Tims Reisetagebuch Südamerika 11 – Sucre – La Paz / Bolivia

Sucre – La Paz / Bolivia – Mate de Coca gegen Höhenkrankheit – In den Silberminen des Cerro Rico -Geburtstagsparty mit Panflötenmusik – durch die Salzwüste – der Aufstand der Cocaleiros – La Paz und die Gefängnisstadt San Pedro

Diese E-Mail wird mal wieder etwas länger, da ich wirklich einiges zu berichten habe!!
Von Santa Cruz aus bin ich in die bolivianische Hauptstadt Sucre gefahren, das erste Mal in einem bolivianischen Bus war auch sehr aufregend für mich. Das ganze Gepäck wurde aufs Dach geladen und es wurden mehrere Plätze doppelt verkauft, so dass der Bus völlig überladen war. Im Bus freundete ich mich gleich mit Urs (Oesterreich) und Elisa (Brasilien) an und konnte endlich mal wieder deutsch sprechen. Auch Ruth habe ich dann wieder getroffen, sie war im Bus mit Fabian aus Spanien und Veerle aus Belgien. So konnte die etwas längere Busfahrt starten. Etwas länger bedeutet: Der Bus sollte um 11:30 abfahren und fuhr dann auch 3 Stunden später ab und aus vorgesehenen 6 Stunden wurden dann 9. Für Bolivien bedeutet das aber keine Verspätung, das habe ich nun begriffen.

Sucre ist eine ziemlich durchschnittliche spanische Stadt,mit vielen kolonial-spanischen Gebäuden, stinkenden Straßen und vollen Märkten. Wir beschlossen, als Gruppe weiterzureisen, da unsere Ziele alle gleich waren: Potosi, Uyuni und La Paz.
In Sucre hatte ich dann auch schon die ersten Anzeichen von Soroche, der Höhenkrankheit, obwohl Sucre “nur” 2700 Meter hoch liegt. Doch ein Mate de Coca, also Tee mit Cocablaettern hilft hervorragend gegen die Kopfschmerzen.

Teufelstatue in Potosi mit Cocablaettern und Zigarette als Dankesgabe (Bolivia)

Am nächsten Tag nahmen wir 2 Taxis nach Potosi, die kosten ca. 1 Euro mehr als der Bus, brauchen aber eine Stunde weniger Fahrzeit. Und das beste war: Unser Taxifahrer hatte ein brandneues Kassettendeck und auch modernste Musik, wie er uns versicherte. Also fuhren wir von 2700m auf 4200m in die höchstgelegene Grossstadt der Welt. Die Musik war Klasse, es startete mit Ace of Base (kann sich noch jemand an die erinnern?) über DJ Bobo und wechselte dann ganz plötzlich zu Marilyn Manson und Rammstein. Wie habe ich gelacht als plötzlich “Heirate mich” aus den Boxen kam und der Fahrer versuchte deutsch zu singen. Na, ja, die schneebedeckten Anden zu “The beautiful People” zu betrachten hatte auch irgendwie etwas.

In Potosi dann musste ich erstmal eine Nacht schlafen um mich an die Höhe zu gewöhnen, das Blut erhält hier nur noch 70% Sauerstoff und das Atmen fällt ein bischen schwerer. Doch am nächsten Tag fühlte ich mich wieder fit und wollte dann auch mit den anderen die Minen des Cerro Rico besichtigen. Um 9 Uhr ging es los. 12 Gringos in gelben Regencapes, Gummistiefeln und Helm auf dem Kopf wurden in einen Minivan gesteckt und hinauf ging es, auf den Cerro Rico in dem 1548 Silber entdeckt wurde und die Spanier dieses Silber auf Kosten von 8 Millionen Indioleben nach Spanien brachten. Über 4000 Mineneingänge hat der Cerro Rico und nur 5 Jahre lang gab es dort Elektrizität. Heute arbeiten dort immer noch Indioarbeiter um nun Zinn und Silber von sehr schlechter Qualität herauszuschleppen. Die Arbeiter arbeiten noch mit Spitzhacke, Hammer und Meissel und Öllampen. Die meisten sterben dann auch mit 35-40 Jahren, ein Monatsverdienst entspricht 10US$.

Minenarbeiter praepariert Dynamit in Potosi (Bolivia)

Es war erschreckend und interessant durch die dunklen Minen zu klettern, kriechen und gehen, plötzlichen Dynamitexplosionen auszuweichen –
Das wirklich Schlimmste war leider unser Tourguide, der sich selbst “Frank Sinatra” nannte. Er kaute ein Cocablatt nach dem anderen, sprach ein fürchterlich schlechtes Englisch und erzählte uns den letzten Müll. Er ließ Sätze los wie: “This is cocaleaf, this katalysator, I take White one, I’m professional, you take black one, you tourists!” oder “Here Kapitalism was born”. Nun ja,ein Blick auf Potosi und man sieht, dass der Kapitalismus hier nicht verstanden wurde. Frank verlief sich dann auch in den Minen, was er aber nicht zu gab und kam sich so wichtig vor mit seinen langen Reden, bei denen er keine Fragen duldete, dass wir fast alle in eine Dynamitexplosion gerannt wären, wenn nicht ein Arbeiter uns rechtzeitig eine Warnung zugeschrien hätte. Naja,”He professional, we tourists!”
Das Interessanteste war noch die Teufelsstatue, denn die Minenarbeiter beten den Teufel an, da der ja schliesslich in der Erde wohnt.

Von Potosi ging es dann im Bus weiter nach Uyuni, wieder eine lange Fahrt, nach der man sich nur eine Dusche und ein Bett wünscht. Uyuni ist ein Ort mitten in einer Wüstenlandschaft, hier fegt ewig der Wind über die Ebene und die Menschen dort leben nur für uns Gringos, gibt es doch hier die grösste Salzwueste der Welt. Die Fahrt zur Stadt führt durch alle Arten von Wüsten und ist wunderschön, nur vor Uyuni, das wir bei Sonnenuntergang erreichten, schimmerten tausend von Plastikmüllstücken. Deshalb wird dieser Part auch die Plastikwüste genannt.
In Uyuni, kaum angekommen wird man dann bestürmt von Tausenden von Salzwüstentouranbietern, welche alle diesselbe Tour zu unterschiedlichen Preisen anbieten. Natuerlich kann man auch die Tour im Mietauto auf eigene Faust versuchen, das ist aber nicht empfehlenswert.

Die Salzwueste in Uyuni (Bolivia), mein brauner Bauch sollte einen guten Kontrast bilden, war wohl nichts.

Fabian, Veerle, Ruth und ich entschieden uns nach einigem Herumfragen dann für Juliettours, eine billige aber durchaus kompetent scheinende Company. Dabei entdeckten Veerle und ich auch, dass wir beide am 2.2. Geburtstag haben und das dann ja eine rauschende Party werden musste. Wir 4 kamen am nächsten Tag also alle zu unserem 4 Wheeldrive Landrover und wussten nur, dass noch 2 Australierinnen mit uns kommen sollten. Ich hatte alles erwartet, aber als ich dann 2 ältere Damen um die 60 mit Rucksäcken sah, musste ich doch lachen. Maryan und Lin, beide Englischlehrerinnen, waren unsere Reisebegleiter und meine anfänglichen Zweifel verflogen schon am ersten Tag, nachdem sie uns berichteten dass sie ein Paar seien, nun schon 12 Jahre reisen und englisch lehren, die letzten 2 Jahre in Pakistan waren und insgesamt so lebensfroh und jung wirkten und waren wie der Rest der Truppe.

Unsere Fahrt führte uns durch jegliche Teile der Salzwüste Uyunis, zu Vulkanen und Geysiren, warmen, natürlichen Thermalbädern, Flamingos und Lamas, Vikunas und Wüstenhasen und aller Arten von Felsformationen und Kakteen. Doch hier moechte ich lieber Bilder sprechen lassen, die ich Euch sobald als möglich schicken werde.

Meine Geburtstagsfeier in St.Juan, Veerle, Fabi, Ruth und ich!

Meinen und Veerles Geburtstag feierten wir dann in St. Juan, einem winzigen Dorf, aber dafür mit einer Disco, die ungefähr 2 mal im Jahr aufmacht, aber für uns auch diesmal öffnete.
Fabian hatte jedem erzählt, dass wir dort Geburtstag feiern und so fanden sich dann auch ca 20 Personen dort ein, die uns alle einluden zu trinken und uns kleine Geschenke gaben.
So feierte ich mit Franzosen, Us-amerikanern, Canadiern, Portugiesen, Schweizern , Brasilianern, Bolivianern und allen Arten von Nationen an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Die Musik war dann meist bolivianische Panflöten-Karnevalsmusik, das Highlight und gleichzeitig das Modernste war Live is live!!!!!!!

Der nächste Tag (also der 02.02.02) führte uns zu zahlreichen Seen, durch manchmal fast unüberwindbare Schlammstrassen. Ungefähr alle 2 km hatte eines der anderen Autos einen Motorschaden, blieb im Schlamm stecken oder hatte zuviel Wasser im Vergaser. Am Abend waren wir alle so schlammverschmiert und nass, doch fließendes Wasser gab es in unserer Unterkunft nicht. Dafür bekam ich aber doch noch das, was ich mir wünschte, ein Fussballspiel in 4300 m Hoehe. Wir spielten Frankreich gegen den Rest der Welt, bis es 4:2 für uns stand, dann wechselte ich das Team und gewann schliesslich mit Frankreich 4:5.
Nach den 4 Tagen durch die Salzwüste und sonstigen Gebirgsgebieten, wobei ich auf meine persönliche Rekordhöhe von 5500 m kletterte, entschieden Fabi, Veerle, Ruth und ich, uns direkt in den Nachtzug um 1:22 Uhr nach Oururo zu setzen. Natürlich fuhr der Zug erst um 4 Uhr ab, und wir wurden um 7 direkt wieder von bolivianischer Musik geweckt.
Also, no sleep till Oururo. Dafür sah ich dann den “Planet der Affen”auf spanisch.

Angekommen in Oururo hörten wir dann von den blockierten Strassen. Wahrscheinlich haben es die Blockaden noch nicht in die internationale Presse geschafft, deshalb hier ein kleiner Überblick. Die USA haben der bolivianischen Regierung angedroht, sofort alle Entwicklungshilfe zu stoppen, wenn Bolivien nicht sofort den Anbau von Cocablättern verbietet. Das ist ungefähr so, als würde man uns Deutschen das Biertrinken verbieten.
Die Cocaleiros sind deswegen so empoert, dass sie alle großen Strassen blockieren. Das heißt, sie überfallen Busse, werfen Steine auf Autos und legen allerlei Zeug auf die Straßen, um diese unpassierbar zu machen. Trotzdem entschieden wir uns, es mit einem der billigeren Unternehmen zu versuchen, die sehen eine gute Chance Geld zu machen und versuchen die Blockaden zu durchbrechen.
Nach einer Stunde Busfahrt kam dann die erste Blockade in Sicht und nichts ging mehr. Unser Busfahrer rief dann das Militär und als dies auftauchte hieß es dann: Alle Männer müssen raus aus dem Bus und die Straße säubern. Ich kann euch sagen, das war wieder wie im Krieg. Überall flogen Steine, das Militär feuerte mit Gaskanonen und Gasgranaten und knüppelte auf die Cocaleiros ein und öfter wurden auch Fabian und ich gefragt, ob wir Passagiere seien oder Cocaleiros.
Und das Schlimmste war, dass die Polizei wirklich ziemlich unbedacht schoss. Eine Gaswolke war so nahe bei uns, dass ich kaum mehr atmen und vor lauter Tränen auch nichts mehr sehen konnte. Trotzdem schafften wir es, bis in unseren Bus und die Fahrt ging weiter über Schleichwege bis nach La Paz. Und hier bin ich nun, lese täglich die Zeitungen, in denen steht, dass die Cocaleiros nun alle Strassen um La Paz blockieren und kein Bus, kein Auto und kein Truck mehr durchkommt, obwohl das Militär kräftig Leute erschiesst.

La Paz

Also bleibe ich wohl etwas in La Paz. Hier habe ich schon die Gefängnisstadt San Pedro besucht. Das ist wohl das beste Gefängnis der Welt. Hier sind die Gefangenen ganz sich selbst überlassen. Je nach Geld können sie sich Zellen von 10- 15000$ leisten, gefangene Gringos führen Touristen herum, es gibt Supermärkte, Restaurants, Fussballfelder, Wäschereien, Kindergärten und Feste. Die Familien leben zum Teil mit Ihren Prisoneiros im Geäengnis, die Gefangenen stellen sehr gute Blüten her, haben alle Arten von Drogen, Kabelfernsehen und Whirlpools, Billardcaffees und auch eine Schule für die im Gefängnis geborenen Kinder. Wachen gibt es nur am Ausgang oder wenn sie sich ihr Schmiergeld bei allen Geschäften abholen. Die Arrestierten halten sogar ihr eigenes Gericht ab, wenn mal ein Mitgefangener ausrastet.

Gleich um die Ecke meines Hotels befindet sich der Hexenmarkt. Alte in die typische Tracht gekleidete Indianerfrauen bieten hier alles an : Liebestränke, Flüche, Zauberringe und Heilsteine, das ekeligste sind die Lamaembryos, die Glück im Haus bringen sollenüberall drängeln sich Taxen, Busse und Menschen an Märkten, man kann kaufen was man sich nur ausdenken kann und alles ist schön billig. Trotzdem hoffe ich, dass ich La Paz bald verlassen kann, diesmal Richtung Peru, obwohl dort gerade alles überflutet ist und einige Seuchen ausgebrochen sind.
Tja, wo ich auch hingehe herrscht Ausnahmezustand. In Argentinien ist Anarchie, in Chile machen die Ultrarechten Hatz auf die Indios, in Brasilien ist das Denguefieber ausgebrochen, in Bolivien machen die Cocaleiros einen Aufstand und Peru geht im Regen unter.
Trotzdem gehts mir immer noch gut, den einzigen Diebstahl den ich hautnah erleben konnte, war, als Fabians Foto- und Videokameras gestohlen wurden,(Veerle sollte aufpassen und war nur eine Sekunde abgelenkt….so sehen die meisten Diebstähle hier aus). Also Grüße aus La Paz, danke fuer Eure Geburtstagsmails, bis bald und nun gibts auch wieder tolle Fotos. Machts gut und trinkt Wein, euer TIM!!!

Fotos ©Tim Riebe
Textüberarbeitung: © Xenia Marita Riebe

2001/2002 unternahm Tim (damals 22)  eine abenteuerliche Reise durch Südamerika, allein und (fast) ohne Geld.Von jedem erreichbaren Internetzugang schrieb er per Mail lebendige, lustige Erlebnisberichte, die auch heute noch lesenswert sind. Auf diesem Blog kannst du in 14 Folgen diese interessante Reise verfolgen.
Xenia

Teil 1 – Von Buenos Aires nach Bahia Blanca

Teil 2 -Nach Puerto Madryn mit Mosquitos und Marco und einem Puma

Teil 3 – Commodore Rivadavia, Caleta Olivia, Fitz Roy und drei Musketiere

 Teil 4 – Ushuaia

Teil 5 – Mit dem Truck durch Südchile

Teil 6 – von Bariloche nach Pucon, Argentinien

Teil 7 – Santiago – Mendoza – zu eunem ungünstigen Zeitpunkt

Teil 8 – Iguazu – Bonito – Paranagua / Brazil

Teil 9 – Rio de Janeiro

Teil 10 – Santa Cruz / Bolivia – Der Koenig von Quijerro – Bahnabenteuer

Teil 12 – La Paz – Unwetter und Gold im Titicaca-See

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Wordpress Anti-Spam durch WP-SpamShield