Bansky – Das Phantom unter den Sprayern

2008 kursierte das Gerücht, dass Bansky enttarnt sei. Die „Mail on Sunday“ hatte nach eigenen Angaben ein Jahr lang recherchiert und so die Identität Bansky, des berühmtesten Guerilla-Sprayer Englands herausgefunden. Er sei Robin Gunningham, ein junger Mann aus der Mittelschicht des englischen Bristol. Aber die Meldung war wohl nur ein Gerücht und bald war wieder klar, niemand weiß, wer sich hinter dem berühmtesten Sprayer der Welt mit dem Fantasienamen Bansky versteckt. Und das ist auch gut so, denn sollte das Geheimnis um Banskys Identität gelüftet werden, ginge viel von seiner Faszination verloren.

Seine Berühmtheit erlangte Bansky freilich nicht nur durch seine mysteriösen Sprayaktionen, sondern durch die einzigartige Qualität seiner Street Art.

Dass er dabei anonym ans Werk geht, ist für einen Sprayer selbstverständlich und wird auch von all seinen Kollegen weltweit so gehandhabt. Die Anonymität macht sogar einen großen Teil des Reizes aus, der Sprayer dazu bewegt, Nacht für Nacht durch die dunklen Straßen zu ziehen und ihre Botschaften auf die Wände entseelter Gebäude, auf Brückenpfeiler oder in U-Bahnschächte zu sprayen. Dazu ist Schnelligkeit, Mut und Geschick gefragt und je gefährlicher der „Arbeitsplatz“, desto größer der Ruhm, den der Sprayer in seiner Community erfährt.

Bansky bedient sich für seine Graffitis häufig der Methode des Stencils. Hierfür fertigt der Künstler Schablonen an mit deren Hilfe komplexe Bilder, die sogenannten Pieces aufgebracht werden können. Aber auch kleinere, immer wiederkehrende Motive können so in Sekundenschnelle gesprayt werden. Da die Schablonen mehrfach benutzt werden können steigt durch die Wiederholung bestimmter Motive der Bekanntheitsgrad ihres Schöpfers. So benutzte Bansky sehr häufig das Motiv der Ratte. Er sprayte Ratten, die mit einem Fotoapparat bewaffnet Passanten bespitzeln, Ratten, die Parolen auf Wände pinselten, Ratten, die Giftfässer auf den Bürgersteig leerten, Ratten, die Wände erklommen, vorbei an einem Schild mit der Aufschrift: „Beware Anti-Vandal Paint“, Ratten mit Megaphonen, Spritzen, Sägen, Bomben, Rettungsringen, Radios, Presslufthämmern und an Faltschirmen. Aber woher rührt diese Affinität zu dem kleinen Nager? Wahrscheinlich identifiziert Bansky sich mit Ratten, weil er ein ähnliches Leben führt wie diese. Sprayer und Ratten sind zäh, clever, unbeliebt und es ist unmöglich sie auszurotten. Sie agieren im Niemandsland zwischen Schmutz und Müll. Ratten gehören zu den wenigen wild lebenden Tieren in den Großstädten und sie werden dort noch leben, wenn die Menschen schon längst ausgestorben sind. All dies sind Eigenschaften, die ein wahrer Sprayer auch gerne für sich in Anspruch nimmt.

Bansky war aber nicht der erste Street Art-Künstler der Stencils von Ratten sprayte. Sein Vorgänger war Blek le Rat, ein Franzose, der 1971 Zeuge des Beginns der Graffiti-Bewegung in New York geworden war. 10 Jahre später überzog er ganz Paris mit einer Invasion von Tausenden von Ratten. Blek le Rat war der erste Graffiti-Künstler der mit Schablonen arbeitete. Er erfand die Stencils, weil er nicht einfach die Graffitis kopieren wollte, die er in New York gesehen hatte. Ihm war es wichtig einen eigenen Street Art-Style zu entwerfen.

Zwei Jahrzehnte später griff Bansky das Symbol der Ratte auf, fügte aber neue Elemente hinzu. Seine Ratten-Stencils zeichnen ein spielerischer Humor und sozialkritische Kommentare aus. So spielen sie unter einem Schild „No ball games“ augenzwinkernd mit einem Ball, schreiben Sprüche wie: „Because I`m worthless“ an die Wand oder stehen neben einem Rattenloch, aus dem ein roter Teppich hervorkommt, in der Uniform eines Butlers und warten auf die vornehme Herrschaft. Bansky treibt mit Vorliebe seine Späße mit den Klischees, die seinem Symboltier anhaften.

Auch Affen gehören zu den favorisierten Tieren in Banskys Werk. Meistens stehen diese aufrecht und tragen eine Art Werbeplakat auf ihrer Brust. Auf dieses schreibt Bansky dann seine Botschaften wie: „Laugh now, but one day we`ll be in charge“ oder „Lying to the police is never wrong“. Es gibt auch Bansky-Graffitis, die einen Affen zeigen, der versucht mit einer Sprengladung aus Bananen eine Tür zu öffnen, oder einen Affen, der auf einer Bombe reitet, die auf Big Ben zusteuert. Bansky selbst zeigt sich auch gerne mit einer Affenmaske oder malt das Portrait eines Schimpansen in der Pose der englischen Königin.

Der einzige Künstler, dem es bis jetzt gelungen ist, Graffitis auf die Mauer, die Israel von den palästinensischen Gebieten trennt, zu sprayen, ist Bansky. 2005 brachte er dort ein Stencil von zwei im Sand spielenden kleinen Kindern an und gleich darüber eine Art Guckloch, das den Blick auf einen schönen mit Palmen bewachsenen Strand freigibt. Ein anderes Stencil, das er auf die Mauer sprayte zeigt ein kleines Mädchen, das mit Hilfe von Luftballons die Mauer überwindet. Im selben Jahr war Bansky mit einem Guide in Ramallah unterwegs. Er wollte ein weiteres Bild auf diese Mauer sprayen. Der Guide sagte ihm, dass er unbesorgt dort arbeiten könne, denn die Wachtürme seien bis zum Winter unbesetzt. Bansky sprayte ein fantastisches Bild von einem Loch in der Mauer, durch das ein blauer Himmel mit einigen Wölkchen zu sehen ist. Vor diesem Himmel steht ein Kind in kurzer Hose mit einem Sandeimer in der Hand. Als er nach 25 Minuten zurück zum Wagen kam, lachte sein Guide hysterisch und sagte, dass die Türme mit Soldaten mit Walkie-Talkies und mit Maschinengewehren besetzt seien. Bansky hatte wohl nur Glück gehabt, nicht entdeckt worden zu sein. Er malte noch weitere Bilder auf diese Mauer, z.B. ein Wohnzimmer mit einem Fenster, durch das man eine wunderschöne Landschaft sehen kann, ein Kind, das eine Strickleiter über die Mauer wirft und ein Pferd, dessen Kopf hoch oben und dessen Beine sehr weit unten durch ein Fenster zu sehen sind.

Bansky traf dort einen alten Mann. Dieser sagte: „You paint the wall, you make it look beautiful“. Bansky bedankte sich, doch der Mann antwortete: „We don`t want it to be beautiful, we hate this wall, go home.“

Vielen Graffitis von Bansky liegt ein sozialkritischer Aspekt zu Grunde. Er sprayte beispielsweise ein hungerndes Kind, das vor einem leeren Essnapf hockt und auf seinem Kopf eine McDonalds Krone trägt. Bansky kommentierte sein Werk wie folgt: „Somethimes I feel so sick at the state of the world I can`t even finish my second apple pie.”

Andere Stencils richten sich direkt gegen die Staatsmacht. „Stop me before I paint again“ schrieb er z.B. in großen Buchstaben neben das Bild eines Polizisten mit Taschenlampe und Kampfhund.

Wieder andere sind Anti-Kriegs-Graffitis. Bansky sprayte ein Stencil das einen US Kampfhubschrauber mit einer rosa Haarschleife zeigt und darunter den Satz: „Have a nice day“. Andere zeigen einen Soldaten mit Maschinengewehr und Smiley-Gesicht, eine Mona Lisa mit Panzerfaust, ein kleines Mädchen, das eine Bombe trägt, einen Terroristen, der statt eines Molotow-Cocktails einen Blumenstrauß wirft, einen Soldaten, auf dessen Gewehrlauf ein Vogel sitzt, ein, eine Gasmaske tragendes Mädchen mit Blümchen in der Hand oder einen kauernden Guantanamo-Häftling. Unter einem Hubschrauber, der fliehende Menschen verfolgt, sprayte Bansky den Satz: „Americans working overhead“

Doch Bansky kann auch einfach nur lustig sein. Dies zeigt sich in Graffitis wie dem mit zwei sich küssenden Bobbys, dem Bobby, der ein Peace-Zeichen sprayt, dem Stencil von einem betrogenen Ehemann, der, nebst seiner Frau in Dessous, suchend aus dem Fenster schaut, während der Liebhaber nackt am Fensterbrett hängt, dem Verkehrszeichen, das eine Kuh am Faltschirm zeigt, dem Geldautomaten aus dem 10 Pfundnoten mit dem Portrait von Lady Di fallen und dem Huhn, das ein Spiegelei aus der Pfanne pickt.

Die Reihe der Bansky Stencils und Graffitis ließe sich noch lange weiterführen. Neben bildlichen Darstellungen sprayte er auch häufig Sprüche an markante Stellen. Auf eine Mauer, die häufig für Graffitis benutzt wurde, aber gerade gereinigt war, schrieb er vor die Überwachungskamera die Frage „What are you looking at?“ Auf den Asphalt einer Strandpromenade in Kalifornien brachte er die Worte „Fat Lane“ auf, um darauf aufmerksam zu machen, dass viele Amerikaner zu dick sind. Eine Mauer in London beschriftete er mit dem Spruch: „Graffiti Removal Hotline: 080034587“ und er kennzeichnete immer wieder Wände als „Graffiti Area“ und tarnte dies als offizielle Maßnahme der Stadtverwaltung des jeweiligen Ortes.

Bansky versuchte sich aber auch in einer anderen Form der Street Art. Er baute Installationen aus Verkehrshütchen, legte Streitwagen in Denkmälern Krallen an und ließ Haifischflossen in Badeseen auftauchen.

Dann ging er noch einen Schritt weiter. Er hängte Gemälde nach altmeisterlicher Art, die er vorher mit Graffitis oder anderen modernen Elementen ausgestattet hatte, heimlich in bekannte Museen. So klebte er mit Schnellkleber ein auf dem Flohmarkt gekauftes Landschaftsgemälde im schönen Goldrahmen an eine Wand der Tate Gallery. Freilich hatte er vorher Absperrbänder vor das im Gemälde zu sehende Haus gemalt, auf denen stand: „Do not cross – Police Line“. In das Museum of Natural History in New York hängte er ein Bild, das einen Käfer zeigte, der mit Luftwaffen ausgestattet war. Bansky nannte diesen: „Withus Oragainstus – United States“. Es vergingen zwölf Tage, ehe dieses Bild entdeckt und abgehängt wurde. Im Brooklyn Museum konnten die Besucher acht Tage lang einen historischen Befehlshaber bewundern, der zum sprühenden Pazifisten mutiert war. In den Pariser Louvre schmuggelte Bansky ein Gemälde von einer Mona Lisa mit Smileygesicht. Bansky kommentierte diese Aktionen wie folgt: „Die Sachen sind gut genug um im Museum zu hängen. Warum sollte ich also warten?“ Sein größter Erfolg in dieser Reihe war freilich das Werk eines antiken römischen Graffiti Künstlers namens „Banskymus Maximus“. Ein Stück Mauer hatte Bansky mit Höhlenmenschen, einem erlegten Rind und mit einem Einkaufswagen in Graffiti-Art bemalt und es mit einem erklärenden Text in das Londoner British Museum geschmuggelt. Als es entdeckt wurde geschah das Unfassbare. Die Arbeit gefiel dem Direktor des Museum so gut, dass er sie in die ständige Sammlung aufnahm. So gelang Bansky, was bisher noch kein Street Artist geschafft hat. Doch auch in kommerzieller Hinsicht ist Bansky seinen Kollegen weit voraus, zahlen doch Kunstliebhaber für besprayte Leinwände und Siebdrucke mit Bansky-Motiven horrende Preise. Bereits 2005 wurde ein Graffiti-Gemälde von Bansky, das ein Pärchen mit Taucherhelmen zeigte, für 100 000,- Euro versteigert und wenig später ging das Bild „ Bombing Middle England“ bei Sotheby`s für

150 000,- Euro über den Ladentisch. Bansky kommentierte diese Erfolge auf seine eigene Weise: „Ich kann nicht glauben, dass ihr Idioten das Zeug wirklich kauft.“, ließ er auf seiner Website wissen.

Heute kostet ein Graffiti auf Leinwand, wie z.B. „Keep it spotless“ bei Sotheby`s 1 870 000,- USD. Das Original-Graffiti, das Bansky 2006 in London an eine Mauer der Chalk Farm sprayte, blieb dort gerade 18 Minuten, bevor es entfernt wurde.

Dies zeigt, wie schwierig Street Art auch heute noch zu bewerten ist. Was dem einen als große Kunst wichtig und teuer ist, ärgert den anderen als Schmiererei, die möglichst schnell entfernt werden muss.

Bansky spendet den Erlös vom Verkauf seiner Arbeiten gerne, um anderen Künstlern zu helfen. Dies hat er schon in zahlreichen Fällen bewiesen, etwa nach der Verhaftung der russischen Künstlergruppe Voina im Jahr 2010.

In Bristol sprühte er neulich ein Graffiti auf die Wand eines bedrohten Jugendklubs. Das als „Mobile Lovers“ titulierte Porträt moderner Liebesrealität war ein Geschenk von ihm an den Klub und er sorgte dafür, dass die Stadt, die das Graffiti als Eigentümer des Grundstücks abtransportieren ließ, es zugunsten des Klubs für 403 000 Pfund verkaufte. Solche Aktionen verstärken die Verehrung Banskys durch seine Fangemeinde.

Und diese Fangemeinde hält am Mythos Bansky fest. Seine Anhänger wollen einfach nicht, dass er enttarnt wird. Dabei verdichtet sich die Erkenntnis immer mehr, dass es sich bei Bansky tatsächlich um Robin Gunningham handelt. Wissenschaftler der Queen Mary Universität haben inzwischen die Enttarnung Banskys mittels kriminalistischem Geoprofiling untermauert. Sie arbeiteten mit einem Modell, das die Orte von Bankys-Werken zur Grundlage hat und damit die Wahrscheinlichkeit des Wohnorts des Täters ermittelt. Im Fall Bansky dienten 140 Kunstwerke in London und Bristol als Ausgangspunkt. Normalerweise untersuchen die Wissenschaftler mit dieser Methode die Ausbreitung von Krankheiten.

Was Bansky wohl über diese Methode, ihn zu enttarnen, denkt? Wahrscheinlich schmunzelt er darüber und verlässt sich darauf, dass in Wahrheit niemand wirklich seine Identität lüften möchte. Ein Sprayer muss einfach anonym sein und sollte er noch so „bekannt“ oder gar berühmt sein. Und so ist es auch bei Bansky, dem wohl bekanntesten und beliebtesten Sprayer aller Zeiten.

Text: © Xenia Marita Riebe

Siehe auch Melbourne – City of Graffiti (in English) – Harald Naegeli – Der Sprayer von Zürich

Keith Haring – Der sensible Graffitikünstler

Veröffentlicht in Kunst

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