Israelis und als ich dann immer noch nicht schlauer war, habe ich beschlossen, Richtung Bolivien aufzubrechen! Dann ein Zwischenstopp in Ouro Preto, einer wirklich sehenswerten, barocken Studentenstadt nahe Belo Horizonte, wo ich meine 3 Monate far-away-from-home celebriert habe, und nun nach einem weiteren 24 Stunden Bustrip bin ich wieder in der hässlichsten Stadt Brasiliens : Campo Grande.
Zu berichten gibt es hier nicht viel, ich habe während der Bustour eine umfassende Statistik erarbeitet, die ich euch jedoch noch vorenthalte…
Grüße an alle,
besonders vom alten Brice, von dem ich euch alle grüßen soll!
TIM!

Fotos ©Tim Riebe
Textüberarbeitung: © Xenia Marita Riebe

2001/2002 unternahm Tim (damals 22)  eine abenteuerliche Reise durch Südamerika, allein und (fast) ohne Geld.Von jedem erreichbaren Internetzugang schrieb er per Mail lebendige, lustige Erlebnisberichte, die auch heute noch lesenswert sind. Auf diesem Blog kannst du in 14 Folgen diese interessante Reise verfolgen.
Xenia

 

Teil 1 – Von Buenos Aires nach Bahia Blanca

Teil 2 -Nach Puerto Madryn mit Mosquitos und Marco und einem Puma

Teil 3 – Commodore Rivadavia, Caleta Olivia, Fitz Roy und drei Musketiere

 Teil 4 – Ushuaia

Teil 5 – Mit dem Truck durch Südchile

Teil 6 – von Bariloche nach Pucon, Argentinien

Teil 7 – Santiago – Mendoza – zu eunem ungünstigen Zeitpunkt

Teil 8 – Iguazu – Bonito – Paranagua / Brazil

Teil 9 – Rio de Janeiro

Teil 10 – Santa Cruz / Bolivia – Der Koenig von Quijerro – Bahnabenteuer

Teil 11 – Sucre – La Paz / Bolivia

Teil 12 – La Paz – Unwetter und Gold im Titicaca-See

 

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