Mit der Seilbahn an das Ende der Welt

Die Beara Halbinsel, im Südwesten Irlands, hat Naturliebhabern viel zu bieten

Der Ring of Kerry ist wegen seiner landschaftlichen Reize bei Irlandtouristen beliebt. Weniger bekannt, aber nicht weniger reizvoll, ist der Ring of Beara, auf dem man die gleichnamige Halbinsel im äußersten Südwesten Irlands umfahren kann.

Wir starteten an einem Wintermorgen in Glengarriff. Kaum vorbereitet, aber mit offenen Augen für die Schönheit der Landschaft und nicht ahnend, dass uns am Ende der Beara Halbinsel ein Abenteuer der besonderen Art erwartete.

Es war ein milder sonniger Tag, typisch für das vom Golfstrom beeinflusste Klima in diesen Teil Irlands. Über den tiefblauen Himmel jagten weiße Wolkenfetzen und die Vögel sangen wie hierzulande nur im Frühling.

Als wir den Ort in Richtung Adrigole verließen, führte die Straße eine Weile durch eine mediterrane Landschaft. Palmen, Bambus und andere südliche Gewächse säumten die großzügig angelegte Straße. Aber bald wurde die Fahrbahn schmaler, um schließlich in engen Kurven in eine karstige Berglandschaft aufzusteigen. Dort beherrschten rostbraune Farbtöne, nur noch selten vom Gelb des blühenden Ginsters durchbrochen, die Vegetation. Die trockenen Gräser und kleinen Schilfarten dieser Region sind ein Zeichen dafür, dass sich zwischen den weichgerundeten Felsen Deckenmoore ausbreiten.

So fuhren wir über die in dieser Jahreszeit einsame Straße bis nach Castletownbere. Rechts von uns die unwirtliche Bergkette der Caha Mountains und links die von der Brandung umtoste Küste der Bantry Bay. Den Hungary Hill mit seinem sehenswerten Wasserfall und die vielen in die Berge eingebetteten Moorseen ließen wir an diesem Tag unerforscht.

Von Castletownbere, das den größten Naturhafen Europas besitzt, der zur Verschiffung der Erze aus den umliegenden Kupferminen im vorigen Jahrhundert angelegt wurde, führte unser Weg weiter in Richtung Dursey Island.

Wir hatten eine kurze Notiz über die verwegene Seilbahnkonstruktion gelesen, die Dursey Island mit der Beara Halbinsel verbindet, und folgten deshalb neugierig den Wegweisern mit der Aufschrift „Cable Car“.

Nach vielen Meilen kurvenreicher Straße, vorbei an verstreuten Einsiedlerhöfen und farbig gekennzeichneten Schafen und mit zuletzt rechts und links freiem Blick auf den Atlantik, erreichten wir das Ende der Halbinsel.

Das erste, was wir sahen, waren zwei stählerne Stützen zwischen denen Drahtseile gespannt waren und die blaue Kabine der Cable Car, die über uns im heftigen Wind pendelte. Sehr vertrauenerweckend wirkte die ganze Konstruktion nicht. Wir parkten den Wagen, um alles besser in Augenschein nehmen zu können. Zwei Wegweiser mit der Aufschrift:“ Moskau 3520 km und New York 5250 km“ erregten unsere Heiterkeit.

Die Bahn schien außer Betrieb zu sein. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Wir gingen hinauf zu dem verwitterten Haus, das den Motor der Cable Car zu beherbergen schien.

Hier entnahmen wir dem Fahrplan, dass gerade Mittagspause war. Die nächste Überfahrt nach Dursey Island sollte um 14.30 Uhr stattfinden.

Die Wartezeit füllten wir mit einer Kletterpartie entlang der Steilküste. Heftiger Wind wehte über den Atlantik heran und türmte das Meer zu meterhohen Wellen auf, die sich mit ungeheurer Wucht an den vorgelagerten Felsen brachen.

Pünktlich fanden wir uns wieder an der Seilbahnstation ein und sahen gerade noch, wie ein Mann große Strohballen aus seinem Auto zerrte und in die Kabine der Seilbahn stapelte. Dann raste ein weiteres Auto heran. Ein Mann sprang heraus und begrüßte freudig den Fahrgast. Uns fragte er, ob wir denn auch mit hinüber fahren wollten. Wir bejahten und er verkaufte uns zwei schöne Tickets, die in Graphik und Design keineswegs mit dem Zustand der Bahn übereinstimmten, auf denen aber stolz geschrieben stand: „Ireland`s Only Cable Car „

Dann ging es los. Wir stiegen ein. Der Bauer mit seinem kleinen Sohn und die Strohballen nahmen bereits über die Hälfte der Kabine ein. Wir schlossen die einfache Schiebetür aus Holz. Kein Sicherheitsmechanismus verhinderte das Öffnen der Tür während der Fahrt über das Meer. Die Gondel war aus blauem Metall und trug gut sichtbare Narben der Verwitterung. Auch das Geländer der Plattform, von der man in die Bahn steigen musste, war vom Rost stark angegriffen. Im Inneren der Kabine lag ein grobes Lattenrost auf dem Boden und an den Wänden, mit den winzigen fast blinden Fenstern, standen zwei Holzbänke. Überall waren Strohhalme verstreut und der Boden war verschmutzt von den schlammigen Schuhen der Bauern, für die die Drahtseilbahn die einzige Verbindung zur restlichen Welt ist. An der Wand hing ein Zettel mit einem Psalm, und darüber die Aufforderung:“Pray for your protection!“ Dieser Rat diente nicht gerade dazu, unser Sicherheitsgefühl zu steigern.

Der Bauer in seinem löchrigen Pullover und der speckigen Kappe war wortkarg und der blasse, rothaarige Junge schien seine Kindheit schon hinter sich zu haben, denn er saß schweigsam auf der Bank und zeigte nicht die geringste Regung als eine laute Hupe erklang und die Seilbahn sich ruckend in Bewegung setzte.

Zum Glück ließ sich eins der kleinen Fenster aufschieben und wir konnten durch eine buchgroße Öffnung den Pylon sehen, der dicht an der steil abfallenden Felsenküste im Boden verankert war. Als die Kabine schwankend über die Führungsschienen durch den Mast gerollt war, sahen wir tief unter uns die schwarze Steilküste mit der tosenden Brandung. Dann legten wir die Distanz von ca. 500 Metern, die Dursey Island von der Beara Halbinsel trennt, schwebend hoch über dem Atlantik zurück.

Nach ein paar bangen Minuten verließen wir die schaukelnde Kabine und wurden auf der Insel vom gleichen stürmischen Wind begrüßt. Jetzt entpuppten sich die Autos, die wir von der anderen Seite gesehen hatten, fast ausschließlich als Wracks, die scheinbar schon seit Jahren dem Zersetzungsprozess der salzhaltigen Luft ausgesetzt waren. Nur zwei Wagen schienen funktionstüchtig zu sein und in einen davon lud der Bauer sein Stroh und fuhr auf der einzigen Straße stinkend und knatternd davon.

Wir nahmen denselben Weg und trafen nach etwa einem Kilometer auf eine Ansammlung von sechs Häusern, von denen zwei noch bewohnt waren. Die anderen waren entweder zu Ruinen verfallen, oder dienten, notdürftig repariert, als Schafstall. Noch nie haben wir die Einsamkeit so direkt gespürt wie in diesem armseligen Dorf. Wir überlegten, wovon die wenigen Menschen leben, denn nirgends gab es ein Feld oder einen Garten mit Gemüse oder Kartoffeln. Außer Schafen und ein paar Kühen gab es nichts, was als Nahrung dienen konnte. Die Bewohner von Dursey Island scheinen alles Lebensnotwendige mit der Seilbahn auf ihre vergessene Insel zu bringen.

Wir ließen den Blick über die grünen Weiden schweifen und sahen in einiger Entfernung noch eine handvoll Häuser, die ebenso verfallen wirkten. Wie weltabgewandt und völlig abgeschieden musste hier das Leben der Menschen verlaufen. Die Zeit schien auf dieser grünen Insel sehr viel langsamer zu verrinnen. Nur uns, die wir von der Zivilisation geprägt sind, hetzte sie auch dort, denn die letzte Rückfahrt für diesen Tag stand kurz bevor. So konnten wir weder die Delphine und die Wale sehen, die man bei gutem Wetter an der Westspitze der Insel beobachten kann, noch das Gefühl genießen, an den Klippen von Dursey Head zu stehen und nichts als den Atlantik zwischen uns und Amerika zu wissen.

An der Seilbahnstation zurück, forderten wir die Kabine mit der Hupe an, und begaben uns ein zweites Mal auf die abenteuerliche Fahrt.

Glücklich und froh über dieses Erlebnis setzten wir schließlich unseren Fuß wieder auf Irlands festen Boden und nahmen uns vor, bei unserem nächsten Besuch den Rest der Insel zu erkunden.

Dursey Island

Dursey Island heißt in Keltisch „Oileán Baoi“, was „Island of the Bull in Viking Norse“ bedeutet. Die kleine Insel ist eine von den wenigen bewohnten Inseln vor der Südwestküste Irlands. Sie liegt an der westlichen Spitze der Beara Halbinsel im Westen des County Cork. Dursey Island ist 6.5 km lang und 1.5 km breit. Die Insel ist vom Land durch eine schmalen Streifen Wasser getrennt, den Dursey Sound, welcher starken Gezeitenströmen unterliegt. In der Mitte der Meerenge liegt ein felsiges Riff, das bei hoher Flut gänzlich überspült wird. Die friedliche Insel, die nur von einer handvoll Menschen bewohnt wird, ist mit dem Land nur durch die oben beschriebene Seilbahn verbunden, Irlands einziger Seilbahn.

In früheren Zeiten gab es auf der Insel Dursey drei Dörfer. Sie hießen Ballynacallagh, Kilmichael, und Tilickafinna und lagen von Ost nach West über die Insel verteilt. Heute sind nur noch wenige der ehemaligen Häuser erhalten. Viele sind verfallen oder dienen nur noch als Schafstall.

Im fischreichen Wasser rund um Dursey Island sind Delphine und Wale häufig zu Gast. Auch eine große Anzahl unterschiedlichster Seevögel und viele Schmetterlinge sind hier zu Hause.

Auf Dursey Island gibt es weder Geschäfte noch Restaurants oder Cafés und Besucher sollten Verpflegung mitbringen, wenn sie eine Wanderung auf Dursey Island planen.

Dursey Island Cable Car

1969 erstmalig eröffnet, blieb die Dursey Island cable car bis heute erhalten und ist bis heute das einzige Transportmittel über den Dursey Sound mit seinen turbulenten Wassern. Ihre Benutzung verspricht ein einzigartiges Erlebnis. Die einzige Seilbahn Irlands und die einzige Seilbahn Europas, die über die offene See führt, ist die große Attraktion der Insel. Reisende kommen von weit her, um einmal diese Seilbahn benutzen zum können.

CABLE CAR TIMETABLE

MONDAY TO SATURDAY

  • 9.30am – 11.00am (09:30 – 11:00)

  • 2.30pm – 5.00pm (14:30 – 17:00)

  • 7.00pm – 8.00pm  (19:00 – 20.00) Return only

SUNDAY

  • 9.30am – 10.30am (09:30 – 10:30)

  • 1.00pm – 2.30pm (13:00 – 14:30)

  • 7.00pm – 8.00pm (19:00 – 20.00) Return only

    © Text: Xenia Marita Riebe   © Fotos: Bernd Riebe

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